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Freitag, 14. November 2025

Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit - Anne Stern

Hulda als Gefängnis-Hebamme

 
Bei Rowohlt Polaris erscheint mit Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit der achte Band der "Hebamme in Berlin-Reihe" von Anne Stern. 
 
Berlin, 1932: Hulda Gold arbeitet nun als Hebamme im Frauengefängnis Barnimstraße und versorgt inhaftierte Schwangere und Mütter mit ihren Kindern und steht den Frauen mit Rat und Tat zur Seite. Der Tod der jungen Insassin Ruth kommt völlig unerwartet und Hulda stellt Nachforschungen an. Auch die Kripo ist aktiv, in diesem Fall durch Kommissarin Irma Siegel, mit der Hulda nicht im Guten auseinander ging. Als Verdächtige kommt die Zellengenossin in Frage, doch die wegen versuchten Mordes Verurteilte steht kurz vor der Entbindung ihres Kindes. Warum sollte sie Ruth getötet haben? Während sich Hulda und Irma Siegel zusammenraufen, sorgt die Radikalisierung der politischen Lager für eine unheilvolle Stimmung.
 


 
Auch dieser Band spielt in Berlin und beginnt 1932. Während Hulda die Einschulung ihrer kleinen Tochter feiert, wird gerade die schwangere Anna Marwitz im Frauengefängnis in der Mütterzelle eingewiesen. Als kurz darauf die Insassin Ruth getötet wird, gerät Anna als Täterin in Verdacht. Doch das kann Hulda nicht glauben, denn die Hochschwangere hatte zu Ruth eher freundschaftliche Kontakte. 
 
Schnell bin ich in das Geschehen eingetaucht und habe neben der spannenden Mordaufklärung betroffen verfolgt, wie sich Hulda um ihre kranke Tochter sorgt. Anne Stern schildert das Geschehen wieder so lebendig und anschaulich, dass ich den Roman gespannt schnellstens ausgelesen habe. 
 
Die Handlung wird begleitet durch authentische Schilderungen, die eine düstere Atmosphäre sichtbar machen, die dem erstarkenden Nationalsozialismus und politischen Umbrüchen der Zeit geschuldet sind.  
Der Hass auf Juden, Sozialisten und Homosexuelle nimmt zu und versetzt die Betroffenen in Angst und Schrecken. Hulda scheint die drohende Gefahr noch nicht zu erkennen und setzt sich weiterhin hilfsbereit für die Schwangeren ein. 
In diesem Band kommt die emotionale Seite der Hebamme Hulda Gold sehr eindringlich zum Vorschein, sie sorgt sich um ihre schwangeren Schutzbefohlenen und vermittelt mit ihrer hilfreiche und zuversichtlichen Art spürbar Vertrauen und Hoffnung. Außerdem ist sie bemüht, den Spagat zwischen ihrem Beruf und der Mutterrolle zu schaffen. Ihre Sorge um ihre kranke Tochter Meta vermittelt Anne Stern absolut nachfühlbar und berührend. Man merkt, dass die Autorin selbst Mutter ist.  
 
Hulda Gold untersucht gemeinsam mit Irma Siegel den Mordfall und gerade durch die Zusammenarbeit kommen wesentliche Spuren ans Licht, die zur Lösung des Falles helfen. 
 
Der Roman lässt sich eigenständig lesen, doch zum besseren Verständnis sollte man einige Vorbände kennen. Die Handlung ist eine bunte Mischung aus Themen wie Mutterschaft, Wert von Freiheit und Leben in einer faschistischen Gesellschaft, die Anne Stern wunderbar miteinander verknüpft und in eine runde Geschichte verpackt.  
 
In diesem Band geht es spannend zu, aber auch bewegend und emotional und wie in der Reihe üblich, wird mit klarer Sichtweise die politische Entwicklung im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte sichtbar gemacht.  
 
 
 
***Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***  
 

  

Mittwoch, 20. Dezember 2023

19.521 Schritte - Guido Maria Kretschmer

Dieser Spaziergang bringt uns Guido, die Menschen und Berlin näher! 

Im Heyne Verlag erscheint Guido Maria Kretschmers Buch "19.521 Schritte - Vom Glück der unerwarteten Begegnungen".  
 
Guido Maria Kretschmer spaziert an einem Spätsommertag 19.521 Schritte durch Berlin, vorbei an ihm bekannten Plätzen und an Orten der Erinnerung. Es wird zu einem besonderen Tag in seinem Leben, weil er von den Menschen auf der Straße erkannt wird und so einige Begegnungen erlebt, in denen sich ihm die Menschen öffnen und ihn an ihrem Leben teilhaben lassen. 
 


 
"Wir sind unser Gepäck, wir nehmen uns mit, egal wohin die Reise geht." Zitat Seite 9

Wenn man offen und wertschätzend durchs Leben geht, kommt man den Menschen näher und sieht das Leben mal aus einer anderen Perspektive. So erging es auch Guido, als er sich im Spätsommer zu einem Gang durch Berlin aufmachte. Während dieses Weges trifft er auf fremde Menschen, und so, wie man Guido aus dem TV kennt, kommen ihm die Menschen näher und plaudern mit ihm, denn er ist sehr empathisch und nimmt an ihrem Leben teil. 
 
Auf dem Weg durch seinen früheren Wohnort Berlin erinnert sich Guido an Weggefährten, an Orte, mit denen er eine Geschichte verbindet und er trifft jede Menge Menschen, die ihn erkennen und ihn als nahbaren und empathischen Mitmenschen einschätzen, dem sie sich anvertrauen können. Guido erfährt erfüllende Momente, er wird beinahe adoptiert, er hört lustige Anekdoten und von einer großen Liebe, aber auch nachdenklich machende Lebenswege, erlebt ein skurriles Paar und nimmt Anteil an traurigen Schicksalen, die ihm in seiner Mitmenschlichkeit unglaublich nahe gehen. Guidos Erkenntnis daraus ist folgende: Jede persönliche Begegnung hat die Kraft, dauerhaft in der Erinnerung zu bleiben. Und das ist eine Chance, auch mehr über uns selbst zu erfahren. Es ist ein Geschenk, wenn man seinen Mitmenschen gegenüber offen und vorurteilsfrei begegnen kann und so ein Mensch ist Guido auf alle Fälle. 
 
