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Mittwoch, 5. Januar 2022

Die Stunde zwischen Nacht und Morgen - Priska Lo Cascio

Ein grandioser, bewegender Roman 

Fesselnd, eindringlich beschreibend und tief ergreifend und mitreißend

 
In ihrem Roman "Die Stunde zwischen Nacht und Morgen", der im Droemer Verlag erscheint, erzählt Priska Lo Cascio wie sich die junge Schweizerin Eli im Frühling 1946 in Köln für die kriegsgebeutelten Menschen einsetzt und inmitten des  »Schweizer Dorfs«
ihre große Liebe kennenlernt. 

Die Schweizerin Eli Wipf steht kurz vor ihrer Hochzeit und hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie etwas für die notleidende Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg bewirken möchte. Sie schließt sich der Schweizer Spende an, einer Hilfsorganisation, die sie nach Köln schickt. In der von den Engländern besetzten Stadt leiden die Menschen zwischen den Trümmern der zerbombten Stadt Hunger, es fehlt an Kleidung und Wohnraum und Eli versorgt sehr engagiert Tag und Nacht die Notleidenden und kämpft gegen die Not an.
Sie lernt den ehemaligen Soldaten Helmut kennen, der sich rührend um seinen kleinen Bruder Mattes sorgt. Doch Helmut hat eine kriegsversehrte Seele, die sie in Schrecken versetzt.
 



Dieser historische Roman zeigt die Folgen des 2. Weltkriegs für die ausgebombte Bevölkerung und die zahlreichen Flüchtlinge und zeigt, welche Rolle die neutrale Schweiz gespielt hat. Durch die Hilfsorganisation »Schweizer Spende« wurde in Köln im »Schweizer Dorf« Notleidenden und Flüchtlingen im Hungerwinter durch eine Suppenküche, mit Kleidung und medizinischer Versorgung geholfen. Als emotionaler Part sorgt eine sich anbahnende Liebesgeschichte für Gefühle und durch die dramatischen Einblicke in die schreckliche Kriegsgefangenschaft Helmuts erlebt man die grausame Qual hautnah mit. So wie er litten viele Soldaten in russischen Gefangenlagern unter der Knute der Kriegsschuld und viele Männer ließen dort ihr Leben. Im Roman überlebt Helmut, ist aber körperlich ausgezehrt und trägt auch auf seiner Seele Verletzungen, die ihn ständig in seinen Alpträumen begegnen. 

Eli stammt aus einen reichen Elternhaus, sie soll heiraten, engagiert sich aber gegen den Willen der Familie in einer Hilfsorganisation. Ihre Aufgabe erfüllt sie, sie setzt ihre gesamte Kraft in ihre Arbeit und erkennt ganz allmählich, dass sie sich verliebt. Doch sie ist völlig beansprucht von ihrer großen Hilfsaufgabe, erlebt sie doch täglich das Leid der Menschen im zerstörten Köln, wo Frauen Trümmer sammeln und die Menschen auf dem Land hamstern, um zu überleben. Auch die Ausbreitung von Seuchen machte den Menschen zu schaffen. 

All diese realen Hintergründe hat Priska Lo Cascio in ihren Roman einfließen lassen und erzählt eine authentisch anmutende Geschichte, der mich von Anfang an gefesselt und bis zum Ende nicht losgelassen hat.

Die Autorin haucht ihren Figuren Leben ein, zeichnet sie mit eigenen Ecken und Kanten und lässt die besonderen Zeichen der Zeit für die Menschen mit einfließen. Eli wirkt emanzipiert, kampfeslustig und ist wagemutig. Vom Rollenbild der damaligen Zeit weicht sie kategorisch ab, vielleicht etwas zu stark dargestellt, aber man lässt sich gern von dieser Figur überzeugen.

Es hat mich sehr betroffen und berührt, wie glaubhaft die Szenen von Helmuts Erlebnissen in der Kriegsgefangenschaft beschrieben werden. Sofort kamen mir Personen in den Sinn, die Ähnliches durchgemacht haben. Unfassbar, welches Leid dort zusätzlich erzeugt wurde.

