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Mittwoch, 15. September 2021

Wo die wilden Väter wohnen - Björn Kern

Amüsante Verhaltensbibel über das Landleben und seine Tücken

Im Knaur Verlag erscheint Björn Kerns Buch "Wo die wilden Väter wohnen". 

Das Landleben lockt mit seiner Natur-Idylle viele Städter an, diesen Traum erfüllte sich auch Björn Kern und zog mit seiner Familie von Berlin aus ihrer Etagenwohnung aufs Land und erlebt dort einen echten Kulturschock. So einfach ist das Leben auf dem Land doch nicht, es erfordert so manche Fähigkeit. Auf einige Unsäglichkeiten war Björn nicht vorbereitet, so wie die Belästigung durch Mücken, oder die ewige Warterei auf den Überlandbuch und wie erweckt man eigentlich einen toten Fisch wieder zum Leben? Es ist nicht einfach, ein Landvater zu sein, das muss auch Björn Kern entdecken. Aber am Ende fühlt er sich dort auch wohl.    



"So ein Kind ist etwas Wunderbares. Es dient als Ausrede, all die Dinge zu kaufen, die man ohne Kind natürlich niemals kaufen würde." Zitat Seite 67

Björn Kern nimmt uns mit aufs Land, von nun an sind überfüllte Spielplätze Vergangenheit und seine Tochter Sophie kann sich hier in der Natur austoben. Gemeinsam erleben wir Vater und Tochter bei ihren kleinen und großen Herausforderungen des Landlebens und man muss einfach schmunzeln, wenn man sieht wie einiges ganz anders läuft als erhofft. Doch Björn nimmt die Herausforderung an einen gestandener Landvater an. Schon allein um seine Tochter Sophie zufrieden zu sehen. Die muss Schwimmen lernen, möchte jetzt endlich ein eigenes Tier haben und natürlich Freunde finden. 

Das Einleben ist nicht leicht, glücklicherweise steht häufig der knurrig wirkende märkische Nachbar am Gartenzaun und hilft Björn mit seinen in stoischer Ruhe dargebrachten Ratschlägen und gibt im Dialekt seine besonderen Lebensweisheiten auf spöttische Weise zum Besten. In der Ruhe liegt die Kraft, so ist seine Devise.

Der Erzählstil ist absolut flüssig und lebendig, die Anekdoten werden humorvoll in kurzen Kapiteln erzählt und zeigen, wie sich die Familie auf dem Land einlebt. Der Einblick in die Erlebnisse der Familie reicht von den ersten Angelversuchen (was macht man mit dem gefangenen Fisch?), dem eigenen Gemüseanbau (klappt nicht besonders), der Anschaffung eines Katers (ist ziemlich überdreht und hält die ganze Familie auf Trab), über Geburtstagfeier der Tochter (endet im Matsch) bis hin zum Warten auf die öffentlichen Verkehrsmittel (Busverkehr ohne Bus ist eigentlich nix). 

Man kann bei den Szenen häufig lachen und dank der bildhaften Beschreibung läuft beim Lesen ein buntes Kopfkino ab. So wird man gut und locker unterhalten und freut sich, wenn so manche heikle Situation glücklich endet.  

Ein amüsanter Einblick mit selbstironischer Reflektion auf das Leben auf dem Lande. Gute Unterhaltung mit humorvollen Szenen für Städter, die das Land lockt!  

 

***Herzlichen Dank an den Droemer Knaur Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***


Kern, Björn - Im Freien - Abenteuer vor der Tür 

Freitag, 5. Juli 2019

Marte kocht - Marte Marie Forsberg

Saisonale Wohlfühl-Küche zum Lesen, Anschauen und Nachkochen


Unter dem Titel "Marte kocht" stellt Marte Marie Forsberg Rezepte und Geschichten aus ihrem Cottage vor. Das Soulfood-Kochbuch für jede Jahreszeit erscheint im Knesebeck Verlag.

