Samstag, 15. Juli 2017

Altes Land - Dörte Hansen


Die Gummistiefelwelt oder Die Sehnsucht nach Heimat und Freiheit 


Dörte Hansens Debüt "Altes Land" erschien 2015 im Knaus Verlag und hatte schon nach kurzer Zeit großen Erfolg.

Dit Huus is mien und doch nich mien


"Das Haus ist meins und doch nicht meins, der nach mir kommt, nennt´s auch noch sein." Zitat Seite 258 





Dörte Hansens Buch ist in gewisser Weise ein Heimatroman, sie stellt ein altes Fachwerkhaus im Alten Land in den Mittelpunkt der Geschichte. Das alte Bauernhaus bietet die Möglichkeit, heimisch zu werden, immer wieder kommen hier Flüchtlingsschicksale an. Erst strandet dort nach dem Zweiten Weltkrieg die ostpreußische Adelige Hildegard von Kamcke mit ihrer Tochter Vera, Hildegard zieht wieder weg und später erbt Vera das Haus. Vera bleibt lange Zeit eine Fremde, die Alteingesessenen gewöhnen sich nur langsam an Neulinge und sie lässt den einst so schönen Hof verloddern. Erben für die es sich lohnen könnte, sind nicht in Sicht. Doch dann erscheint ihre Nichte Anne, sozusagen ein Großstadtflüchtling aus Hamburg, die genug hat von der abgehobenen gediegenen Lebensart der Großstädter und von ihrem sie betrügenden Mann. Anne ergreift ihre Chance vom Landleben, sie renoviert und packt an, der Hof darf nicht verfallen. Auch ihr Sohn Leon gefällt es hier gut, er ist der Enkel, den Vera nie hatte.  




Bei diesem Roman wird der Blick aufs Landleben auf die Generationenkonflikte gelenkt. Es stellt sich mir in erster Linie die Frage nach Heimat und Verbundenheit. Wann schlägt ein Mensch Wurzeln und fühlt sich heimisch? Vera hat damit ihre Probleme und sie braucht Jahrzehnte, um endlich anzukommen und diese Heimat annehmen zu können. Erst die neue Familie gibt ihr Frieden und Ruhe. 
Die Autorin nimmt aber auch den gegenwärtigen Hype vom Landleben auf die Schippe. Viele Großstädter ziehen am Wochenende in Scharen aufs Land: Frischluft schnuppern, die Kinder dürfen im Matsch spielen und Bioobst und - Gemüse sind "in", jeder geniesst die Freiheit auf dem Land. Doch nur wenige bleiben und werden hier heimisch. Viele Städter schauen ein wenig mit Verachtung auf die arbeitenden Bauern und wollen alles besser machen. Bio statt konventioneller Landwirtschaft, manche wollen aber auch nur dem Großstadtlärm entfliehen, merken aber dann den Traktorenlärm, der keine Wochentage kennt.
Die Menschen im Alten Land sind Bauern, manche etwas knorrig, alle jedoch arbeitssam und sie kleben an ihrer Scholle. Was im Besitz der Familie ist, muss Besitz bleiben.

Mir hat schon lange kein Buch mehr so gut gefallen wie "Altes Land". 

Sprachlich ein absolutes Leseerlebnis mit Humor, Ironie und Plattdeutschem Dialekt. Aber trotz der Situationskomik, kommt Dörte Hansen ihren Figuren gefühlsmäßig sehr nahe. Sie erzählt die Geschichte von Flüchtlingen aus Ostpreußen, die sich im Alten Land angesiedelt haben und doch nie heimisch wurden. Es sind Schicksale, die von einer vergessenen Generation erzählt und doch so den Blick auf heutige Flüchtige freimacht. Wer flieht, kann die Vergangenheit nicht aus seinem Kopf verbannen. Schreckliche Bilder verfolgen, Heimatgefühle ebenfalls. So ergeht es auch Vera, die als Kind mit ihrer Mutter aus Ostpreußen auf dem Obstbauernhof bei Ida Eckhoff landete.
 
Ein wunderbar anrührendes Buch, bei dem beim Lesen bei mir ein Film ablief. Das bewirkt besonders der wunderbare Erzählton mit etwas Humor, aber auch mit Wehmut, dazu die eigenwilligen Figuren, die knorrig, unangepasst handeln und trotz aller Schicksalsschläge nie aufgeben. Mal traurig anrührend, mal ironisch, mal amüsant.
  


Von mir gibt es eine absolute Empfehlung für dieses Buch, bei dem der Blick auf Generationenkonflikt, Flüchtlingsschicksale und Landleben aus unterschiedlichen Blickwinkeln freigegeben wird.  



 

Kommentare:

  1. Hallo Barbara,
    also das hört sich gut an und ich werde mir "altes Land" wohl mal näher anschauen.
    Danke fürs Vorstellen
    Liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimemr

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    1. Hallo Anja,

      du wohnst auf einem Bauernhof, oder? Dann musst du dieses tolle Buch auch lesen, wobei es ja nicht in erster Linie ums Landleben geht, aber sich doch sehr viel damit beschäftigt.

      LG Barbara

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    2. Guten morgen,
      gleich auf die WuLi.

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  2. Hi Barbara,
    ich hatte damals das Hörbuch, Hannelore Hoger liest echt klasse und das Buch hat was.
    Liebe Grüße Walli :-)

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    1. Hi Walli,

      H. Hoger mag ich auch gerne, vielleicht sollte ich mir das Hörbuch auch noch zulegen.

      LG Barbara

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    2. Hallo Barbara

      Ich habe das Buch noch vor mir. Da ich auf Audible ein Guthaben habe, werde ich gleich mal in das Hörbuch hineinhören. "Das Mädchen im Strom" habe ich gelesen- und gehört. Klasse.

      Liebe Grüße,
      Gisela

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  3. Liebe Barbara,

    danke für deine tolle und interessante Rezi. :) Ich habe das Buch zwar schon öfters in unserer Bibo gesehen, bisher aber noch nicht zugegriffen. Das werde ich dann wohl jetzt mal tun!

    Liebe Grüße von Conny :)

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