Priska Lo Cascios beeindruckender Roman hat mich ergriffen und sie hat es geschafft, hier Zeitgeschichte mit einer lebendigen Geschichte glaubhaft zu verbinden und neben tiefgreifenden Themen auch zu unterhalten. Das Leben kann noch so schwer sein, die Liebe lässt alles leichter ertragen.

 

***Herzlichen Dank an die Autorin und den Droemer Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

 



Montag, 6. Mai 2019

Zwei Handvoll Leben - Katharina Fuchs

Eindrucksvolle Darstellung zweier starker Frauen erklärt Deutschlands jüngste Geschichte

Ein Stück Zeitgeschichte


Katharina Fuchs Roman "Zwei Handvoll Leben" erscheint 2019 im Droemer Knaur Verlag.

Berlin 1919: Das Kaufhaus KaDeWe sucht Verkäuferinnen, diese Chance nutzt die junge Schneiderin Anna, um der Armut des Spreewalds zu entfliehen. 
1914: Charlotte wächst in Sachsen auf dem Landgut ihres dominanten Vaters auf. Als sie von ihrer Tante und deren jüdischem Ehemann in die Leipziger Ballsaison eingeführt wird, begegnet sie ihrer ersten großen Liebe. Doch der Beginn des ersten Weltkriegs zerstört ihre Pläne.
Beide Frauen begegnen sich erst 1953 in Berlin, beide haben zwei Weltkriege erlebt und ihre schicksalshaften Leben hinter sich. Die Ehe ihrer Kinder führt sie zusammen.  




"Es ist das vergessene Leben der Frauen, in dieser ganz besonderen Zeit, die bis heute nachwirkt, das ich zu Papier bringen wollte. Es wurde so lange totgeschwiegen. Zwei Handvoll Leben lässt es uns spüren." Zitat Katharina Fuchs

Ohne die Frauen der Kriegsgeneration wären wir heute in Deutschland nichts. So muss man es mal auf den Punkt bringen. Diese starken Frauen haben hart gearbeitet, persönliche Verluste erlitten, menschliche Tragödien erlebt und dennoch nicht aufgegeben und sich ihrem Schicksal ergeben. Sie haben sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Maßnahmen tapfer geschlagen. Niemand sollte das je vergessen.

In diesem Roman erzählt Katharina Fuchs bildhaft beschreibend und sehr eindrucksvoll eine Familiengeschichte, die die Geschichte ihrer Großmütter verarbeitet. Nebenbei bringt sie auch noch die Geschichte des Berliner Kaufhauses KaDeWe ins Spiel.

Der Roman teilt sich in zwei Bücher auf, die zeitlich den Ersten Weltkrieg und die Jahre um den Zweiten Weltkrieg umfassen. In diesen Abschnitten erfährt man die Lebenswege der beiden unterschiedlichen Protagonistinnen Anna und Charlotte. Die eine ist sehr arm, die andere aus wohlhabenden Verhältnissen.
Anna wuchs mit fünf Geschwistern im Spreewald auf und erlebte Hunger und Armut hautnah mit. Dennoch ermöglichten ihr ihre Eltern eine Ausbildung zur Schneiderin. Damit hatte sie ihre Eintrittskarte in eine bessere Welt.
Gleichzeitig erlebt Charlotte auf dem Gut Feltin in Sachsen echten Wohlstand und wird in die Leipziger Gesellschaft eingeführt. Sie verliebt sich und verliert die Liebe an den Krieg. Ihr machtbesessener Vater sucht nach einem Ehemann, der das Gut weiterführen soll.

Auch wenn beide Frauen mit unterschiedlichen Voraussetzungen groß werden, so eint sie einiges. Beide erleben die zwei Weltkriege, beide begegnen der Liebe ihres Lebens, treffen falsche Entscheidungen und meistern trotz vielen Widrigkeiten und Schicksalschläge ihr Leben. 
Ihre Lebensgeschichten lesen sich sehr emotional und ich habe sie mit großem Interesse verfolgt.
Durch den wunderbaren Schreibstil und die bildhaften Beschreibungen lief während des Lesens bei mir ein Kopfkino ab und ich kann mir die Handlung auch gut als Film vorstellen. 