Das Buch liest sich alles durch Guidos locker beschreibenden Erzählstil im Plauderton wunderbar flüssig und sehr unterhaltsam. Und neben den vielen Stadtansichten, den Straßen und Museen und den vielen Begegnungen mit unterschiedlichen Charakteren lernt man mehr über den Menschen Guido Maria Kretschmer. Denn auch Guido öffnet sich auf seinem Gang durch Berlin den Menschen und seinen Lesern. Er berichtet aus seiner Kindheit und von seiner Familie, die aus Ostpreußen stammt. Wir hören wie er früher gerne einfach mal eine Reise gebucht hätte, ihm aber die finanziellen Mittel dazu fehlten und welche speziellen Erlebnisse er mit Berliner Promis verbindet. Diese Einsichten und die unterschiedlichen Schicksale im Buch sind interessant und auch berührend zu lesen. Kaum ein Lebensweg verläuft glatt und ohne Probleme und es liegt an uns, was wir daraus machen. 
 
Dieses Buch kann man wunderbar weglesen und erfährt darin etwas über den Menschen Guido, über Berlin und seine Bewohner. Ein privater Spaziergang, der zu vielen mitmenschlichen Begegnungen führt!


***Herzlichen Dank an den Heyne Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar!***



 

Dienstag, 21. November 2023

Lindy Girls - Anne Stern

Frauenpower erobert mit Lindy Hop die Tanzbühnen der 20er Jahre Berlins

 
Bei atb erscheint der historische Roman "Lindy Girls", darin erzählt Bestsellerautorin Anne Stern von vier Frauen im Berlin der 1920er Jahre – atemlos, traumtänzerisch und romantisch.
 
Berlin 1928: Swing, Jazz und Charleston haben es über den großen Teich von Amerika in die Tanzlokale Berlins geschafft. Diese Musik verheißt neue Lebensfreude, die die Menschen von ihrer Armut und Arbeitslosigkeit ablenkt. Voller Enthusiasmusie gründet die Choreografin Wally eine eigene Tanzgruppe, die aus jungen, talentierten Frauen besteht, die sie von der Straße weg engagiert hat. Die Truppe ist gut, das Programm mitreißend und doch wird es schwer, Auftrittsmöglichkeiten zu bekommen, denn die Verträge in den Tanzpalästen und Varietés schließen immer noch die Männer. Trotzdem geben die Lindy Girls nicht auf und trainieren weiter bis ans Limit.  


 
Anne Stern erzählt von der Gründung und dem Teamgeist der "Lindy Girls", einer Tanzgruppe in Berlin, die von ihrer Choreographin Wally angeführt werden. Alle Tänzerinnen sind junge, lebensbejahende Frauen, die sich vor lauter Lebensfreude dem Tanz widmen und mit ihrer Truppe Erfolge feiern wollen. 

Was auf der Bühne nach Gold und Glamour aussieht, ist in Wahrheit harte Tanzarbeit und die Frauen haben alle ihre persönlichen Sorgen, die sie umtreiben. 
Gila möchte Schriftstellerin werden, doch dort beherrschen die Männer das Metier. Alice arbeitet in einer Nähmaschinenfabrik, sie muss mit ihrem knappen Verdienst ihren kleinen Bruder durchbringen. Thea kommt aus reichem Hause, sie träumt davon, mit einem Job unabhängig zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen. Doch das wird ihr von der Familie verwehrt.
Das Leben bringt die Liebe in die Herzen der Frauen und es ist fraglich, ob die Frauen weiter an ihrem Ziel der Tanztruppe fest halten.
 
Kapitelweise taucht man aus der Perspektive der Tänzerinnen, ihrer Choreografin und einiger Männer in die Erlebnisse dieser Figuren ein und erfährt von ihren Nöten, Problemen und Gefühlen. 
In dieser Nachkriegszeit war die Armut der Bevölkerung groß, die Träume der Menschen fanden in Musik und Tanz neue Ablenkung und ließen die eigenen Probleme vergessen. Gleichzeitig bahnt sich eine politische Entwicklung der Nazibewegung ab, die auch im Roman sichtbar wird. 

Anne Stern führt uns in ihrem großartig erzählten Roman die glitzernde Mode mit Fransenkleidern und Kopfschmuck vor Augen und lässt uns an den Proben der Tanztruppe teilnehmen. Damit gewinnt die Handlung an Tempo und Lebensfreude, denn neue Tanzmoves, Ausdrucksformen und Musik swingen munter mit und lassen das Zeitgefühl lebendig werden.
 
In "Lindy Girls" taucht man als Zeitzeuge ins Berlin der 20er Jahre ein und erlebt eine rasante Geschichte, die mit dem Schicksal der Hauptfiguren fesselt und das Lebensgefühl des Swings und des Lindy Hop als Zeichen des neu erwachten Lebensgefühls dieser Zeit nachfühlbar macht. 
 
Eindringlich, rasant und mit viel Rythmus wird hier das Lebensgefühl der 20er Jahre spürbar!
 
***Herzlichen Dank an den Aufbau Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***


Samstag, 24. Juni 2023

KaDeWe - Haus der Wünsche - Marie Lacrosse

Ein großartiger Abschluß der Reihe


In der Kaufhaus-Saga hat Marie Lacrosse mit "KaDeWe - Haus der Wünsche" den zweiten Band vorgelegt, der im Goldmann Verlag erscheint.
 
Berlin Mitte der 20er Jahre: Die strengen Zeiten des Kaiserreiches sind vorbei, das wilde Leben der 20er Jahre bringt wirtschaftliche Möglichkeiten und einigen Frauen ermöglicht sich auf beruflicher Ebene die Chance auf einen guten Job. Verkäuferin Rieke Krause hat im KaDeWe den Sprung zu Abteilungsleiterin erklommen, der ihr von einem männlichen Kollegen geneidet wird. 
Gleichzeitig lehrt Judith Bergmann als Dozentin an Alice Salomons Sozialer Frauenschule, sie ist mit dem neuen Geschäftsführer des KaDeWe liiert. Beide Frauen haben große Zukunftspläne, doch dann bringen die politischen Veränderungen alles durcheinander. Die jüdischen Eigentümer des KaDeWe unterliegen der nationalsozialistischen Verdrängung. 
 

 
Nachdem mit der erste Band um das Kaufhaus und seine Figuren so gut gefallen hat, musste ich unbedingt den abschliessenden Band lesen. Erneut hat mich der wunderbar flüssige und bildhafte Schreibstil der Autorin durch das Buch getragen, gespannt folgte ich den lebendig wirkenden Figuren und bin gefesselt in diese authentisch beschrieben Zeit eingetaucht. 