Marte Marie Forsberg ist eine Hobbyköchin und Autorin, sie lebt zusammen mit ihrem Hund Mr. Whiskey in einem ländlichen Cottage in England, hat sich als Trendsetterin einen Namen gemacht und bloggt aus ihrem Leben in "My Cottage Kitchen".

Marte Marie Forsbergs Buch enthält viele saisonale und relativ schlichte Gerichte, die zur ländlichen Küche passen. Sie hat sie stimmungvoll in Fotos in Szene gesetzt und mit ihren Texten berichtet sie aus ihrem Leben. Aufgewachsen an einem norwegischen Fjord, zog es sie in die Welt hinaus, nach Jahren des Reisens fand sie in einem Cottage auf dem Land in England ihr neues Zuhause. Den Jahreszeiten folgend, kocht sie herzhafte und süße Gerichte, die sie aus ihrer Kindheit stammen und sie auf ihren Reisen kennengelernt hat.  


Die Gliederung erfolgt nach Jahreszeiten, es finden sich verschiedene Rezepte für die bodenständige Küche im Bereich Vorspeisen, Hauptgerichte, Nachspeisen und Getränke und Konfitüren. Ich stelle mal eine Reihe der Rezepte namentlich vor. Nicht wundern, Marte beginnt mit dem Winter! 

Im Winter:
- Waldorfsalat
- rahmige Fischsuppe mit Muscheln
- norwegisch inspirierter Schweinebraten mit Senf-Krautsalat
- pochierte Birnen mit Safran und Vanille
- Lemoncurd 

Im Frühling
- Fenchel-Kartoffel-Suppe
- Risotto Milanese
- Oster-Lammkeule mit Sternanis 
- norwegisches Apfeldessert 
- Rhabarberlimonade

Im Sommer
- Frittierte Holunderblüten
- Gebackene Paprika mit Tomaten, Oliven und Mozzarella
- Ganzer Lachs mit Ingwer und Basilikum
- Pannacotta mit Limoncello und Maracuja
- rahmiger Mandel-Milchreis mit Himbeersauce
- Holunderblütensirup nach Art meiner Mutter

Im Herbst 
- Bruschetta mit Pfifferlingen
- Orangen-Nelken-Brathähnchen mit Birnen und Butternusskürbis
- Kartoffelsuppe mit Räucherlachs
- Spaghetti mit Tomatn-Muschel-Sauce
- Brombeer-Apfel-Crumble
- Mulled Cider - englischer Apfelpunsch

Die fünfte Rubrik ist dem Afternoon Tea gewidmet. 
- Karottenkuchen
- Orangen-Zimt-Knoten
- Prosecco-Scones
- Rosenwasserkekse



Dieses großformatige und hübsch eingebundene Buch ist mehr als nur ein Kochbuch, es zeigt durch die Fotos auch das Flair des englischen Landlebens auf und verführt mit echter Wohlfühlstimmung. Es ist ein Buch zum Blättern und Innehalten, zum Appetit anregen und es verleitet dazu, in den wunderschönen Fotos zu schwelgen und die Texte zu lesen. Die Stimmungen der bezaubernden Szenerie und die leckeren Gerichte werden auf den Betrachter übertragen und man möchte am liebsten sofort loslegen und Marte in ihrem Cottage besuchen oder die Rezepte nachkochen oder backen.  

Zunächst war ich verwundert über Martes Geschichten, ich hatte das in einem Kochbuch ja eher nicht in solcher Ausführlichkeit erwartet. Jetzt muss ich allerdings zugeben, sie sind unterhaltsam zu lesen und komplettieren das Ganze zu einer runden Sache. Marte erzählt authentisch und bodenständig und so hat sie ihr Buch zu einem ganz persönlichen Lebensbericht gemacht. Für die krönende Sahne auf dem Ganzen sorgen die Rezepte und die bezaubernden Fotos.  

Die Rezepte sind nicht schwer nachzumachen, die Zutatenliste finde ich überschaubar, einige Produkte sind allerdings halt regionale englische Produkte. Aber da findet man sicherlich Ersatz. 
Die Zubereitung wird ausgiebig beschrieben, Nährwertangaben oder Kalorienzahlen fehlen und auch die Dauer der Zubereitung muss man sich selbst errechnen. 
Doch das ist Marte wohl auch nicht so wichtig, viel mehr geht es ihr um ein zufriedenes Leben und das Genießen der ländlichen Idylle. 


In "Marte kocht" wird saisonale Wohlfühl-Küche zum Lesen, Anschauen und Nachkochen einfach stilvoll zelebriert und die Stimmung des englischen Landlebens bezaubernd eingefangen.  


***Herzlichen Dank für dieses Rezensionsexemplar an den Knesebeckverlag***



Dienstag, 25. Juni 2019

Bell und Harry - Jane Gardam

Sommer auf dem Land

Diese Story ist eine tolle Ferienlektüre und sorgt für ein Abtauchen in Kindheitserinnerungen und verleiht Wohlfühlstimmung


Jane Gardams Buch "The Hollow Land" wurde bereits 1981 veröffentlicht und mit dem Whitbread Book Award in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung "Bell und Harry" durch Isabel Bogdan erscheint im Hanser Berlin Verlag.

Jedes Jahr im Sommer entflieht Harry Batemans Familie dem hektischen Großstadtleben in London und macht Urlaub in Yorkshire im alten Farmhaus der Familie Teesdale. Die Eltern entspannen sich und die Kinder erleben eine Welt voller ländlicher Eindrücke. Zwischen Großstädtern und Landbewohnern prallen unterschiedliche Weltbilder aufeinander, aber Harry freundet sich mit dem achtjährigen Bell Teesdale an. Sie erleben gemeinsame Abenteuer und die Freundschaft lebt jedes Jahr in den Ferien wieder auf. 




"Was wollen die denn mit ´ner Farm? Die sitzen da nur drin rum. Die machen gar nichts." "Sie ruhen sich aus", sagte mein Grandad, "Die nehmen die Häuser zum Ausruhen von London." Zitat Seite 8


In "Bell und Harry" geht es um die Freundschaft zweier Jungen in den Ferien auf dem Land. Bell ist eines Farmers und Schafzüchters im „Hollow Land“, dem hohlen Land. Diesen Namen trägt es, weil die Gegend von unterirdischen alten Bergwerksstollen durchzogen ist. Harry ist der Sohn eines Journalisten aus London. Beide erklären sich gegenseitig ihre Welt, aber in erster Linie erleben sie spannende Abenteuer und herrliche Ferien auf dem Land.
 
Zwischen den Städtern und den Bauern herrscht anfangs noch eine Kluft aus Gegensätzen, die auf Unkenntnis beruht. Die Batemans suchen Ruhe vom Lärm der Großstadt, doch die Heuernte steht gerade an und muss vor dem nächsten Regen unbedingt erledigt werden. Die erholsame Ruhe ist dadurch natürlich gestört. 
Bell und Harry stört das nicht, sie freunden sich als Kinder schnell an und auch die Erwachsenen kommen sich näher. Die Jahre vergehen und es gehört einfach zum Leben dazu, dass die Batemans jeden Sommer wiederkehren. Die schönste Zeit im Jahr für die Jungen, denn sie hecken alles mögliche aus und erleben tolle Abenteuer.  
 
Inhaltlich sind die neun Geschichten chronologisch geordnet, sie sind allerdings nur lose wie besondere Episoden aneinander gereiht. Man begleitet die Jungen bei ihren kindlichen Abenteuern bis ins Teenageralter, und der besondere Charme zeigt sich in jedem Alter auf seine Weise. Mal erlebt man reine Feriengefühle, mal Abenteuer und es zeigen sich immer wieder ernste Dinge des Lebens, denn das Landleben ist nicht friedlich, es bedeutet harte Arbeit und ist anstrengend.  

Die Autorin beschreibt ihre Charaktere recht warmherzig und heiter, sie lässt herrliche Bilder der Hochmoore, Weiden und Berge entstehen, in denen man schwelgen kann. Es wird deutlich, wie sehr die Menschen auf dem Land schon über Generationen mit ihrer Heimat verwurzelt sind.

Jane Gardam schreibt wunderbar, sie erweckt spezielle und eigensinnige Figuren zum Leben, mit denen man sich als Leserin sofort anfreundet. Der Großvater mit seinen Geschichten und seiner Sense, die Eier-Hexe und ihre Mutter, die im Bett lebt und andere Figuren sorgen für heitere Wohlfühlstimmung. 

Als ich das Buch gelesen habe, wurde ich an meine eigene Kindheit erinnert, an Sommer, Landleben und unbekümmerte Freiheit in den großen Ferien mit Freunden und Großeltern. 

Ich konnte mich richtig in die Geschichten fallen lassen. Ich habe die Welt aus Kinderaugen gesehen Bells und Harrys Ausflüge im strömenden Regen, die waghalsige Exkursion in den unterirdischen Stollen und das Treffen mit der Eier-Hexe sehr genossen.

Während mir die ersten acht Geschichten mit ihrer Leichtigkeit gut gefallen haben, brachte die letzte eine Änderung im Erzählstil mit sich. Mit diesem Wechsel in der Tonart könnte man auch den Zeitsprung erklären. Dennoch hat gerade dieser Teil das Buch zu einem angenehmen Abschluss gebracht. 


Diese heitere, in leisen Tönen erzählte Story sorgt für ein Abtauchen in Kindheitserinnerungen an die Sommerferien auf dem Land und vermittelt eine Wohlfühlstimmung. 




Dienstag, 29. Januar 2019

Abendrot - Kent Haruf

Ein melancholischer Roman, der bewegend von Menschlichkeit, Einsamkeit und von Liebe erzählt. 



"Abendrot" ist die Fortsetzung von "Lied der Weite" des amerikanischen Autors Kent Haruf. Die Bücher erscheinen im Diogenes Verlag. 


Holt ist eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Die Menschen leben hier von der Viehzucht, so wie die alten McPheron-Brüder. Schweren Herzens müssen sie ihre Ziehtochter Victoria gehen lassen. In einem Wohntrailer lebt die Familie Wallace, unterstützt von der Sozialamtmitarbeiterin Rose, der elfjährige DJ kümmert sich liebevoll um seinen kranken Großvater. Egal wir hart das Schicksal hier zuschlägt, so gibt es doch noch Mitmenschlichkeit in Holt. Sie haben sich gegenseitig im Blick und versuchen, sich umeinander zu kümmern.
 

"Es war Samstagabend, der Himmel über ihm wolkenlos, die Sterne so blitzblank und hell, als wären sie nicht weiter weg als der nächste Pfosten des Drahtzauns, der über dem Straßengraben neben der schmalen geteerten Landstraße aufragte. Alles ringsum war klar und offen. Er liebte diesen Anblick..." Zitat Seite 286



Holt liegt in den Weiten der amerikanischen Prärie in Colorado. Das Leben dreht sich hier hauptsächlich um Viehzucht, es ist eintönig und von harter Arbeit geprägt. Jeder lebt hier seinen eigenen Alltag und doch achtet man aufeinander, wie es in Kleinstädten üblich ist.

"Abendrot" ist die Fortsetzung von "Lied der Weite" in fiktiven Städtchen Holt.
Zurück in Holt konnte ich mich gleich wieder gut einfinden und die beiden alten Brüder Raymond und Harold kamen mir wie zwei alte Bekannte vor. Sie sind Viehhalter und zeigen Menschlichkeit und es fällt ihnen schwer, von Victoria und ihrer kleinen Tochter Abschied nehmen zu müssen. Immerhin waren sie so etwas wie eine kleine Familie. 

Kent Haruf schildert in seinem Buch die Lebensumstände von normalen Menschen und Familien, das harte, einfache Leben in einer amerikanischen Kleinstadt. Und wie das in Kleinstädten nun einmal so ist, man achtet aufeinander. Das soziale Miteinander zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, auch wenn einige Personen das Gegenteil an den Tag legen. 

In Abendrot lernen wir neben bekannten Figuren auch neue Charaktere kennen. 
Da gibt es die auf Sozialhilfe angewiesene Familie Wallace, die trotz ihrer großen Liebe für die beiden Kinder mit sich selbst nicht klar kommen und Anweisungen für ein normales Leben benötigen. Rose Tyler ist ihre zuständige Sozialarbeiterin, die ihre Aufgabe ernst nimmt und über das erforderliche Maß hinaus die Familie betreut.
Wir lernen DJ Kephart kennen, ein tougher Junge und Vollwaise. Er kümmert sich um seinen kranken Großvater, ist hilfsbereit, setzt sich für andere ein, versucht Streit zu schlichten und ist fleißig. 

Inhaltlich wird durch genaue Schilderungen das Landleben beschrieben, alles dreht sich um Viehhaltung, Weidetrieb, Auktionen, Geburtshilfe und die ständige Arbeit und Sorge um die Tiere.
Wenn der Autor die Landschaft oder die Natur beschreibt, benutzt er bildhafte und sprachgewaltige Beschreibungen, die auch leicht poetisch wirken können. Doch er wird knapper und direkter, wenn er die Protagonisten sprechen lässt. So sind die Menschen hier in Holt, direkt und eher wortkarg.

Kent Harufs Schreibstil ist sehr ruhig, geradlinig, etwas melancholisch und nüchtern und lenkt trotzdem den Blick auf die Gefühle und Lebensumstände seiner Figuren. Er wertet nicht, sondern beschreibt lediglich die Menschen mit ihren zwischenmenschlichen Problemen. Kent Haruf versetzt sich gut in die Figuren hinein und bringt die tragischen Momente ihrer Schicksale deutlich zur Geltung. Ohne wertend zu werden, gibt er mit der Beschreibung der Handlung seiner Erzählung Tiefe und Gefühle mit. In Holt hat jeder mit seinen persönlichen Schwierigkeiten des Lebens zu kämpfen und doch gibt es Hilfsbereitschaft und einen Hoffnungsschimmer in dieser Einöde. Die menschliche Einsamkeit scheint hier ein besonderes Problem zu sein. Doch auch das kann überwunden werden.

Die Entwicklung der Figuren treibt Haruf immer weiter voran, sie machen ihre Erfahrungen, gute und schlechte, traurige und positive, man ist ihnen im Buch sehr nahe und erlebt alles hautnah und bewegt mit. Diese Nähe bindet mich an die Figuren und ich möchte bald lesen, wie es weitergeht in Holt und mit seinen Bewohnern. 


Ich lese die Bücher von Kent Haruf immer wieder gerne und bin fasziniert von seiner Erzählweise. Er vermag es, den Charaktern sehr nahe zu kommen und ihnen in seinen Büchern Leben einzuhauchen. Warmherzig und bewegend zeigt Haruf in "Abendrot", wie wichtig ein sozialer Zusammenhalt unter Menschen ist. Es ist ein großartiges und zeitloses Buch über Menschlichkeit und Einsamkeit. Einfach lesenswert!


***Vielen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Buch, das ich für eine Leserunde bei Wasliestdu bekommen habe!***



Rezensierte Bücher dieses Autors:

Dienstag, 30. Oktober 2018

Mittagsstunde - Dörte Hansen

Dorfleben im Wandel der Zeit

Ein literarisches Erlebnis, ein Heimatroman, der mit viel Feingefühl erzählt wird. 


Nach ihrem erfolgreichen Debüt "Altes Land" erscheint nun im Penguin Verlag Dörte Hansens zweiter Roman "Mittagsstunde".  

In Brinkebüll, einem Geestdorf, ticken die Uhren wie in allen Dörfern. Der Alltag der Bauern wird durch die Viehhaltung bestimmt. In den 1970ern sorgte die Flurbereinigung für eine entscheidende Veränderung, die auch das Höfesterben nach sich zog und die Jugend in die Städte abwandern lässt. Nur die großen Höfe überleben. Ingwer Feddersen kehrt für ein Sabbatical ins Heimatdorf zur Pflege seiner alten Großeltern zurück.


"Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft."  Zitat Seite 268


In diesem Roman entwickelt sich die Geschichte eines alten Bauerndorfs im Wandel der Zeit über sechzig Jahre. Von kleinen Bauernhöfen bis hin zur Flurbereinigung und ihren ökologisch fragwürdigen Veränderungen der Landwirtschaft. Wir lernen die Dorfbewohner näher kennen, "Dörpsminschen", die Feste feiern und hart anpacken können und von der Natur und den Jahreszeiten abhängig sind. Die ihre eigenen Geheimnisse hüten, die besondere Angewohnheiten haben oder zu solchen Unikaten zählen, wie man sie früher in jedem Dorf finden konnte.  

"Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. ... Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. 'Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. ...Halfbackte, wunderliche Menschen." Zitat Seite 35

Marret ist so ein schrulliger Charakter, der mich berührt, verwundert, weil sie in ihrer ganz eigenen Welt lebt. Als sie 17-jährig ein Kind erwartet, weiß sie nichts damit anzufangen. Ihre Eltern, die Gastwirte Sönke und Ella Feddersen, nehmen ihr diese Aufgabe ab und ziehen Ingwer groß. Er geht zum Studium nach Kiel, promoviert in Archäologie und lebt in einer Dreier WG. Lange führt er dieses Leben zu dritt, doch es füllt ihn nicht aus und mit 47 macht er ein Sabbatical, um in Brinkebüll seine demente Großmutter und seinen betagten Großvater zu pflegen.
Ingwer lässt das Dorfleben Revue passieren, zieht eine Bilanz seines Lebens und die Autorin fügt als Erzählerin einige Vorkommnisse hinzu. 

Das Buch liest sich fantastisch. Dörte Hansen zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen und ihr eingestreutes Platt sorgt für authentische Figuren. Dank der perfekt beschriebenen, knorrigen Charaktere taucht man mit ins Dorfleben ein und erlebt einen Wandel der Zeiten, der den Dörflern seine Spuren aufdrückte.


Ein wunderbarer Roman mit besonderen Charakteren, deren Geschichte man gern verfolgt. Figuren und Unikate, die sich dem Leser ins Herz graben, als wären es alte Bekannte. Ein Dorfleben im Wandel der Zeit und ein ganz besonderer Heimatroman, den man unbedingt lesen sollte.


***Mit bestem Dank an den Penguin Verlag und das Bloggerportal für die Übersendung dieses Rezensionsexemplars!***



Samstag, 15. Juli 2017

Altes Land - Dörte Hansen


Die Gummistiefelwelt oder Die Sehnsucht nach Heimat und Freiheit 


Dörte Hansens Debüt "Altes Land" erschien 2015 im Knaus Verlag und hatte schon nach kurzer Zeit großen Erfolg. [Werbung nach § 2 Nr. 5 TMG]


Dit Huus is mien und doch nich mien


"Das Haus ist meins und doch nicht meins, der nach mir kommt, nennt´s auch noch sein." Zitat Seite 258 





Dörte Hansens Buch ist in gewisser Weise ein Heimatroman, sie stellt ein altes Fachwerkhaus im Alten Land in den Mittelpunkt der Geschichte. Das alte Bauernhaus bietet die Möglichkeit, heimisch zu werden, immer wieder kommen hier Flüchtlingsschicksale an. Erst strandet dort nach dem Zweiten Weltkrieg die ostpreußische Adelige Hildegard von Kamcke mit ihrer Tochter Vera, Hildegard zieht wieder weg und später erbt Vera das Haus. Vera bleibt lange Zeit eine Fremde, die Alteingesessenen gewöhnen sich nur langsam an Neulinge und sie lässt den einst so schönen Hof verloddern. Erben für die es sich lohnen könnte, sind nicht in Sicht. Doch dann erscheint ihre Nichte Anne, sozusagen ein Großstadtflüchtling aus Hamburg, die genug hat von der abgehobenen gediegenen Lebensart der Großstädter und von ihrem sie betrügenden Mann. Anne ergreift ihre Chance vom Landleben, sie renoviert und packt an, der Hof darf nicht verfallen. Auch ihr Sohn Leon gefällt es hier gut, er ist der Enkel, den Vera nie hatte. 


Bei diesem Roman wird der Blick aufs Landleben auf die Generationenkonflikte gelenkt. Es stellt sich mir in erster Linie die Frage nach Heimat und Verbundenheit. Wann schlägt ein Mensch Wurzeln und fühlt sich heimisch? Vera hat damit ihre Probleme und sie braucht Jahrzehnte, um endlich anzukommen und diese Heimat annehmen zu können. Erst die neue Familie gibt ihr Frieden und Ruhe. 
Die Autorin nimmt aber auch den gegenwärtigen Hype vom Landleben auf die Schippe. Viele Großstädter ziehen am Wochenende in Scharen aufs Land: Frischluft schnuppern, die Kinder dürfen im Matsch spielen und Bioobst und - Gemüse sind "in", jeder geniesst die Freiheit auf dem Land. Doch nur wenige bleiben und werden hier heimisch. Viele Städter schauen ein wenig mit Verachtung auf die arbeitenden Bauern und wollen alles besser machen. Bio statt konventioneller Landwirtschaft, manche wollen aber auch nur dem Großstadtlärm entfliehen, merken aber dann den Traktorenlärm, der keine Wochentage kennt.
Die Menschen im Alten Land sind Bauern, manche etwas knorrig, alle jedoch arbeitssam und sie kleben an ihrer Scholle. Was im Besitz der Familie ist, muss Besitz bleiben.

Mir hat schon lange kein Buch mehr so gut gefallen wie "Altes Land". 

Sprachlich ein absolutes Leseerlebnis mit Humor, Ironie und Plattdeutschem Dialekt. Aber trotz der Situationskomik, kommt Dörte Hansen ihren Figuren gefühlsmäßig sehr nahe. Sie erzählt die Geschichte von Flüchtlingen aus Ostpreußen, die sich im Alten Land angesiedelt haben und doch nie heimisch wurden. Es sind Schicksale, die von einer vergessenen Generation erzählt und doch so den Blick auf heutige Flüchtige freimacht. Wer flieht, kann die Vergangenheit nicht aus seinem Kopf verbannen. Schreckliche Bilder verfolgen, Heimatgefühle ebenfalls. So ergeht es auch Vera, die als Kind mit ihrer Mutter aus Ostpreußen auf dem Obstbauernhof bei Ida Eckhoff landete.
 
Ein wunderbar anrührendes Buch, bei dem beim Lesen bei mir ein Film ablief. Das bewirkt besonders der wunderbare Erzählton mit etwas Humor, aber auch mit Wehmut, dazu die eigenwilligen Figuren, die knorrig, unangepasst handeln und trotz aller Schicksalsschläge nie aufgeben. Mal traurig anrührend, mal ironisch, mal amüsant.
  


Von mir gibt es eine absolute Empfehlung für dieses Buch, bei dem der Blick auf Generationenkonflikt, Flüchtlingsschicksale und Landleben aus unterschiedlichen Blickwinkeln freigegeben wird.  