Die zwanziger Jahre zeigen sich im ungezügelten Lebensdurst der Menschen, endlich geht es voran, die Armut und die schlechten Lebensbedingungen sind vorbei. In dieser Zeit startet auch die Erfolgsgeschichte des berühmten und luxuriösen Berliner Kaufhauses KaDeWe.

Im Roman werden viele Sehnsüchte über die Mode, die neue Form von Freihheit und den Traum von einem besseren Leben deutlich gemacht. Sie alle gipfeln auch in dem Konsumverhalten, das sich in den 20er Jahren Bahn bricht.  
 
Obwohl dieses Buch mehrere Leben erzählt, liest es sich doch schnell weg und man ist gefangen von den Erlebnissen und Widrigkeiten, die den Hauptfiguren anhaften.
Dabei hat der angenehme und sehr eingängig zu lesende Schreibstil der Autorin einen großen Anteil. Ihre Beschreibungen wirken so authentisch und lebensnah, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag.
Sie macht Stimmungen spürbar, zeigt Wünsche und Sehnsüchte auf und haucht ihren Figuren Leben ein, das lässt ein regelrechtes Kopfkino ablaufen.

Es ist darüberhinaus auch eine interessante Darstellung von deutscher Zeitgeschichte. 

Worüber ich nicht so erfreut war, ist die Beschreibung im Klappentext, hier wird der Clou des Buches leider vorweggenommen.

Mit diesem Roman habe ich ein Stück Zeitgeschichte lesen dürfen, ich konnte eintauchen in eine Welt, in der Frauen trotz fehlender Anerkennung starke Persönlichkeiten darstellten. Die lebendig dargestellte Handlung hat mit mitgerissen, die Schicksale haben mit einige Schwierigkeiten deutlich vor Augen geführt. Dieses Buch möchte ich unbedingt mit großem Nachdruck empfehlen. 


***Herzlichen Dank an den Droemer Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***




Sonntag, 7. Oktober 2018

Liebe Mrs. Bird - AJ Pearce

Liebenswerter Roman über Menschen in Kriegszeiten


"Liebe Mrs. Bird" ist der Debütroman von AJ Pearce, er erscheint im September 2018 bei Rowohlt Kindler.

Emmeline Lake, Emmy, ist 22 Jahre alt und möchte Kriegsreporterin werden. Sie nimmt eine Stelle an, die sie vermeintlich als Journalistin beim "London Evening Chronicle" beschäftigen soll, es ist aber ein Job als Sekretärin bei der Kummerkastentante einer Frauenzeitschrift, der resoluten älteren Henrietta Bird. Diese hat ziemlich veraltete Ansichten was Frauen anbelangt, anstößige Briefe ihrer Leserinnen, die auf Fragen zur Ehe, Geschlechtlichkeit oder Politik abzielen, werden aussortiert und landen im Papierkorb. Die Aufgabe des Aussortieren der anstößigen Briefe soll Emmy übernehmen, doch das bringt sie nicht übers Herz. Ihr tun die Frauen leid und sie beantwortet einzelne Briefe. 




"Mrs. Bird hing in einem anderen Zeitalter fest. Ihre Ansichten mochten vor dreißig Jahren vertretbar gewesen sein, aber nun waren sie veraltet. Es war nicht nur ihr Krieg." Zitat Seite 95
 
In "Liebe Mrs. Bird" erzählt die Autorin eine Geschichte, die ins London von 1940/41 führt, eine Zeit der nächtlichen Bombenangriffe durch deutsche Flieger und eine Zeit der Einschränkungen, Angst und der Unsicherheit mit Zerstörung und Verlust von zahlreichen Menschenleben. Die Menschen führen auch ein Alltagsleben, so erfahren wir von Mut und Verzweiflung, von Freundschaften und Liebe, die in dieser Zeit so viel schwieriger erscheint. Man lebt mehr im Jetzt.