Marie Lacrosse hat einfach ein Händchen für eine interessante und realistische Ausgestaltung der Charaktere und erweckt sie mit vielen unterschiedlichen Facetten und Emotionen zum Leben. Die Schicksale passen zur damaligen Zeit, die politischen Veränderungen kann man dadurch nah und sehr glaubhaft miterleben.
Die Handlung ist emotional, spannend und so zeitbeschreibend, daß man sich spürbar in diese Zeit hinein versetzt fühlt.
Die 20er Jahre bringen neuen Schwung in die Wirtschaft und in das Lebensgefühl der Menschen, viele können sich wieder etwas gönnen. Aber es gibt auch noch viele arme Leute, die sich mühsam ihren Lebensunterhalt erarbeiten. Martin Tietz, der neue Geschäftsführer im Kaufhaus, baut das Ambiente und das Angebot im Luxussegment weiter aus, die Reichen sind ihm die liebsten Kunden. Politisch gesehen, bietet sich in Deutschland den Nationalsozialisten ein fruchtbarer Boden, sie breiten sich immer weiter aus und die Juden immer mehr aus den Geschäften.

Einmal mehr hat mich Marie Lacrosse mit ihren Figuren mitfühlen lassen, die Freuden, Sorgen und Nöte der Menschen erzählt und mir damit die Zeit bildhaft und emotional vor Augen geführt. Die abwechslungsreiche Geschichte zeigt wie sich Frauen im Berufsleben gegenüber den Männern behaupten mussten, wie viele Menschen trotz Wirtschaftsaufschwung in Armut und Not leben mussten und wie sich der Neid auf reiche Mitbürger und jüdische Geschäftsleute ausweitete und eine Welle der Judenverfolgung in Gang setzte.

Die Handlung um die Protagonistinnen Rieke und Judith gewährt differenzierte Einblicke in die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und beschreibt die Lage der jüdischen Bevölkerung, die mehr und mehr angefeindet werden. 

Für mich war dieser fesselnde Abschluß der Dilogie ein echtes Lesevergnügen, das mich mit dem Geschehen rund um das Kaufhaus gut unterhalten hat und außerdem die politische Entwicklung dieser Zeit nachvollziehbar wiedergegeben hat. 

***Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Goldmann Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
 


Freitag, 17. März 2023

Hochmut kommt vor dem Farn - Mona Nikolay

Unterhaltsamer Krimi im Kleingartenmilieu 

Aus die Maus für die Kolonie Harmonie!

"Hochmut kommt vor dem Farn" ist der dritte Band der Schrebergarten-Krimi-Reihe von Mona Nikolay (Eva Siegmund) aus dem Droemer Verlag.
 
Manne Nowak (Ex-Polizist) ist stocksauer, denn trotz aller Proteste der Laubenpieper soll das ganze Gelände der Gartenkolonie Harmonie in Berlin jetzt platt gemacht werden. Besonders makaber ist der Umstand, dass auf dem Koloniegelände ausgerechnet eine Fabrik für Indoor-Gardening-Systeme entstehen soll. Manne wird also seinen schönen Garten räumen müssen, doch dann weckt ein Todesfall seine und Detektei-Partnerin Caro von Ribbeks Aufmerksamkeit. Die Tote ist ausgerechnet die Senatorin, die sich von politischer Seite für den Neubau eingesetzt hat. Ist vielleicht der Mörder bei den vergrellten Laubenpiepern zu finden? Manne und Caro machen sich auf die Tätersuche! 
  



 
Auch in ihrem dritten Fall sorgt das ungleiche Detektivpaar Manne und Caro für unterhaltsame Aufklärungsarbeit. Bei einem Mordfall dürfen Caro und Manne die Ermittlungen von Kommissar Carsten Blume begleiten. Und wie gewohnt hat Caro intuitiv den richtigen Riecher und zieht am Ende die entscheidenden Schlüsse. Die umfangreichen Befragungen führen nicht nur zu den Kleingärtnern, deshalb kann man gut mitraten und bekommt immer einige Informationen, die aber dann doch nicht zum Ziel führen. Diese Wendungen machen den eigentlichen Spannungseffekt im Buch aus. Als die Ermittlungen dann von Erfolg gekrönt sind und der Fall abgeschlossen ist, reist Manne mit seiner Frau endlich zur indischen Hochzeit seines Sohns nach London.
 
Der lockere Erzählstil ist sehr flüssig, die Figuren wirken lebendig und der Krimi liest sich unterhaltsam weg. Für kurzweilige Spannung sorgen mit humorvollen Dialoge der beiden Detektive auch die vielseitigen Ermittlungswege.
 
Auch der dritte Band der Reihe ist ein angenehmer Krimi zum entspannten Weglesen!  

***Herzlichen Dank an den Droemer Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
 
 
 

 

Samstag, 4. Februar 2023

Die Heimkehr der Störche - Theresia Graw

Anschaulich und packend erzählte Zeitgeschichte 

 
Der historische Roman "Die Heimkehr der Störche" von Theresia Graw ist der zweite Band der Gutsherrin-Saga aus dem Ullstein Verlag. 

1952: Dora landet nach ihrer Flucht aus Ostpreußen auf einem Hof in der Lüneburger Heide, wo sie hart arbeitet und von einem Studium der Tiermedizin träumt. Als sie eine Zusage zum Studium an der Universität in Ostberlin bekommt, nimmt sie an und findet dort auch ihre große Liebe Curt wieder, der dort im Gefängnis einsitzt. Dora nimmt die Herausforderung an und kämpft um Curts Freilassung und um ihre Liebe. 





Da ich den ersten Band der Reihe nicht kenne, war ich skeptisch, ob mir wichtige Inhalte fehlen würden. Doch das war überhaupt kein Problem. Theresia Graw entwickelt sehr fesselnd und interessant den Lebensweg Doras Anfang der 1950er Jahre weiter und weckt mit anschaulichen, zeitbeschreibenden Schilderungen die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der DDR zum Leben. So bekommt man den gelebten Sozialismus mit Mangelwirtschaft und politischer Bildung, sowie die Repressalien, die Bespitzelung und das Denunzieren aus nächster Nähe mit. Es wird deutlich, dass Dora noch immer auf ihre große Liebe Curt hofft, der in einem Stasigefängnis eine lange Strafe absitzen muss. Sie hat Glück, weil sie einen Studiumsplatz bekommt und mit Kind bei der Familie ihrer Schwägerin unterkommen kann. Doch dann trifft sie wie viele anderen Bewohner der DDR ein Schicksal, das ein Leben in Freiheit und Gleichheit nicht möglich macht. 
Ich war gefesselt von Doras Erlebnissen, war geschockt, als sie von der Stasi instrumentalisiert wird und habe mit ihr gebangt, als sie 1953 in die Wirren des Volksaufstand gerät.  
 
In diesem Roman geht es um Vertreibung, Flucht, Lebensträume und Familie und ein Leben in der DDR, mit allen Facetten des Sozialismus. Wer diese Zeit nicht miterlebt hat oder darüber gehört hat, bekommt hier einen umfassenden Eindruck, der vielleicht die Probleme extrem bündelt, aber doch den Kern der Lage genau benennt. Durch diese Szenen entsteht eine spannende Geschichte, der man sich nicht entziehen kann.  
Der Roman unterteilt sich in drei Teile, die ersten beiden Teile waren für mich perfekt, der dritte fällt dagegen etwas ab, was aber meiner Bewertung nichts anhaben kann. Denn die Geschichte ist einfach unglaublich mitreißend und absolut zeitbeschreibend, dass ich das Buch in wenigen Tagen ausgelesen habe. 
 
Dieser Roman ist unglaublich mitreißend und fesselnd geschrieben, denn er verbindet eine interessante Familiengeschichte mit Liebe und packender deutscher Zeitgeschichte, sodaß man direkt in die Zeit eintaucht und alles gefesselt liest. Unbedingt lesen! 



Dienstag, 22. November 2022

Fräulein Gold: Die Rote Insel - Anne Stern

Emotionaler und intensiv erzählter Roman mit viel Zeitgeschehen

"Fräulein Gold: Die Rote Insel" ist der fünfte Band der Hulda Gold-Reihe von Anne Stern, die im Rowohlt Verlag erscheint.

Berlin, 1926: Hulda Gold arbeitet nicht mehr als Hebamme in der Frauenklinik und musste auch ihr Zimmer räumen. Sie arbeitet nun als Helferin in der Praxis von Grete Fischer auf der Roten Insel, einem Arbeiterviertel fern von ihrer alten Heimat. In der Praxis kümmern sie sich um Menschen in Armut. Täglich werden die politischen Spannungen mehr, die Konflikte zwischen Kommunisten, Anhängern der nationalsozialistischen Bewegung und den Ringvereinen sorgen für Unruhen. Grete hält zu der kommunistischen Gruppe und als die Stimmung in Gewalt umschlägt, findet sich Hulda zwischen den Fronten wieder.
 


 
Auch ohne Vorkenntnisse der anderen Bände konnte ich der Story problemlos folgen, einige Rückblicke nehmen Bezug auf vergangene Szenen und so habe ich die entscheidenden Figuren der Reihe kennenlernen können. Der flüssige und eindringliche Erzählstil hat mich schnell gefesselt und durch die bildhaft beschriebenen Szenen lief bei mir ein regelrechtes Kopfkino ab. Anne Stern haucht ihren Figuren mit ihren persönlichen Sorgen und Emotionen nachfühlbar Leben ein und besonders Hulda habe ich gerne auf ihrem schwierigen und ungewissen Weg als Schwangere begleitet.
 
Dieser Roman unterhält mit einem fesselnden Erzählstil und die bildgewaltigen Szenen beschreiben auf packende Weise sehr nachvollziehbar die politischen Spannungen und Auseinandersetzungen dieser Zeit in Berlin. Hulda sorgt sich um ihre und die Zukunft ihres Kindes, sie hat Existenzängste und vermisst ihren Beruf als Hebamme. Ihre Erlebnisse habe ich von Anfang bis Ende mit Spannung verfolgt. Aber auch die Nöte, die Armut und die Krankheiten, die die Menschen dieser Zeit peinigen, hat die Autorin sehr klar umrissen.
Anne Stern verwebt hier Fiktion und politisches Zeitgeschehen zu einer runden Geschichte, die mich bis zum Ende gefesselt hat. Die Beschreibung der politischen Entwicklung nach der Weimarer Republik, die vielen Gruppierungen und deren Spaltung und die örtlichen Gegebenheiten Berlins setzen eine umfassende Recherchearbeit Anne Sterns voraus, durch die mir diese Zeit besser und lebendiger verständlich gemacht wurde als jemals im Geschichtsunterricht zuvor. Das Nachwort ist sehr interessant, denn dort bringt Anne Stern alles noch einmal auf den Punkt.
 
Karl tritt wieder in Huldas Leben, gerade noch rechtzeitig, um ihr bei der Geburt ihrer Tochter hilfreich zur Seite zu stehen. Die Geburt dieses kleine Sonnenscheins ist auf alle Fälle ein Höhepunkt dieses Bandes, durch den einige Figuren wieder näher zueinander rücken werden. Es ist für Hulda ein Neustart, den sie aber zu nutzen weiß und ich hoffe für sie, dass sie im nächsten Band wieder als Hebamme arbeiten kann. Vielleicht spielt auch Grete dann wieder eine Rolle als Medizinerin. 
 

Ein emotionaler und intensiv erzählter Roman, der die spannende und mitreißende Geschichte Hulda Golds vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung zeigt und Berliner Kolorit versprüht. Wer diese Reihe einmal begonnen hat, der wird Huldas Lebensweg weiter verfolgen wollen.


***Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***



Samstag, 13. August 2022

Drei Tage im August - Anne Stern

Ein großartig erzählter Roman, mein bisheriges Jahreshighlight
 
Jeder Mensch braucht einen Zufluchtsort in schweren Zeiten 
 
Anne Sterns Roman "Drei Tage im August" erscheint im Aufbau Taschenbuch Verlag. 
 
Berlin, 5.-7. August 1936: Die Stadt ist Ausrichter der Olympischen Spiele und Menschen aus aller Welt besuchen die Hauptstadt. Einige verirren sich auch in die Chocolaterie Sawade, die in der Straße Unter den Linden ansässig ist, wo bereits Hakenkreuzfahnen gehisst sind. Dort führt die alleinstehende, etwas schwermütige Elfi als Prokuristin die Geschäfte, sie lebt für das kleine Pralinengeschäft. Es ist ihre Zuflucht und gegen ihre Schwermut helfen ihr die wunderbaren Kreationen aus Nougat, Krokant und Schokolade und an diesem wunderbaren Ort, erhält sie sich die Menschlichkeit in einer Zeit, als der Einfluß der Nationalsozialisten immer mehr zunimmt. Als Elfie von dem Geheimnis einer besonderen Praline erfährt, gerät ihr sonst so ruhiges und beständiges Leben in Aufruhr. Wird sie ihre eigenen Sehnsüchte entdecken und verfolgen?
 


 
Kakaobäume und Linden gehören zu den Malvengewächsen, deshalb wundert es nicht, dass den Linden in diesem Roman eine Erzählerstimme gegeben wird und sie in unmittelbarer Nachbarschaft zur Chocolaterie Sawade stehen. 
Anne Stern hat ihren wunderbar erzählten Roman genau in die Prachtstraße "Unter den Linden" hineingepflanzt und lässt uns drei Tage im August 1936 miterleben. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen mehrere Personen, die in dieser Zeit dort leben und unter dem Einfluß der zunehmenden Unmenschlichkeit Einschränkungen erfahren oder persönliche Veränderungen erleben. Elfie hat sich ihren eigene kleine Welt inmitten der Chocolterie geschaffen, der Duft von Schokolade und der Anblick der Pralinen machen sie glücklich. Da wäre noch ihre Kollegin Trude, die den jüdischen Buchhändler Franz Marcus verehrt, der nicht weiß, ob er noch in Berlin bleiben kann. Das kleine Blumenmädchen Rosa, der Barbesitzer El Hamady, der jetzt bestimmte Musik nicht mehr spielen darf. Über der Chocolaterie wohnt die hochbetagte Madame Conte, die jede Woche ihre Pralinenbestellung aufgibt. Sie lädt Elfie zu sich ein und erzählt ihr ihre Lebensgeschichte, die das Geheimnis des Hauses Sawade enthält. 
 
Anne Stern hat mich mit diesem Roman von Anfang bis Ende gebannt, unglaublich berührt und wunderbar unterhalten und mich in eine Welt voller süßer Köstlichkeiten geführt. Gleichzeitig hat sie mich aber auch drei Tage in einem gefährlichen Berlin erleben lassen, als die Nazis die Menschlichkeit aufhoben und zur Gefahr wurden. Es ist ihr ganz hervorragend gelungen, zwischen diesen kleinen schönen Zufluchtsorten, freundschaftlichen Momenten auch die schrecklichen politischen Veränderungen der Zeit einfließen zu lassen. Ich bin eingetaucht in eine andere Zeit, einen anderen Ort und war in einer Atmosphäre gefangen, die mich kapitelweise von einer Figur zur nächsten geführt hat, immer begleitet von den Linden, die die Szenerie allseits begleiten und ihre Gedanken beifügen.

Der Erzählstil ist ein echter Genuss, die sprechenden Linden wirken regelrecht poetisch, die Alltagsszenen werden lebendig geschildert und sorgen mittels Berliner Dialekt für authentisches Flair. Die Charaktere sind bunt gemischt und suchen sich ihren Zufluchtsort oder Zufluchtsmoment. Alle haben in dieser Zeit mit Problemen zu kämpfen, mal mehr, mal weniger brisant. 

Ein ganz großartiger und berührender Roman, der von menschlicher Sehnsucht handelt, von Zuversicht und Lebenswillen in schwierigen Zeiten erzählt und mir den verführerischen Zauber der Chocolaterie  vorgespielt hat, dass ich schon fast süße Halluzinationen hatte. Was soll ich groß sagen? Es ist mein bisheriges Highlight des Jahres! Chapeau, liebe Anne Stern! 
 
 
***Herzlichen Dank an den Aufbau Verlag für dieses wunderbare Reziexemplar!*** 
 


Sonntag, 3. Juli 2022

Die Freundinnen vom Strandbad - Julie Heiland

 
Freundinnen für immer in der DDR
 
Aufwühlend erzählter Roman über Träume und Aussichten in Ostberlin vor dem Mauerbau

Der Roman "Die Freundinnen vom Strandbad - Wellen des Schicksals" ist der erste Teil der Müggelsee-Reihe von Julie Heiland aus dem Ullstein Verlag. 

Ost-Berlin, Sommer 1956. Die völlig verschiedenen Mädchen Martha, Betty und Clara retten gemeinsam im Strandbad Müggelsee einen Mann vor dem Ertrinken. Dieses Erlebnis schweißt sie zusammen und sie werden beste Freundinnen und verbringen ihre Freizeit gemeinsam im Strandbad. Jede von ihnen hat ihre persönlichen Zukunftsträume, die aber in der DDR durch besondere Hürden erschwert werden. Einige Jahre später werden sie durch den Mauerbau vor die entscheidende Frage ihres Lebens gestellt: bleiben oder alles riskieren und fliehen!




Die Protagonistinnen unterscheiden sich charakterlich und bezüglich ihrer Familiengefüge sehr voneinander. Marthas Eltern sind regimetreue Bürger der DDR und auch die schüchterne Martha engagiert sich in der FDJ, während sich Claras Eltern dem Sozialismus nicht anpassen, deshalb schikaniert werden und auch Clara trotz ihrer Intelligenz in der Schule und bei ihrem Berufsziel als Astronautin eingeschränkt ist. Betty, die attraktive Tochter des Strandbadleiters und seiner alkoholkranken Frau, ist der Star der Schule, sie geht mit der Mode und möchte Schauspielerin werden, am liebsten sogar gleich in Hollywood. Die Jahre ihrer Jugend eint die so unterschiedlichen Mädchen, sie erleben ihre erste Liebe und wissen von den Geheimnissen untereinander. Das politische Regime, persönliche Schicksalsschläge und die Liebe erschweren ihre geheimen Träume und als die Berliner Mauer gebaut wird, müssen sie ihre Ziele neu abstecken oder alles wagen.

Bei diesem Roman steckt man sofort mittendrin im Geschehen und erlebt an der Seite der Freundinnen alles haargenau mit. Die Drei bilden eine Art Musketiere, auch wenn jede eine andere Ausgangslage und andere Ziele verfolgt, so unterstützen sie sich auf wunderbare Weise. 

Julie Heiland erzählt sehr flüssig und mit packenden Erlebnissen, sie bringt die Handlung mit lebensnahen Dialogen genau in die damalige Zeit und legt die Probleme der Menschen offen dar. Sie zeigt, wie die Partei in das Leben der Menschen eingriff und ihnen ihre Ausbildung oder ein Studium, eine Beförderung oder eine Anstellung von ihrer Parteizugehörigkeit abhängig machte.

Abwechselnd werfen wir einen Blick in das Leben von Betty, Martha und Clara und erleben die Sommer im Freibad, ihre erste Verliebtheit und private Träume und Schwierigkeiten, die sie sich gegenseitig offen erzählen. Dabei gibt es aufwühlende Dinge und die gesellschaftlichen Geflogenheiten und die über allem drohende Parteiabhängigkeit werden sehr eindringlich deutlich gemacht.  

Der liebenswerte Umgang und das tolle Verständnis der Freundinnen in ihren Krisen war für mich ein besonderes Erlebnis. Jede junge Frau bringt ihre persönlichen Probleme mit und das macht die Story so spannend. Allerdings hat mich die Menge an politischen und privaten Schwierigkeiten, an Liebesdingen und an klischeehaften Vorstellungen (von Betty) auch insgesamt etwas überrollt. Ich hatte das Gefühl, dass in diesem Buch alle entscheidenden und negativen Themen der Regimeführung eingebaut werden sollten. Das hat mich zwar sehr gefesselt, ist aber vielleicht ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. 

Außerdem bin ich über den Begriff der Ausreise-Anträge gestolpert, die meines Wissens nach erst nach 1961 auf dem Plan standen. Hier wurde es aber früher datiert und ist deshalb wohl als fehlerhaft einzustufen. 
 
