Sonntag, 12. Juli 2015

Noch so eine Tatsache über die Welt - Brooke Davis

Ein skurriler Roman über Trauer, Verlust und Einsamkeit

Noch so eine Tatsache über die Welt ist der Roman der australischen Autorin Brooke Davis aus dem Verlag Antje Kunstmann.

Wenn man seinen letzten Atem aushaucht, dann haucht man womöglich alles aus, seine Erinnerungen und Gedanken, die Dinge, von denen man wünschte, man hätte sie gesagt, die Dinge, von denen man wünschte, man hätte sie nicht gesagt... Seite 147



Millie ist sieben Jahre alt, ihr Vater ist an Krebs gestorben und ihre Mutter lässt sie in einem Kaufhaus zurück und verschwindet. Dort findet der 87jährige Karl sie. Auch er ist einsam, denn er ist verwitwet und aus dem Altersheim geflüchtet. Seine Macke besteht darin, dass er ständig auf einer imaginären Tastatur tippt.   Nachbarin Agatha ist 82 und lebt zurückgezogen in ihrer Wohnung. Seit dem Tod ihres Mannes, hat sie keine Kontakte mehr zur Aussenwelt und macht ihrer Einsamkeit mit lautstarken Äusserungen Luft.
Millie macht sich auf den Weg, ihre Mutter zu suchen und Karl und Agatha schliessen sich ihr an. 




Der Schreibstil der Autorin wirkt unverbraucht und sehr ungewöhnlich: teilweise witzig, manchmal poetisch ausufernd, dann aber auch sehr deutlich und direkt, manchmal wie abgehackt. Es gibt viele wiedergegebene Dialoge und Gedanken. So etwas habe ich noch nicht gelesen und habe es genossen.
Der Aufbau der Erzählung erfolgt aus der jeweiligen Sicht der drei Hauptpersonen und so enthüllen sich die Inhalte und Standpunkte der Personen nach und nach. 

Vorrangige Themen sind Verlust, Einsamkeit und Trauer. Wie damit umgegangen werden kann, wird anhand dreier völlig unterschiedlicher Charaktere aufgezeigt. Jede dieser Personen hat den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten und so zieht sich Karl aus der Welt zurück, Agatha dagegen lässt ihre Wut und Trauer an ihren Mitmenschen aus. Das geschieht in einer durchaus amüsanten Weise, wofür schon die einzelnen Macken der schrulligen Protagonisten sorgen. Am Ende entwickeln sie sich zum Positiven weiter, werden wieder umgänglich und normal.

Die Charaktere sind alle eigenwillig und auch übertrieben dargestellt. Dabei hat Millie mir von den drei Protagonisten am besten gefallen. Ihr nimmt man ab, dass sie erst 7 Jahre alt ist. Ihre Einsamkeit und ihre kindlich unbefangene Sicht auf die Dinge sind realistisch dargestellt. Es macht mich betroffen, wie sie offen über den Tod nachdenkt und die Suche nach ihrer Mutter stimmt mich richtig traurig. Dabei wüsste ich am Ende gern mehr über deren Gründe, ihr Kind einfach so zu verlassen.  

Karl hat mit seiner fürsorglichen Art Millie gut getan und man gewinnt ihn fast gern. Agatha ist mir dagegen mit ihren Stimmungsschwankungen sehr skurril vorgekommen, ihre entwaffnende Ehrlichkeit hat mich überrascht und als Kind hätte ich damit ein Problem gehabt und mich ihr nicht angeschlossen. Die Darstellung der Erwachsenen sind mir zu kindisch geraten.

Der gemeinsame Roadtrip ist schon mit recht schrägen Situationen gespickt, so wird die Schaufensterpuppe Manny wie selbstverständlich als zusätzliche Person in die Geschichte eingebaut. Gemeinsam überwinden sie die Hindernisse auf dem Weg zu dem Ort, wo Millies Mutter angeblich hingegangen ist. Dabei flieht Karl aus dem Pflegeheim und Agatha aus ihrer Einsamkeit als Witwe.

Die Aussage dieser Geschichte ist die Art und Weise der Umgehensweise mit Trauer und Tod. Hier haben sich zwei alte Leute aus ihrer Einsamkeit heraus so positiv entwickelt, dass sie wieder fähig sind, Gefühle zuzulassen und in Gemeinschaft zu leben. Sie finden zueinander, scheinen eine neue familienähnliche Gemeinschaft zu bilden und erleben wieder Freude am Leben.

Dieses Buch ist speziell, neuartig in der Erzählweise und hat doch nachdenklich machende Effekte, die lesenswert sind. Die Protagonisten gewinnt man gern und so liest sich das Buch genüsslich weg. Sicherlich ist das Empfinden hier reine Ermessenssache. Ich habe die witzigen Passagen sehr genossen. 

                                 ***Leseexemplar von vorablesen: Vielen Dank an den  Kunstmann Verlag für die Bereitstellung des Buches!***


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen