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Mittwoch, 17. September 2025

Das Flüstern der Marsch - Katja Keweritsch

Mein September-Highlight! 

Im Hoffmann und Campe Verlag erscheint Katja Keweritschs Roman "Das Flüstern der Marsch". 

Zum 80. Geburtstag ihres Opas Karl reist Mona in die Elbmarsch. Als sei eintrifft, ist ihre Oma Annemie spurlos verschwunden und Karl scheint sich keine großen Sorgen zu machen, Mona aber sehr. Wo könnte sie nur sein? Mona zieht zu ihrem Opa in das Reethaus und wird sofort vom Zauber der Natur und der Weite der Marsch eingefangen. Hier wuchsen ihre Mutter Sabine und die Zwillingsbrüder Stefan und Sven auf. Aber niemand ahnt etwas von dem dunklen Geheimnis, das die Familie schon lange beeinflusst. Mona sucht nach ihrer Oma und taucht tief in die Familiengeschichte ein, ein Freund aus Kindheitstagen unterstützt sie. Sie erfährt schlimme Dinge, die auch in der Dorfgemeinschaft lange verschwiegen wurden, aber das Verhalten innerhalb der Familie wesentlich beeinflusst haben.  
 

 
 
"Wir stiegen auf den Deich, und die Landschaft weitete sich vor unseren Augen. Gras, Rohrkolben, Flatterbinsen, Schilf, Pestwurz, Gänseblümchen und Löwenzahn bis zum Horizont. Dazwischen kleine Haine aus Korbweiden, Weißdorn, Pappel, Eschen und Erlen. Hinter dem Land strömte der Fluss, ruhig und klar." Zitat Seite 197 
 
Was muss geschehen sein, dass Annemie nach langen Ehejahren plötzlich verschwindet? Mona bekommt auf ihre drängenden Fragen keine Antworten, manche wissen es nicht und andere haben es verdrängt oder verschweigen etwas. Gleichzeitig beschäftigt Mona auch ihr eigenes Leben, sie muss eine Entscheidung treffen und findet in der heilsamen Natur der Marsch nicht nur Trost, sondern findet auch einen alten Freund, der ihr zur Seite steht.  
 
Katja Keweritsch erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Zeitebenen und personellen Perspektiven  der Frauen der Familie. Zunächst erfährt man die gegenwärtigen Erlebnisse und in den Rückblenden laufen dann immer mehr Puzzleteile zusammen, die am Ende das dunkle Geheimnis der Familie offen legen. Der ruhige Erzählton lässt sich gut lesen und man taucht tief in das familiäre Leben ein, wobei immer mehr Probleme innerhalb der Familie und eine alte Schuld ans Licht kommen. Die Darstellung der unterschiedlichen Charaktere erfolgt sehr einfühlsam und lässt ihr Verhalten und ihre Nöte und Sorgen deutlich sichtbar werden. Dagegen wirkt die malerische Stimmung der Elbmarsch wie eine Ruheinsel, in der die Natur gegen all diese menschlichen Probleme ein Bollwerk aufgebaut hat. Diese besondere Atmosphäre ist der Gegensatz zu erlittenem Unrecht und menschlichem Leid. 
 
 
Was für ein einfühlsam erzählter und absolut stimmungsvoller Roman! Ich bin berührt, begeistert und von der Geschichte bis zum Ende gefesselt. 
Die Mischung aus dunklem Familiendrama, Vorbereitung der Geburtstagsfeier und die Suche nach der verschwundenen Oma lassen Spannung aufkommen, während die atmosphärische Schilderung der Natur der Elbmarsch für Ruheinseln sorgt, die ich einfach nur genossen habe.
 

Dieses Buch gefällt mir richtig gut, die Naturschilderungen lesen sich wunderbar, die berührende Handlung verleitet zum Eintauchen und Mitfühlen der dunklen Schatten der Familie! Mein September-Highlight! 

 
 
***Herzlichen Dank an den Hoffmann und Campe Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
 

 

Donnerstag, 22. Februar 2018

Rote Kirschen, schwarze Kirschen - Sophie Duffy

Sehr einfühlsame und warmherzige Erzählung, mal zum Heulen und mal zum Lachen.



Die Frage nach dem "Verlassenwerden"  


Sophie Duffy schrieb mit "Rote Kirschen, schwarze Kirschen" 2013 ihr Debüt. Das Buch erscheint im Knaur Verlag. (Werbung)

Helena ist gerade mal 16 als sie mit ihrer frisch geborenen Tochter Philippa 1965 an die englische Riviera nach Torquay zieht. Dort wohnen sie bei Bob, der einen Süßwarenladen führt und bei Wink, einer alten liebenswürdigen, aber etwas schrulligen Dame. Nur sieben Jahre später verschwindet Helena ohne ein Wiedersehen spurlos. Philippa bleibt bei Bob und Wink und erkennt schon früh, dass Familie und Heimat nichts mit Verwandtschaft zu tun haben müssen. Ihr Leben ist geprägt vom Verlassenwerden, auch ihr Freund Lucas verschwindet aus ihrem Leben. 
                                  

Bildergebnis für Rote Kirschen, schwarze Kirschen


In dieser
Coming-of-Age-Erzählung um schwierige Lebensphasen, um ein Mädchen namens Philippa auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und festen Bezugspersonen. Es ist eine Lebensreise, die durch die Jahre 1965 bis 2007 führt und dabei nicht nur Philippas Erlebnisse schildert, sondern auch eine Zeitreise durch England bedeutet. Als Leser nimmt man auch Teil am Geschehen des englischen Königshauses, wie an der Hochzeit von Charles und Diana.

Philippa erzählt in erster Linie ihrem neugeborenen Baby ihre ganz persönliche Lebensgeschichte, während wir als Leser ihr dabei gebannt folgen. Es wird schnell klar, Philippa hat schon einiges in ihrem Leben erlebt, geht noch immer der Frage nach dem Verlassenwerden durch ihre Mutter Helena nach und versucht es jetzt, selbst in die Mutterrolle geschlüpft, zu verstehen. 


Bei dieser Erzählung wird die Distanz zwischen Protagonistin und Leser vollkommen getilgt, man ist sofort gefangen von den emotional gezeichneten Figuren und lebt, liebt und leidet automatisch mit Philippa mit.
Die Sprache ist ziemlich einfach gehalten, aber es gibt immer wieder Sätze, die sehr berühren und nahe gehen und die man gern mehrfach liest. Auch sieht man sich schnell in der Rolle des Kindes Philippa, die im Süßwarenladen ein wahres Paradies vorfindet. 

"Zitronenbrausebonbons, saure Drops, Anisstäbchen, Karamelbonbons und all die anderen Sorten, deren Namen ich noch nicht lesen kann, deren Formen und Farben und Düfte ich aber auswendig kenne." Zitat

Ihren Lebensalltag vom Kleinkind bis zur erwachsenen Frau mit Schule, Freundinnen, Studium und der Vorliebe für die Königsfamilie erlebt man hautnah mit. Man folgt ihr gern durch ihr bewegtes Leben, unternimmt eine Zeitreise auch ins englische Königshaus, lacht und weint mit Philippa, sieht sie glücklich mit ihren Freunden und auch traurig, als zwischen Bob und Helena nicht das Elternpaar wird, wie sie sich erhofft. Und man ist gespannt auf weitere Details aus ihrem Leben, wie sie zur späten Mutter wurde, wie sie im Gegensatz zu Helena mit der Mutterrolle umgehen mag. Warum Helena sie nicht zu sich geholt hat? Die Lösung all dieser ungelösten Fragen scheint in einer rätselhaften Zeitkapsel verborgen zu sein, die erst nach der Geburt des ersten Kindes von Philippa geöffnet werden darf.


Dieses Buch hat mich sehr berührt, es ist charmant und humorvoll, aber auch recht traurig, aber nie hoffnungslos. Schon der Umstand von Philippas Baby zu wissen, macht irgendwie glücklich. Sophie Duffy versteht es, ihre Leser in diese bewegende Familiengeschichte hineinzuziehen und ein wenig englisches Flair zu verbreiten. In ihren Figuren zeigt sie einen geübten Blick auf das Menschliche, auf die Fehler, die Hoffnungen, die Sorgen und die Liebe der Menschen.
Diese liebevoll gezeichneten Figuren haben es mir angetan, ich habe sie alle bildhaft vor mir gesehen und ich mochte Bob, Wink und teilweise auch Philippa und habe schon früh einige Wahrheiten geahnt und sie herbei gesehnt. 


Dieser berührende und auch tiefsinnige Roman ist toll zu lesen, er ist humorvoll und doch auch traurig. Er zeigt, welche verworrenen Wege das Leben bieten kann und was Glück ausmacht. 
Das Leben ist nicht geradeaus, es geht über Höhen und Tiefen, sie zu durchwandern ist das Ziel des Lebens.


Eine Empfehlung für Freunde von romantischen, aber auch lebensnahen Geschichten, die das Leben mit unterschiedlichen Facetten schreibt. 

***Herzlichen Dank für dieses e-book aus dem Knaur Verlag! Ich hatte wunderbare Lesezeit damit.***





Donnerstag, 9. November 2017

Das Licht der Insel - Jean E. Pendziwol

Ein sehr bewegender, atmospärisch dichter Roman

"Das Licht der Insel" ist Jean E. Pendziwols Romandebüt, der von Veronika Dünninger übersetzt wurde. Der Roman erscheint im Penguin Verlag.   (Werbung)

Lake Superior, Kanada: 
In der Abgeschiedenheit auf Porphyry Island wachsen Elizabeth und Emily mit ihren Brüdern auf, ihr Vater ist Leuchtturmwärter. Viele Jahre später lebt Eilzabeth als alte, fast blinde Frau in einem Altenheim. Dort leistet die junge Morgan, die in einer Pflegefamilie lebt, Sozialstunden ab. Sie kommen sich allmählich näher, denn Morgan liest Elizabeth aus den alten Logbüchern ihres Vaters vor. Diese wurden im verlassenen Bootswrack von Elizabeths Bruder Charlie gefunden und wie es das Schicksal will, sind die Personen von Elizabeth und Morgan eng miteinander verknüpft.


Jean E. Pendziwol führt uns das Leben der Zwillinge Elizabeth und Emily vor Augen. Erst die Rückblicke durch die alten Logbucheinträge erhellen die wahren Vorgänge auf der abgeschiedenen Insel. 
Wir erleben die schwierigen Lebensbedingungen dieser Familie auf der von der Aussenwelt abgeschnittenen Insel mit, sehen das alltägliche Leben und die enge Verbundenheit der Schwestern und erkennen, dass Emily in ihrer eigenen Welt lebt, nicht redet, aber ein unglaubliches Talent zum Zeichnen hat. Ihre Schwester Elizabeth ist diejenige, die für beide spricht. Aber trotz aller Erklärungen zeichnet sich ab, dass hier Geheimnisse verborgen liegen, die Elizabeth auch im hohen Lebensalter noch nicht gelöst hat. Die Logbücher sind der Schlüssel zur Wahrheit.

Dieser Roman spielt am Lake Superior in Kanada und die Autorin zeigt den Leuchtturm von Porphyry und die einzigartige Landschaft der Insel in all seiner Vielfalt und Schönheit. Sie beschreibt die schwierigen, eisigen Winter und den herrlichen Blick auf den riesigen See. Dabei setzt sie viel Atmosphäre frei, die sie durch ihren malerischen Schreibstil noch wunderschön in Szene setzt.

Man kann sich die Einsamkeit gut vorstellen, die dunklen, eisigen Winter, die von Stürmen aufgepeitschte Gischt des Sees und die Nebelbänke, die der Gegend einen mystischen Touch verleihen. Selbstversorger sind die Bewohner und Betreiber des Leuchtfeuers. Auf sich allein gestellt und mit einfachen Lebensbedingungen ausgestattet. Und dennoch sind die Kinder glücklich, sie geniessen die Gemeinsamkeit, die gerade Zwillinge ausmacht. 

Die Geschichte enthüllt Teile der Vergangenheit, die sehr zu Herzen gehen. Dabei sind mir die Charaktere ans Herz gewachsen, ich habe mit ihnen die Insel durchstreift und ihre Erlebnisse mit erlitten. Dieses Buch zieht den Leser unweigerlich in seinen Bann, es ist dramatisch und von unglaublicher Atmosphäre, fesselnd und wunderschön, fast poetisch erzählt.  

Trotz aller Begeisterung muss ich jedoch anmerken, hier gibt es Zufälle, die ich in solchen Geschichten eigentlich nicht leiden kann. Auch habe ich nicht verstanden, weshalb es Jahrzehnte keinen Kontakt mit Charles gab.  



Dieser Roman übt eine ganz besondere Faszination auf den Leser aus. Man muss sich einfach davon begeistern lassen, die unglaubliche Schreibkraft der Autorin sorgt für ein wunderbares Leseerlebnis. 


***Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Penguin Verlag für dieses schöne Rezensionsexemplar!***



 


Samstag, 23. September 2017

Preiselbeertage - Stina Lund

Wenn Familiengeheimnisse gelöst werden und in der deutsch-deutschen Geschichte ihren Ursprung haben.  


"Preiselbeertage" von Stina Lund ist ein Roman, der 2017 im Rowohlt Verlag erscheint. (Werbung)


Ariane verbrachte einige Jahre ihrer Kindheit in Schweden und zog nach ihrer Schulzeit nach Leipzig in die Nähe ihrer Großeltern. Arianes Eltern stammen aus Deutschland und sie waren noch vor der Wende nach Småland gezogen. Von ihrem alten Leben in der DDR sprachen sie nur selten. Als Ariane die traurige Nachricht vom Tod ihres Vaters bekommt, reist sie nach Schweden und merkt, dass ihre Mutter ihr unbedingt ein Geheimnis vorenthält, das mit einem vom Vater geerbten Manuskript zusammenhängen muss. Ariane bleibt in Schweden und entdeckt, wohin sie wirklich gehört. 





"Deine Mutter hat die Wahrheit zwar ganz schön eingefroren, aber ich glaube, du kommst da nicht ran, indem du den Eispickel schwingst. Wart´s ab,... das Tauwetter hat schon eingesesetzt." Zitat Seite 282
 

Der Roman gibt informative Einblicke in die DDR vor der Wende. Die Reiseverbote ins benachbarte Ausland, zu dem auch die Bundesrepublik gehörte, galten für die meisten Bewohner. Nur in Ausnahmefällen konnten Personen für Sport- oder Musikveranstaltungen Nachbarländer besuchen. Angehörige der Stasi und staatstreue Genossen machten Nachbarn und Angehörigen von Republikflüchtlingen das Leben schwer. Es wurde gespitzelt, denunziert und degradiert. 

Im Buch ist Arianes Familie in dieser leidgeprüften Situation, erst allmählich kommt Ariane hinter das Geheimnis ihrer Eltern und Großeltern.

Ihre Mutter Ina versucht lange Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber Ariane möchte endlich Licht in dieses Kapitel ihres Lebens bringen. Warum fühlt sie sich zu ihrer Mutter nicht hingezogen und hängt so sehr an den Großeltern? Wieso ist ihre Schwester Jolante so anders als Ariane? 

Man ahnt anhand der Verwicklungen die dahinterliegende Problematik in Verbindung mit der Herkunft aus der DDR. In Rückblenden erfährt man die Geschichte von Ina von 1986 bis 1990, die die Probleme nach und nach deutlich macht.

Diese Zeit habe ich miterlebt, zwar auf westdeutscher Seite, aber mit Verwandten von "drüben". Etliche Kinder von Rebublikflüchtigen wurden in Heimen untergebracht. 

Stina Lund zeigt die Grausamkeit der DDR sehr deutlich und besonders das Schicksal von Ina und ihrer Tochter Ariane geht mir sehr nahe.
Mich hat diese deutsch-deutsche Geschichte sehr berührt, ich habe sie interessiert und gespannt gelesen habe, nur hatte ich Probleme mit einigen Figuren. 

Wieso die eigene Herkunft nie von Ariane und Jolante erfragt wurde, gerade wo die Hintergründe in der DDR liegen, finde ich außerdem sehr fraglich. Wer sich mit der deutschen Geschichte auch nur ansatzweise beschäftigt, hätte doch wohl von allein schon Schlussfolgerungen gezogen, auch wenn die Eltern sich hier verwehrten.  

Es musste ungeheuer schwer für Ina sein, mit einer Lüge zu leben und zu sehen, wie sich die Tochter ihr entfremdet hat.
Die Protagonisten erscheinen sehr eindeutig in ihrer Charakterisierung, manches Verhalten konnte ich aber nicht nachvollziehen.  
 


Preiselbeertage ist ein Buch, das sich mit der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigt und auf berührende Weise Schicksalswege beschreibt, die Familien auseinanderrissen und für viel Kummer und Schmerz sorgten.


  ***Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***



 

Stina Lund - Die Frauen von Skagen