Ein berührendes und aufklärendes Generationenporträt
Der Roman Wie Treibgut im Fluss von Andreas Wagner erscheint im Droemer Verlag.
Vor 250 Jahren stehen viele arme Bauern im Hunsrück vor dem Problem, ihre Familie ernähren zu können. Einige von ihnen treibt die Sehnsucht nach einem besseren Leben zu einer Auswanderung nach Amerika. Auch Peter wird von Anwerbern überzeugt und möchte auswandern, das scheitert aber schon in den Niederlanden, wo er nicht zum Hafen durchgelassen wird. Eine Rückkehr wäre eine Blamage und keine Option, die einzige Chance bietet sich ihm in einer Ansiedlung am Niederrhein, wo Arbeitskräfte und Landwirte gebraucht werden. Die protestantischen Neuzugezogenen werden von den katholischen Bewohnern dieser Gegend misstrauisch beäugt und ausgegrenzt. Freundschaften zwischen beiden Religionsrichtungen werden abgelehnt. Hier lebt man noch sehr engstirnig in seinen alten Traditionen und da gehört der Katholizismus unbedingt dazu.
Jahrzehnte später freundet sich das protestantische Mädchen Ännie mit der gleichaltrigen Katholikin Josephine an, trotz aller religiösen Anfeindungen und Kontaktverboten halten sie die Freundschaft aufrecht und bleiben sich noch als Ehefrauen und Mütter bis in den Tod eng verbunden.
Josephines Enkel ist der Ich-Erzähler Niklas aus der Gegenwart, der die Geschichte seiner Großmutter erst nach ihrem Tod heraus findet. Niklas wandert mit seinem Sohn am Rhein und hofft, aus der Geschichte seiner Großmutter zu lernen, denn er möchte seinem Sohn ein guter Vater sein. Seinen Sohn hat er nur tageweise bei sich, er betrog seine Frau und muss nun mit dieser Regelung klar kommen.
Dem Rückblick in die Vergangenheit bin ich gespannt gefolgt, es geht ums nackte Überleben, um Armut und Krieg, der Menschen auseinander reißt. Es geht um Werte, die in dieser neuen Heimat weiter gelebt werden und damit Sicherheit und Zuversicht geben. Die Distanzierung von Menschen aus religiösen Gründen ist immer schwierig, doch es hat mich erschüttert, weil beide Religionsrichtungen zum Christentum gehören. Diese Schilderung hat Andreas Wagner sehr eingehend offen gelegt und meinen Blick darauf gelenkt. Beim Lesen stellte ich mir einige Fragen zu Heimat und Gemeinschaft. Wie geht Integration heute und wie war es früher? Die Unterschiede sind gar nicht so gewaltig, auch heute noch bleiben viele Religionsgemeinschaften gern unter sich.
Andreas Wagner lenkt den Blick des Lesers sehr direkt auf die Lebensumstände seiner Figuren. Ohne kritisch zu werden macht er das Leben und die gesellschaftlichen Zustände seiner Charaktere sichtbar und erzählt von Familie, Freundschaft und Trennung, von Heimat und neuem Ankommen, von Abgrenzung aus Religionszugehörigkeit und von Hoffnungen und Niederschlägen.
Für mich war der historische Teil der Geschichte der durchaus interessantere und fesselndere, die Handlung um Niklas war eher unterhaltsam und hat den Zusammenhang zwischen den Generationen hergestellt.
Diesen Roman empfehle ich allen, die sich für geschichtliche Hintergründe interessieren und dabei bewegende Charaktere begleiten möchten.


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