Die Leserbriefe an Mrs. Bird werden nach schicklich und unschicklich sortiert, letztere sollen laut Mrs. Bird als unerwünschte Post in dem Müll landen. Doch die Meinung dieser alten Frau teilt Emmy überhaupt nicht, schliesslich sind die Sorgen der Leserinnen nicht so anstößig, sondern verlangen eine Antwort auf ihre Fragen. Emmy beantwortet die Briefe und gibt einzelne in Druck. Die Auflage steigt, diese Veränderung wird von Mrs. Birds Assistentin Kathleen bemerkt. 

Der Roman zeigt durch bildhafte Schilderungen die erschreckenden Zustände während des Bombenhagels durch Fliegerangriffe, die mich sehr bewegt haben. Doch die Menschen lassen sich nicht unterkriegen und setzen ihre Kräfte ein, um wieder aufzubauen, zu retten und zu helfen. Emmy hilft nach Feierabend bei der Freiwilligen Feuerwehr und nimmt Notrufe entgegen. Sie muss etwas tun, ihren Mitmenschen helfen. Doch sie ist eine junge Frau und möchte auch gern ein wenig Normalität erleben, sie besucht mit ihrer besten Freundin Bunty einige Bars und Tanzlokale. 
Bunty ist mit Bill verlobt, Emmy wird von ihrem Freund Edmund für eine Krankenschwester verlassen und verliebt sich später in Charles. Sie ist eine herzensgute Person, kann sich den Sorgen der Menschen nicht verschliessen und hat stets Mitleid. Mit ihr erleben wir die Einschränkungen der Bevölkerung Londons während der Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges und erleben, wie der Krieg geliebte Menschen tötet und die Freundschaft der Freundinnen eine Zerreißprobe wird.


Die Geschichte beginnt ein wenig trivial und etwas altmodisch anmutend mit den Sorgen der Frauen der damaligen Zeit, doch sie entwickelt sich zu einer tieferen Geschichte vor den historischen Hintergründen Londons zur Zeit des Krieges. Sie legt offen was die Menschen erlebten und wie sie unter der Kriegssituation litten und so entwickwelt sich der Roman in ein Drama über Liebe und Vertrauen in einer schwierigen Zeit.  

Der Roman ist liebenswert und leicht geschrieben. Die Leserbriefe sind vom Zeitgeist durchdrungen, die Frauen haben Fragen bezüglich Schwangerschaft, Beziehungsproblemen und wie man eine Scheidung durchführt. Auf die Dauer konnte mich das aber nicht fesseln, die Ratschläge von Emmy sind auch nicht immer richtungsweisend und daher war für mich die Entwicklung von Emmy und ihren Freunden das eigentliche Thema des Buches. Wie sie sich entwickeln und was alles geschieht wird sehr bewegend dargestellt.



Wer warmherzige Figuren mag und erfahren möchte, wie Freundschaften vor dramatischen Kriegshintergründen in Gefahr gebracht werden, der sollte sich dieses Buch näher ansehen. 


***Mit herzlichem Dank an den Kindler Verlag für die Übersendung eines Rezensionsexemplars!***






Dienstag, 20. März 2018

Die Nachtigall - Kristin Hannah

Ein bewegender Pageturner über Frauen in der Besatzungszeit Frankreichs, der etwas melodramatisch erscheint.


"Die Nachtigall" der US-amerikanischen Autorin Kristin Hannah wurde ein Weltbestseller, vor allem in den USA. 2016 erschien die deutsche Ausgabe als Übersetzung von Karolina Fell bei Rütten & Loening, einem Unternehmen des Aufbau-Verlages. (Werbung)

Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen.

