Mittwoch, 16. September 2026

Offene See - Benjamin Myers

Ein literarischer Coming-of-Age-Roman mit atmosphärischen Naturbeschreibungen 

Im Dumont Verlag erschien 2021 Benjamin Myers Roman Offene See

Der junge Robert hat seinen Schulabschluss in der Tasche, möchte die Natur und das Meer sehen und weiß, er will nicht wie seine Vorfahren im Bergwerk arbeiten. Deshalb unternimmt er eine Wanderung entlang der englischen Küste. Unterwegs lernt er Dulcie kennen, eine schrullige ältere Frau, die den erschöpften Robert bei sich aufnimmt, für ihn Hummer und Brennnesseltee kocht und damit seine Geschmackssinne für neue Erfahrungen öffnet und ihm einige Denkanstösse mitgibt. Zwischen ihnen entsteht eine Freundschaft, sie begegnen sich mit einer tiefen Verbundenheit und tauschen sich über Politik, Literatur und das Leben in der Natur aus. Als Robert in Dulcies verfallenem Atelier ein Manuskript entdeckt, öffnet ihm das den Weg zur Literatur. 

 


"Es erinnert daran, dass nichts von Dauer ist. Alles ist im Fluss. Und die Natur trägt immer den Sieg davon." Zitat S. 265  

In diesem Buch geht es um Gespräche über Werte, um die Schönheit der Natur und deren Wandel innerhalb eines Jahres, als auch im Laufe der Zeiten. Wir erleben eine wunderschöne sommerliche Atmosphäre und die Kraft einer besonderen Freundschaft, die dem jungen Robert seinen Weg ins Leben weist und ihn für die Literatur begeistert. 

Benjamin Myers hat ein sprachliches Talent, das einfach einzigartig ist. Wunderbar einfühlsam fängt er spezielle Stimmungen und Beobachtungen in der Natur ein, die ich sehr genossen habe. An einige seiner nicht enden wollenden Kettensätze musste ich mich erst gewöhnen, hier mal ein Teil so eines Satzes:

"Vor diesen Häusern sah ich alte, handgefertigte Hummerreusen, manche halb verwittert, ausgefranste Taurollen, Blumentöpfe, in denen Kräuter wie Petersilie, Schnittlauch und Thymian wuchsen, Treibholz, vom Meer zu abstrakten länglichen und rundlichen Formen geschliffen, und überall lagen diese mundgeblasenen Schwimmkörperkugeln aus buntem Glas, die in der Sonne glänzten..." Zitat S. 128 

Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert kreisen um das Leben, sie führt ihn an Literatur heran und erzählt von Krieg und Verfolgung und darüber, welche Auswirkungen Kriege auf die Menschen haben. In diesen Szenen konnte ich das Erzählte zwar nachvollziehen, fand es aber sehr negativ behaftet. 

Das Aufeinandertreffen von Dulcie und Robert ist für beide ein Gücksfall. Sie genießt die Geselligkeit mit einem Menschen und nimmt ihn so wie er ist. Sie lenkt ihn mit ihren Gesprächen, fördert sein Interesse für Literatur und kocht ihm köstliche Gerichte, für die der junge Mann sich mit der Erledigung von Arbeiten in Haus und Garten revanchiert. Aus der menschlichen Zuwendung entwickelt sich eine selbstver-ständliche Freundschaft, die in ihrem weiteren Leben noch Bestand hat. 

"Offenes Meer" ist ein poetisches Buch für die Sinne, mit komplexem, tiefgründigem Inhalt und wunderschönen Landschafts- und Meerbeschreibungen, die mich tief berührt haben. 

 

                                   

 

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