Mutmachendes Plädoyer für mehr Sichtbarkeit für Frauen ab 50
Jane Taras Roman Mit anderen Augen erscheint im Diogenes Verlag.
Mit 52 Jahren ist Tilda Finch eine erfolgreiche Geschäftsfrau und
Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern. Eines Morgens bemerkt sie, dass ihr kleiner Finger
verschwunden ist, es gibt keine Verletzung, keine Schmerzen, der Finger ist einfach nicht mehr zu sehen.
Ihre Ärztin stellt die Diagnose: Unsichtbarkeit. Eine Krankheit, die bei Frauen häufig auftritt, leider nicht erforscht und auch nicht heilbar ist. Obwohl sich Tilda schon seit Jahren unsichtbar fühlte, ist sie geschockt und kämpft mutig und mit viel Humor gegen ihr Verschwinden an.
"Sie (Tilda) kämpfte nicht mehr gegen Fältchen und graue Haare an, war aber selbstkritisch geblieben. Jetzt allerdings, als sie sich im Spiegel verschwinden sah, wünschte sie sich nicht sehnlicher, als sich beim Altwerden zuzusehen. Die Vorstellung, das zu verpassen, erschütterte sie bis ins Mark." Zitat Seite 120
Jane Tara hat mich mit dem Thema ihrer Story gut unterhalten. Sie wirft einen feinfühligen Blick auf
Frauen über 50, die durch ihren Alterungsprozess von der Gesellschaft nicht mehr gesehen werden, weil der Fokus auf Jugend, faltenlosem Aussehen und Frische gelegt wird. Die Film- und Werbebranche macht es vor und es läuft auch im Alltag oder in der Berufswelt ähnlich.
Wir begleiten Tilda Finch dabei, wie verschiedene Körperteile unsichtbar werden und sich Tilda anscheinend auflöst. Dieses "Unsichtbarwerden" steht für die Erkenntnis vieler Frauen im Alterungsprozess, in dem sie immer weniger gesehen, gehört, anerkannt oder geschätzt werden. Eine gesellschaftliche Bewertung, die Erfahrungen, Gelassenheit und gelebtes Leben für nichtig erklärt und damit die Stärke dieser Frauen ausblendet.
Tilda will sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden und beginnt, über ihren eigenen Wert nachzudenken und darüber, was Sichtbarkeit überhaupt ausmacht. Sie besucht eine Therapeutin, lernt sich mit anderen Augen zu sehen und startet in einer Selbsthilfegruppe.
Im Leben hat Tilda einiges vorzuweisen, sie ist beruflich gut aufgestellt, hat zwei wunderbare Kinder und ist geschieden, ein Umstand, der sie frei und unabhängig macht. Nach ihrer Diagnose besucht sie Meditationskurse und lernt, sich selbst zu sehen und zu lieben.
In der Geschichte lernt Tilda einen Mann kennen, der mit Verständnis und Charme ihr Herz gewinnt. Das ist für Tilda natürlich ein Gewinn, ich hätte es aber auch schön gefunden, wenn hier mal die Liebe für die eigenene Weiblichkeit im Fokus stehen würde.
Mit anderen Augen ist ein gut erzählter Roman, der mit warmherzigem Blick und feinsinnigem Humor aufzeigt, was Frauen alles leisten, von der Kindererziehung über Beruf und Haushalt. Er zeigt, wie die Akzeptanz für Frauen in der Lebensmitte mit ihren Erfahrungen und ihrem Wert für die Gesellschaft nachlässt und sie einfach übergangen werden.
Ein nachhallender Roman, der Frauen mahnt, sich nicht aus den Augen zu verlieren und sich des eigenen Wertes bewusst zu sein. Denn gelebtes Leben sind nicht nur Falten und Narben, es ist eine Stärke, denn es bedeutet Erfahrung und Wissen. Ein Schatz, der für die Gesellschaft immens wichtig ist.
***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***


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