Trotz meiner Kritikpunkte wurde ich spannend, aufwühlend, interessant und mit einer Vielzahl an Charakteren gut unterhalten und warte schon neugierig auf die Fortsetzung der Reihe. 
 
 

Freitag, 3. Juni 2022

Berlin Friedrichstraße: Tränenpalast - Ulrike Schweikert

Die bewegende Schilderung einer Familie zwischen Ost und West
 
Der Roman Tränenpalast ist der abschließende Band der Dilogie Berlin Friedrichstraße von Autorin Ulrike Schweikert. Beide Bücher erscheinen bei Rowohlt Polaris.
 
In Berlin wachsen die Freunde Robert, Johannes, Ilse und Ella auf, bis der Krieg sie trennt. Und auch nach dem Frieden bleiben tiefe Wunden zurück, der Bahnhof Friedrichstraße wurde teilweise zerstört. Nur Johannes’ Kiosk blieb als Treffpunkt der Freunde, die fast zu einer Familie geworden sind. In den Nachkriegsjahren bekommt Lilli, die Tochter von Robert, Zwillinge, ihr Freund Michael verschwindet und sie muss die Kinder allein durchbringen.
 
 


Ulrike Schweikert hat das Zeitgeschehen im zweigeteilten Berlin genau recherchiert und es sehr bildhaft und mit realistisch wirkender Dramatik geschildert. Mir stockte oft der Atem als ich die dramatischen Vorgänge gelesen habe. Der Roman startet 1945 mit Fliegeralarm und Bombenangriffen auf Berlin. Alles liegt in Schutt und Asche. Dann folgt der Einmarsch der Russen und mit ihnen ihre widerwärtigen und gewalttätigen Übergriffe auf Frauen und junge Mädchen. Welches Leid da über die Frauen kam, ist kaum vorstellbar. Ein Kriegsverbrechen, dass noch heute nicht als solches gilt. Ich habe mit Lilli und Ella gehofft, dass sie die harte Zeit nach dem Krieg gut überstehen. Sie mussten nicht nur die sexuelle Gewalt erleiden, sie mussten auch bei Hunger und im Kältewinter ihre Kinder schützen und versorgen, um zu überleben.
Als endlich wieder Frieden herrschte, hieß das auch etliche Kriegsheimkehrer mit ihren seelischen Wunden aufnehmen und die Trümmer wieder aufzubauen. Viele dieser Lasten wurden einzig und allein von Frauen bewältigt. Der Begriff Trümmerfrauen kommt nicht von ungefähr. Während sich die Lage im Westteil Berlins durch den Aufbau der Westallierten langsam verbessert, bleibt der Osten unter russischer Führung weiterhin zurück. Die Gründung der DDR sorgte mit seinem Regime für Unterdrückung der Meinungsäußerung und die Bürger wurden bespitzelt. Wer Republikflucht begehen wollte, wurde unter Strafe gestellt. Die Folgen kennen wir, 1961 wurde die Mauer gebaut, die Berlin und damit etliche Familien trennte. 

Nachdem Lillis Freund Michael spurlos verschwunden ist, opfert sie sich für ihre vaterlosen Zwillinge Anne und Cornelia auf, den einzigen Halt findet sie bei Michaels Mutter Ella. Und es ist ein Lichtblick, als dann ihr Vater Robert und Johannes aus dem Krieg zurückkehren, allerdings im Ostsektor. Viele Szenen spielen sich in Johannes Kiosk ab, er wird zum familiären Zufluchtsort. Und im geteilten Berlin bekommt der benachbarte Bahnhof Friedrichstraße eine ganz besondere Bedeutung, hier trennt sich nun die deutsche Bevölkerung in Ost und West und es kommt zu dramatischen Szenen der Trennung, die auch in Lillis Familie für Probleme sorgt.  
Man kann bei diesen Schilderungen oft nur schlucken und hoffen, dass sich solche Szenen nicht wieder auf deutschem Boden abspielen. Ulrike Schweikerts flüssiger und einnehmender Schreibstil hält uns die harten Prüfungen des Lebens von Lilli, Ilse und Ella in dieser Zeit bildhaft genau vor Augen. Ich war oft betroffen, was sich im Osten abspielte, wo doch das Ende des Krieges eigentlich ein neuer Anfang sein sollte. Die Schilderungen zeigen sehr anschaulich die politische Entwicklung, die Unterschiede zwischen Ost und West und die bedrückende Situation der Menschen in der DDR. 

Ein sehr bewegender, zeitbeschreibender Abschluß der Reihe, der die Dramatik einer deutsch-deutschen Teilung und die Vorgänge in Berlin Ost deutlich macht und damit tief unter die Haut geht.   


***Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
 

 

Weitere Romane der Autorin:

Dienstag, 13. Oktober 2020

Weihnachten am Ku’damm - Brigitte Riebe

Ein lesenswertes kleines Juwel

Schwierige Nachkriegsweihnachten durch Hungerwinter

Passend zu Brigitte Riebes Trilogie «Die Schwestern vom Ku'damm» gibt es die Weihnachtsgeschichte "Weihnachten am Ku’damm" mit den Thalheim-Schwestern, die im Rowohlt Wunderlich Verlag erscheint.

Als Hungerwinter ging der Winter des Jahres 1946 in die Geschichte ein. Nach dem Krieg lag alles in Schutt und Asche, dazu herrschte eisige Kälte, keine Kohlen und wenig Lebensmittel machten den Menschen das Leben schwer. Auch das prunkvolle Kaufhaus am Ku’damm ist ein Trümmerhaufen. Im provisorisch eingerichteten Modegeschäft verkauft Rike weiterhin Kleidung. Dort entdeckt sie den kleinen Erich, der sie an ihren verschollenen Bruder Oskar erinnert und allein und hungrig einen dermaßen
mitleiderregend Eindruck macht, dass Rike ihn mit nach Hause nimmt. Die drei Schwestern möchten dem Kleinen ein schönes Weihnachtsfest machen, doch dazu brauchen sie einen Weihnachtsbaum. Ein schwieriges Unterfangen, denn sogar der Tiergarten ist abgeholzt. 

 

"Deutschland, Deutschland ohne alles, ohne Butter, ohne Speck. Und das bißchen Marmelade frisst uns die Besatzung weg." Zitat S. 93

Wieder einmal ist Brigitte Riebe die Ausarbeitung der Figuren ganz wunderbar gelungen, sie sind lebendig und gut erkennbar weiter entwickelt. Von Anfang an war ich wieder mit den Thalheims verbunden und ich habe sie in dieser schwierigen und doch weihnachtlichen Zeit begleitet und auf ein gutes Ende der Story hingefiebert. Der Weihnachtsbaum steht als Symbol der Hoffnung zum Fest, in dieser Zeit ist er jedoch so schwer zu bekommen wie die Kronjuwelen mancher Königshäuser. Kann es den Thalheims gelingen, zum Fest einen Baum zu ergattern?