Mittagsstunde

Zur See

Samstag, 25. März 2017

Die Blütensammlerin - Petra Durst-Benning

Schöner Abschluss der Trilogie


"Die Blütensammlerin" heißt der Roman von Autorin Petra Durst-Benning, die vielen Lesern durch ihre historischen Romane bekannt sein wird. Dieses Buch beschliesst die Trilogie aus Maierhofen und erscheint im Blanvalet Verlag. [Werbung]

Der Winter in Maierhofen verabschiedet sich langsam. Christine wurde von ihrem Mann verlassen, fühlt sich einsam und soll aus dem gemeinsamen Haus ausziehen oder die Unterhaltskosten tragen. Deshalb eröffnet sie eine Bed & Breakfast-Pension und plant Single-Wochenenden, bei denen nicht nur das Landleben im Vordergrund steht, sondern auch das gegenseitige Kennenlernen der Besucher. Als im Juni der regionale Kochwettbewerb stattfindet stellt sie ein eigenes Team auf die Beine. 



 

"Neuanfänge sind ein großes Thema hier im Ort, im Großen und im Kleinen." Seite 325

Dieser Roman hätte auch "Die Maierhofener Magie" heißen können. Denn mit viel Charme, schönen Beschreibungen des ländlich-dörflichen Flairs und unterhaltsamen Charakteren bringt Petra Durst-Benning den Leser in eine Wohlfühlstimmung, die einfach glücklich und zufrieden macht.

Es geht um Neuanfänge, um neue und alte Liebe, Beziehungen und neuen Lebensmut für Veränderungen im Leben der Protagonisten, die Teilnehmer an dem regionalen Kochwettbewerb sind.

Neben Christines Pensionsanlauf, lernen wir die Teilnehmer kennen, da hat jeder so seine speziellen Beweggründe für die Anmeldung zum Kochevent. Der Roman zeigt eine gelungene Mischung von zwischenmenschlichen Problemen und den Ideen und Planungen für das Kochevent. Es geht hinaus in die Natur, in die Wiesen zum Kräutersammeln und auf die Alm, um frischen Käse zu kaufen, aber auch die regionalen Gewerbe um Imkerei, Forellenzucht und Likörherstellung werden angesteuert. Es ist so richtig Urlaub und Erholung in der Natur.
Man fühlt sich beim Lesen mittendrin und erlebt ein buntes Spektrum diverser Genüsse des Landlebens hautnah mit. Es ist schön zu beobachten, wie die Gruppe fremder Personen langsam zusammenwächst und sich die einzelnen Teilnehmer entwickeln und wie sie ihre Mitmenschen wahrnehmen.


Natürlich geht es auch um die Liebe. Doch dieser Roman ist kein seichter Frauenroman mit Gefühlsduselei. Man kommt den Figuren sehr nahe, leidet, lacht und geniesst mit ihnen und wünscht sich ebenfalls einen Urlaub in dieser Gemeinschaft und Gegend.

Wie die rein zufällig zusammengewürfelten Personen sich der gemeinsamen Aufgabe, die Teilnahme am Kochevent, stellen und dafür jeder seine persönlichen Fähigkeiten bestens einbringt, macht Spaß zu beobachten.
Mal wieder ein Wohlfühlroman, der positiv ausgeht. Das ist zwar etwas unrealistisch, aber auch total schön. Man klappt das Buch mit einem behaglichen Gefühl zusammen und ist einfach glücklich und zufrieden.

Im Nachwort in Form eines Briefes, informiert die Autorin die Leser zum Thema Single-Börsen und anderen Treffen. Einige Rezepte für Sirup, Bowle und Likör mit Obst und Kräutern runden diesen Landleben-Roman effektvoll ab.

Ich habe mich in Maierhofen wieder richtig wohlgefühlt und dazu hat auch der wunderbar einnehmende Schreibstil von Petra Durst-Benning beigetragen.



Ein schöner Wohlfühlroman mit Urlaubsstimmung, der glücklich und zufrieden stimmt und Hoffnung weckt, wenn es im Leben nicht so glatt läuft.
 

***Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag und an das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar!***