Dienstag, 17. Mai 2016

Was ich euch nicht erzählte - Celeste Ng

Ein großartiges Familienporträt, tief psychologisch beobachtet und fesselnd wie ein Krimi.

  

Was ich euch nicht erzählte ist der erste Roman von Celeste Ng. Die Autorin hat mit diesem Roman in den USA den Preis "Amazon Book of the year" gewonnen. Die deutsche Erstausgabe erscheint 2016 im dtv. 


In einer Kleinstadt in Ohio lebt in den 70er Jahren die Familie Lee. James Lee ist chinesischer Abstammung und seine Frau Marilyn ist Amerikanerin. Sie haben drei Kinder, Hannah, Nathan und Lydia, ihr intelligentes Lieblingskind. Die Polizei findet nach Lydias Verschwinden ihre Leiche im nahe gelegenen See. Mord oder Selbstmord, die Eltern glauben an Fremdverschulden, Nath hält Jack für schuldig. Allein die kleine Schwester Hannah ahnt etwas von Lydias innerer Zerrissenheit und Selbstaufgabe. Was ging in Lydia vor, welche Zweifel quälten sie?  


"Lydia, der unfreiwillige Mittelpunkt der Familie - hielt jeden Tag die Welt zusammen. Sie schluckte die Träume ihrer Eltern und unterdrückte den Widerwillen, der in ihr brodelte." Zitat Seite 159


Dieser Roman führt in eine Zeit, als Mischehen in Amerika nicht toleriert wurden und deren Kinder automatisch Aussenseiter waren.

Jedes Familienmitglied erlebt die Ausgrenzung in anderer Art und Weise und die Hoffnungen der Eltern für ihre eigenen aufgeschobenen Wünsche und Lebensträume manifestieren sich einzig in ihrer begabten Tochter Lydia, die Hoffnungsträgerin der ganzen Familie. Siehe Zitat! Sie soll diese Träume leben, aber sie zerbricht an dieser Aufgabe. 


Die Handlungsstränge wechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit ab, sie beschreiben die Jugend der Eltern, ihr Kennenlernen und die aktuellen Vorkommnisse der Familie. So bekommt der Leser allmählich ein umfassendes Bild dieser zerrütteten Familie. Die Andersartigkeit des Vaters, die aufgegebene Karriere der Mutter und die Kinder, die hinter Lydia zurückstehen. Die Tragödie ist unausweichlich, aber wie ist es zu dem Tod Lydias gekommen? 

Man erkennt, wie schwierig es für die Eltern ist, über ihre Probleme offen miteinander zu reden. Statt dessen flüchten sie sich in ein Leben der verdrängten Gefühle und erkennen nicht, dass auch ihre Kinder unter der Missachtung leiden. Die Familie versucht eigentlich nur, normal zu sein. 

Wie Lydia unter diesen Erwartungen zerbricht ist im Buch allmählich erkennbar. Sie sollte die Träume ihrer Eltern erfüllen. Ungesagte Worte haben ihr Schicksal besiegelt.  

Die Autorin hat mit solch eindringlicher Genauigkeit Gefühle und Gedanken in ihren Roman eingebaut, dass man gefesselt ist wie bei einem Krimi. Diese Familiengeschichte ist eine Tragödie, die einen nicht so schnell los lässt. Die ungesagten Worte wogen schwer und Lydia sollte die Träume ihrer Eltern erfüllen. 

Ich war beim Lesen tief betroffen und sah die unausgesprochenen Hilfeschreie der Kinder, die von den Eltern nicht gehört wurden, da sie auch als Paar nicht darüber sprechen konnten. Sie aber hatten mit Selbstzweifeln zu kämpfen und konnten die Kraft für andere nicht aufbringen. Genausowenig wie sie in Lydia einen eigenständigen Menschen mit eigenen Wünschen erkannt haben. Die ungesagten Worte wogen schwer und Lydia sollte die Träume ihrer Eltern erfüllen. Das musste sie mit ihrem Tod bezahlen.   

Doch am Ende steht trotz aller Trauer die Hoffnung, dass Hannah und Nath eine glücklichere Zukunft haben werden.  



Eine berührende Familientragödie, die zeigt, wie unausgesprochene Worte ins Aus führen können. Meisterhaft klar erzählt und voller Lebenserfahrung! Unbedingt zu empfehlen!  



 ***Rezensionsexemplar von vorablesen - Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Buches!*** 


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