In dieser Geschichte spielt sich sehr anschaulich das alltägliche Leben der Thalheims und anderen Bewohnern Berlins ab. Der Hungerwinter ließ die Menschen darben, viele erfroren in ihren ungeheizten Wohnungen, Lebensmittel gab es auf Zuteilung und davon viel zu wenig. Einquartierungen von Vertriebenen ließen die Menschen enger zusammen rücken, was nicht immer einfach war und selten eine Geste der Humanität, es wurde von oben durch die Besatzungsmächte angeordnet. 

Die liebevolle Fürsorge um den kleinen Erich, auch ein Vertriebener, macht die eigentliche weihnachtliche Stimmung aus. Sie ist Sinnbild von Hoffnung und Zuversicht und lässt mich als Leserin gespannt in die Geschichte eintauchen. Denn Rike und ihre Schwestern setzen alles daran, Erichs Situation zu verbessern.

 

Eine wunderschön erzählte Weihnachtsgeschichte mit dem spürbaren Zeitgeist der Nachkriegsjahre. Ein lesenswertes kleines Juwel in der Ku'damm-Reihe.


***Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für die Übersendung dieses Rezensionsexemplares!***


Donnerstag, 1. Oktober 2020

Zerrissen - Michael Tsokos/Andreas Gößling

Ein fesselnder Top-Thriller  

Realistisch, fesselnd und intensiv zeigt dieser Thriller eine erschreckende Wirklichkeit.

"Zerrissen" ist der neue True-Crime-Thriller aus dem Knaur Verlag von Rechtsmediziner und Autor Michael Tsokos, den er gemeinsam mit Andreas Gößling geschrieben hat.

Ein besonderer Einsatz als Gutachter für Rechtsmediziner Dr. Fred Abel, vor Gericht muss er in einem schweren Fall von Kindes-Misshandlung aussagen. Das Opfer ist ein kleines Mädchen, die Nichte seiner Kollegin Sabine Yao. Gleichzeitig findet Abels Freund Lars Moewig in seinem Kickboxclub in einem Boxsack eine schwer zugerichtete Leiche. Was ist hier geschehen und wer aus dem Club hat da seine Finger im Spiel? Lars bittet Abel um Hilfe, die Spuren führen in die gefährliche Drogenszene eines libanesischen Clans. In dieser Parallelwelt darf es keine Zeugen geben.



Wenn True-Crime-Thriller von einem Rechtsmediziner geschrieben werden, weiß man genau, dass dort auch authentische pathologische Beschreibungen enthalten sind. Michael Tsokos ist vom Fach und bringt in seine Bücher die Plots ein, die ihm im normalen Berufsalltag täglich umgeben. In diesem Fall geht es um das skrupellose Verhalten von Clans in Berlin, die mit ihren menschenverachtenden Verbrechen unsere Gesellschaft mit Füßen treten.

Ein schwerer Fall von Kindes-Misshandlung wirft einige Fragen auf, Sabine Yaos Nichte soll sich angeblich beim Spielen so schwer verletzt haben. Als Gutachter hält Abel das kaum für möglich. Hier steckt etwas anderes dahinter, doch was will die Mutter des Kindes verbergen? 

Sehr real wirken die Ermittlungen, die auch in die Kickbox-Szene führen, das Milieu der Boxer wird hier sehr glaubhaft dargestellt und wenn sich Sportler aus diesem Studio in der Pathologie wiederfinden, scheinen hier einige Rachezüge abzulaufen. 

Beim Lesen lief mir oft ein kalter Schauer über den Rücken, schon allein der Prolog ist klasse. Ein wenig Privates von Abel erfährt man ebenfalls und die Spannung steigt, als Abels Partnerin Lisa in Gefahr gerät. 

Dieses Buch ist ein Pageturner, der flüssige Schreibstil lässt sich leicht lesen, die klaren Angaben und Beschreibungen von Personen und Vorgängen kann man gut nachvollziehen und die Handlung wirkt gut durchdacht und wird logisch aufgelöst. Die recht kurzen Kapitel sorgen für einen rasanten Lesefluss und die vielfältigen Handlungen halten die Spannungskurve durchgängig hoch. Die Überschriften benennen reale Orte in Berlin: Charité, Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, BKA-Einheit "Extremdelikte", JVA Plötzensee. Diese Angaben und die authentisch dargestellten Charaktere erwecken ausdrücklich, wie real die beschriebenen Verbrechen auch im wahren Leben stattfinden. 

Auch wenn hier der vierte Band einer Reihe vorliegt, kann man den Titel als ohne Verständnisprobleme als stand-alone lesen.

Besonders interessant und erschreckend fand ich das Nachwort des Autors, in dem er auf die wachsende Gefahr von Clan-Kriminalität in Berlin und anderswo hinweist. Sie ist eine Bedrohung für unsere Gesellschaft und unseren Rechtsstaat und muss mit äußerster Strenge der Justiz bekämpft werden. 

Unglaublich spannender und sehr empfehlenswerter Thriller, authentisch mit rasanten Szenen und ein sehr glaubhafter Plot machen ihn zu einem Buchhighlight. Das Leben von Parallelgesellschaften in Berlin wird hier sehr authentisch in die Handlung eingebaut.  
 

***Herzlichen Dank an den Knaur Verlag für diesen Thriller!***

 

Mittwoch, 26. August 2020

Der Mondscheinmann - Max Bentow

Ein packender Thriller mit bizarr anmutenden Morden  

Schnecken im Mondschein 

Der Psychothriller "Der Mondscheinmann" von Autor Max Bentow ist der 8. Band der Nils-Trojan-Reihe und erscheint im Goldmann Verlag.

Nils Trojan und seine Kollegin Stefanie sind ein perfektes Ermittlerteam, doch die Opfer dieses Serientäters lassen die erfahrenen Polizisten gruseln. Er inszeniert seine Opfer mit geschmücktem Beiwerk aus Lilien und Schnecken. Was will er damit ausdrücken? 


"Leise glitten sie durch die Nacht, und schon bald hatte sie der Nebel vollständig eingehüllt." Zitat Seite 229 
 
Ein Mörder lässt seine Opfer wie ein geschmücktes Kunstwerk zurück. Dekoriert mit Lilienblüten und Seidentüchern liegt eine junge Frau tot in ihrer Badewanne, umgeben von einer großen Anzahl von Schnecken, die ihre schleimigen Bahnen hinterlassen.  