 
"In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind." Zitat Seite 7

Kristin Hannahs Roman beschreibt mit dem Lebensweg zweier Schwestern eine bewegende, weil schreckliche und entbehrungsreiche Zeit des 2. Weltkriegs in Frankreich. Dieser Roman zeigt mit Vianne und Isabelle zwei Frauenschicksale, die ganz unterschiedlich agieren und auf den gut 600 Seiten kommt man ihnen und ihrem Leben sehr nahe.
Die Schilderungen sind umfangreich, es beginnt in der Kindheit der Schwestern, die auch schon von Schicksalsschlägen behaftet war, und auch in ihrem weiteren Leben bleibt ihnen keine Dramatik erspart.
Vianne lebt im kleinen Ort Carriveau im Loire-Tal, sie sorgt für ihre Familie, die sie ohne ihren Mann über Wasser halten muss und versucht daher, sich mit den deutschen Besatzern zu arrangieren, während Isabelle eine impulsive Frau ist, die sich der Résistance anschließt. Dort findet sie Anerkennung und geht ihren persönlichen Idealen nach, Familie ist für sie keine Option. Die unterschiedliche Haltung der Schwestern sorgt für Differenzen zwischen ihnen.
 

Die Thematik hinter der Geschichte ist gut gewählt, es waren stets die Frauen, die in Kriegszeiten auf sich allein gestellt viele Schwierigkeiten bewältigen mussten und dabei viel Stärke bewiesen haben. Kristin Hannah bringt das sehr bewegend zum Ausdruck. Sie schreibt fesselnd, emotional und ausführlich mit bildhafter Sprache. Dabei wird die Zeit der willkürlichen Unterwerfung durch die Besatzer, der Kältewinter und daraus resultierende allgegenwärtige Hunger sehr glaubhaft dargestellt. Doch das Hauptaugenmerk richtet die Autorin auf die persönlichen Lebenswege der Schwestern und dort lässt sie kein Leid aus, manchmal erschien mir das fast schon ein bisschen zu melodramatisch und übertrieben.  

Dennoch hab ich das flüssig erzählte Buch gern gelesen. Es sind die dramatischen Momente, die es lesenswert machen, auch wenn mir einige tiefer gehende historische Hintergründe fehlen.  

Insgesamt gesehen lebt das Werk von seiner Themenfülle, es häufen sich ausführlich geschilderte Erlebnisse und einige klischeehafte Betrachtungen zeigen den typisch amerikanischen Blick der Autorin auf Frankreich, auf das Geschehen und die Willkühr unter deutscher Besatzung. Dass es auch unter den Besatzern in Deutschland der Bevölkerung nicht anders erging, ist im Roman nicht zu erfahren.
Positiv aufgefallen ist mir, dass die Autorin mit der Figur des Hauptmanns Wolfgang Beck nicht nur negative deutsche Charaktere zeigt. Das ist aus amerikanischer Sicht eher selten.  



Dieser Roman zeigt nicht nur ein bedrückendes Bild vom Gräuel des Krieges, er steht beispielhaft für die Stärke zahlreicher Frauen, die unter enormen Entbehrungen ihre Familien durch die Mangeljahre und Kriegszeiten gebracht haben. Diesen Frauen, egal aus welchem Land, gebührt für ihre Leistung unsere Anerkennung und Achtung. 




Montag, 27. März 2017

Heute leben wir - Emmanuelle Pirotte

Eine ganz besondere Beziehung


"Heute leben wir" ist der erste Roman von Emmanuelle Pirotte und war ein großer Publikumserfolg in Frankreich, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin wurde von der Geschichte ihrer Großeltern, die im Zweiten Weltkrieg ein jüdisches Kind versteckten, inspiriert. Der Roman erscheint im Fischer Verlag.  [Werbung]


Dezember 1944: Die amerikanischen Truppen sind in den belgischen Ardennen und die SS Truppen Hitlers schlagen verzweifelte Schlachten zu Lasten der Zivilbevölkerung. In einem Dorf fliehen die Einwohner und übergeben die kleine Renée, die als jüdisches Kind versteckt worden ist, dem Pfarrer, der sie zwei Männern in einem amerikanischen Jeep überlässt. Aber die Männer sind keine Amis, sondern SS Soldaten auf Spähfahrt. Das Kind übt eine ganz besondere Wirkung auf Matthias, einen SS-Offizier aus und anstatt es zu erschiessen, tötet  Matthias den anderen Soldaten. Beide sind nun auf der Flucht, er als GI getarnt und Reneé als Christin. 




"Dieses Kind flösste ihm eine Kraft ein, eine Lebensenergie, eine neue Lust aufs Dasein, die ihn mitrissen und stärker beherrschten als alles, was er bis dahin für die Antriebskräfte seiner Existenz gehalten hat..." Zitat Seite 225


Dieser Roman hat mich sehr gefordert, es ist die ernste Kriegsthematik, die Judenverfolgung und all das Leid der Kriegszeit, die hier das dramatische Hintergrundszenario ausmacht. Kein einfaches Thema und so musste ich mich regelrecht überwinden, den Roman zu lesen.

Es geht um den SS-Offizier Matthias und seine Begleitung Reneé, die ein elternloses jüdisches Kind von circa 6-7 Jahren ist. Beide sind im Grunde auf der Flucht und eine innere Verbundenheit schweißt sie zusammen. Es ist ein starkes Band zwischen den Beiden, das man sich kaum erklären kann. Vielleicht fühlt sich Matthias durch das Kind gebraucht und emotional angerührt, sie sucht wahrscheinlich einen Vaterersatz, eine Bezugsperson und einen Menschen, der ihr nahe steht.

Man erfährt, dass Matthias die Judenvernichtung und den Rassenidealismus ablehnt, aber als Soldat ohne Skrupel töten kann. Wie weit er dem Nazi-Regime anhängt, bleibt irgendwie ungewiss. Er scheint sich irgendwie vom Nationalsozialismus zu distanzieren, aber als Soldat handelt er im Sinne seiner Auftraggeber, ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Das finde ich sehr widersprüchlich.
Als er Reneé trifft, rührt sie sein Herz. Matthias ist kein Sympathieträger und dadurch eine interessante Figur und Reneé hat etwas an sich, was man sich nicht erklären kann. Eine unschuldige Seele, die lebensklug ist und sich Matthias ohne Abscheu anschliesst.   

Die Autorin zeigt die Grausamkeit des Krieges und gleichzeitig die anrührende Kraft, die von einem Kind ausgeht. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, es entsteht eine fesselnde Odyssee, die Gefühle offenlegt, berührt und mich tief bewegt. Dennoch fehlt mir etwas mehr Klarheit in den Charakteren.

Was mir am Roman gut gefällt, ist die Tatsache, das die ernste Thematik von Krieg, Verfolgung und Verbrechen ohne wertende Kritik geschildert wird. Alle Gräueltaten werden fast nüchtern betrachtet gezeigt, auch wenn sie mich erschüttern. 
Deutlich wird aber auch, wie hier manche Menschen den Mut aufbringen, anderen in Not zu helfen und sie den Verfolgern zu entziehen. Dieser Aspekt ist für mich die wichtigste Aussage des Romans und die Hoffnung auf das Gute im Menschen bleibt dadurch bestehen.


Dieser Roman ist sehr speziell, er fesselt, erschüttert und berührt gleichermaßen mit seiner ernsten Thematik.

 
***Herzlichen Dank für dieses Rezensionsexemplar, das ich als Buchflüsterer von buecher.de erhalten habe!*** 


Samstag, 25. Februar 2017

Gestorben wird immer - Alexandra Fröhlich

Ein wunderbarer Familienroman, der mit Emotionen, Beziehungen, Kriegsfolgen und drei Frauenschicksalen gut und ergreifend unterhält.

Von Alexandra Fröhlich stammt der Familienroman "Gestorben wird immer", der im Penguin Verlag 2016 erschien und zu einem Spiegel Bestseller wurde.

Agnes Weisgut ist 91 Jahre alt und führt seit Jahren einen Steinmetzbetrieb in Hamburg. Das Geschäft mit dem Tod floriert, doch auch in ihrem Leben hat Agnes den Tod häufiger gesehen als ihr lieb war. Die Kriegsjahre brachten sie dazu, mit ihren Kindern aus Ost-Preußen zu fliehen und nur ihrem Wagemut und ihrem Fleiß ist es zu verdanken, dass sie ihrer Familie in Hamburg eine neue Existenz aufgebaut hat. Doch die Vergangenheit birgt einige schreckliche Geheimnisse, die sie sich endlich von der Seele reden will. Sie möchte ihre Familie einweihen und schickt ihre Enkeltochter Birte los, die Familienmitglieder und die verschollene Tochter Martha zusammenzutrommeln. Die Wahrheit muss endlich ans Licht!