Trojan braucht dringend eine berufliche Auszeit, er leidet an Angstattacken und sein Privatleben leidet enorm unter der Arbeitszeit. Aber für diesen Fall mobilisiert er noch einmal seine gesamte Kraft und gemeinsam mit Stefanie erfolgen die Ermittlungen Schlag auf Schlag. 

Max Bentow weiß ganz, wie man unheimliche Situationen schafft und dunkle Schauplätze beschreibt. Er setzt diese Mittel konsequent ein, sodaß man gespannt in einen Lesesog verfällt. Die kurzen Kapitel sorgen mit geschickt gesetzten Cliffhangern für Spannung, die ständig wechselnden Perspektiven lassen uns Sequenzen aus der Ermittlung und vom Täter erhaschen, die sich erst nach und nach zu einem kompletten Bild aufbauen. Interessant sind die Rückblenden in die Kindheit aus Tätersicht, dort wird die Vorliebe für Schnecken näher erklärt. Wir folgen den Ermittlern auf Schritt und Tritt, die Spuren führen öfter in falsche Richtungen, sie finden abgetrennte Körperteile und auch die Leiche eines Kollegen. Trotzdem erscheint mir dieser Thriller aber nicht sehr blutrünstig. Nur gegen Schnecken sollte man keine Phobie haben, sie kommen ständig aus allen Ecken und Enden hervor gekrochen.  
Etwas Aufatmen kann man während der Musikszenen, das Klavierspiel der Mondscheinsonate von Lydia Meran sorgt für entspannende Momente. Wer klassische Musikkenntnisse besitzt, wird die melancholische Melodie im Ohr haben. Für alle anderen lohnt sich die Recherche im Internet.  

Zu den Mordfällen muss ich sagen, sie sind mir einen Touch zuviel, sehr bizarr und deshalb etwas unglaubwürdig. Dennoch habe ich das sehr flüssig geschriebene und mit packenden Szenen durchsetzte Buch gefesselt in einem Rutsch durchgelesen. Der auf dem Cover abgebildete Hase hätte eigentlich durch Schnecken ersetzt werden müssen, nur mal so als Hinweis.

Dieser Thriller hat viele Verdachtsmomente, falsche Fährten und unerwartete Wendungen und als Besonderheit jede Menge Schnecken im Gepäck. Für Fans der Trojan-Reihe ein Muss, für alle anderen zum Kennenlernen sicher eine spannende Erfahrung. 


***Vielen Dank an den Goldmann Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar!***


Donnerstag, 30. Juli 2020

Das Mädchen aus Glas - Julie Hilgenberg

Eine berührende und ergreifende Geschichte über die Liebe

Die wahre Liebe geht manchmal besondere Wege   

 

Der historische Roman "Das Mädchen aus Glas" von Julie Hilgenberg erscheint im Diana Verlag.

Berlin, 1913: Elisa wächst als Fabrikantentochter zurückgezogen und sehr behütet auf, man umsorgt sie wie ein rohes Ei, denn seit ihrer Kindheit weiß man, dass sie an der seltenen Glasknochenkrankheit leidet. Als sie im heiratsfähigen Alter ist, arrangiert ihr Vater eine Ehe mit dem Draufgänger Louis, dabei gehört Elisas Herz ihrem Arzt Wilhelm. Das junge Paar Elisa und Louis kommt sich näher und als der Erste Weltkrieg seine Soldaten an der Front fordert, zeigt Elisa wahre Stärke. 


Dieser Roman mutet wie ein klassischer historischer Roman an, das Thema junge Frau liebt einen Mann, muss aber eine arrangierte Ehe eingehen, ist auch nicht neu. Aber die Umsetzung dieser Geschichte ist der Autorin perfekt gelungen, denn sie baut neben vielen Emotionen und zeitgemäßen Schilderungen des Zeitgeists auch eine stete Weiterentwicklung der Charaktere ein, die mich bis zum Ende gefesselt und ergriffen hat.

Um 1900 war die Glasknochenkrankheit noch nicht groß erforscht. Die daran erkrankte Elisa wird geschont und mehr oder weniger vor der "gefährlichen" Außenwelt abgeschirmt. Ihre einzige Ablenkung ist der Kontakt zu ihrem Jugendfreund Wilhelm, der auch ihr behandelnder Arzt ist. Doch Elisas Vater sorgt sich um den Fortbestand seiner Schokoladenfabrik und arrangiert eine Ehe mit Louis, einem Bankierssohn. Louis ist nicht an Elisa interessiert und umgekehrt genauso, doch sie fügen sich dem väterlichen Willen. 
Das ungewohnte Schicksal Elisas hat mich durch ihre Erkrankung und ihren zurückgezogenen Lebensstil ergriffen und mir eine neue Sichtweise vermittelt. Sie gibt der Geschichte einen tieferen Sinn, hier stehen nicht nur das Liebesgeplänkel oder die Zwangsverheiratung im Mittelpunkt, sondern das Leben einer kranken jungen Frau, die vom Leben abgeschirmt wird. 

Mit diesem Buch taucht man tief in die besondere Liebesgeschichte ein, aber auch in die spezielle Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs. Die Beziehung zwischen Elisa und Louis ist durch ihre verschiedenen Charaktere sehr interessant, beide stoßen sich ab und haben doch im Laufe der Zeit Vertrauen und Gefühle füreinander, die in Elisas Fall mehrfach verletzt werden. 
Man bekommt sehr bildhaft die damalige Lebensweise vorgestellt, eine detailreiche Beschreibung von Lebenstil, Personal, Einrichtung und Kleidungsstil mitsamt Korsett zeigt die obere Gesellschaftsschicht aus nächster Nähe. Aber auch die Lebensbedingungen der kleinen Leute werden deutlich und im Krieg vermögen die dramatischen Angriffe und Handlungen zu fesseln und das enorme Ausmaß an Leid und Elend realistisch zu vermitteln.

Der eingängige und bildhafte Schreibstil der Julie Hilgenberg macht es sehr leicht, dem Roman gefesselt zu folgen. Auch die Charaktere bekommen soviel Leben, Emotionen und spezielle Eigenheiten eingehaucht, die einfach nur mitreißen und überzeugen. Zwischen dem Ehepaar wächst die Liebe allmählich immer mehr an und einige romantische Briefe und Dialoge sorgen für schöne Momente, die nahe gehen und von großer Liebe zeugen. Ihr gemeinsamer Lebensweg hat einige Überraschungen parat, die nicht immer heile Welt bedeuten, doch es ist erstaunlich, wie Elisa an sich und ihrer Liebe wächst und stärker wird und damit zu einigen Handlungen fähig ist, die man ihr anfangs nicht zugetraut hätte.

Meine absolute Leseempfehlung von mir für diesen schönen, ergreifenden Roman!  


***Herzlichen Dank an den Diana Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar!***