"Eine Tochter ohne Mutter. Eine Mutter ohne Tochter. Das passte zusammen, fand Birte. Da konnte doch die eine der anderen geben, was sie beide brauchten." Zitat Seite 154

Dieser Roman ist sehr ausdrucksstark, emotional und inhaltsschwer!
Ich wurde mitgerissen von dieser Geschichte und habe die vielen Tiefschläge und Schicksale gespannt mitverfolgt. Auch wenn hier beinah in einem Plauderton erzählt wird, enthalten die Dialoge und Inhalte doch bewegende Szenen und tiefgreifende Erlebnisse. Besser kann Geschichte nicht erzählt werden. Einmal angefangen, mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.


Vorab muss man wissen, hier wird aus drei zeitlichen Perspektiven berichtet, die jeweils einem Frauenschicksal der Familie Weisgut zuzuordnen ist.
Allen voran Großmutter Agnes Weisgut, deren Jugend in Ost-Preußen in die entbehrungsreiche Zeit des 2. Weltkrieges fiel. Ihre Erlebnisse erweitern den Roman neben den geschichtlichen Ereignissen um eine Art Zeitzeugenbericht. Es geht um die schwierige Kriegszeit und Not,  Judenverfolgung, die Rolle der Frau und Mutter in dieser Zeit um 1937 und um Agnes persönliche Probleme in ihrer Ehe unter dem Dach mit ihrer herrschsüchtigen Schwiegermutter.
Agnes Schicksal zeigt ergreifende Szenen, sie kämpft für ihre Kinder wie eine Löwin und lädt im Endeffekt durch ihr Handeln auch Schuld auf sich. Diese Schuld soll ihre Familie nun erfahren, sie möchte, dass sie verstehen und auch verzeihen.  

Ihre Enkelin Birte wird für die Zeit ab 1978 die Erzählerin. Sie ist in der Schule eine Außenseiterin, liest viel und wird wegen ihres Übergewichts gemobbt. Zu dieser Zeit verschwindet ihre Mutter Martha, die ständig unter Kopfschmerzen und Albträumen leidet. Ein Zustand, der Birte lebenslang leiden lässt. Warum hat ihre Mutter sie und ihren Bruder Peter im Stich gelassen.
Ab 2008 macht sich Birte nun auf Wunsch ihrer Großmutter auf die Suche nach ihrer verschollenen Mutter.

Als Leser erlangt man durch die zeitlichen Wechsel ein umfassendes Bild der Familie. Nach und nach kommt man den Geheimnissen auf die Schliche. Die Auswirkung bestimmter Ereignisse haben Folgen für die nachfolgenden Zeiten. Man taucht dadurch in die jeweiligen Personen noch tiefer ein.

Alexandra Fröhlich gelingt es sehr anschaulich, die drei Frauenfiguren als ganz spezielle Charaktere zu beschreiben. Birte kommt als realistisch denkende, erfolgreiche junge Frau daher, die immer noch unter dem Verlust ihrer Mutter leidet. Ihr trockener Humor hat die Handlung stets aufgelockert und macht sie sehr sympathisch. Agnes ist die Matriarchin des Familienbetriebes und gibt stets den Ton an. Marthas Person erschliesst sich erst zum Ende des Romanes ganz.

Dieser Roman zeigt die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs und es entwickelt sich daraus eine Zeitreise für den Leser. Man wird an authentisch wirkende Schauplätze geführt, erlebt Menschlichkeit, Hass, Tod und Verlust hautnah mit. 
Hier wird ein Familienepos ausgebreitet, das seinesgleichen sucht.
 

Dieser eindringlich erzählte Familienroman unterhält mit schwierigen Schicksalen, Kriegsproblematik und Schuld, aber auch mit der Hoffnung auf Heimat und eine Familie, die zusammenhält.  


***Dieses Buch ist ein Rezensionsexemplar aus dem Bloggerportal Randomhouse. Ich danke dem Penguin Verlag ganz herzlich dafür!***