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Freitag, 17. Juli 2026

Tea Time - Ingrid Noll

Schwarzer Humor vom Feinsten!

Ingrid Nolls Krimi Tea Time erscheint im Diogenes Verlag. 

Nina und Franzi sind beste Freundinnen, wohnen sogar im selben Haus in Weinheim und reden gerne über ihre besonderen Macken. Zum gemeinsamen Austausch gründen sie den Klub der Spinnerinnen. Als Nina ihre Handtasche verliert und der arbeitslose Alkoholiker Andreas Haase in ihr Leben tritt, beginnt eine Reihe von verhängnisvollen Aktionen, bei der die Klubmitglieder sich gegenseitig unterstützen. 


 

Auf diesen Ingrid Noll Krimi habe ich mich sehr gefreut und ich wurde nicht enttäuscht. Die Autorin führt uns ein besonderes Charakterspiel vor Augen, bei dem man immer wieder schmunzeln kann. Ihre Reige von Frauen ist mit speziellen Macken ausgestattet und eigentlich wollen sie nur ein zufriedenes Leben führen. Doch dabei stören manchmal ihre Männer und so möchte die ein oder andere Frau ihnen mal einen boshaften Schreck einjagen. 

Die Frauen vom "Club der Spinnerinnen" nehmen es mit den Schicksalen der männlichen Zunft nicht so ernst und wenn es für das eigene Leben von Vorteil ist, wird schon mal der ein oder andere Mann aus dem Weg geschafft. Jede der sympathischen Freundinnen hat einen speziellen "Spleen" und ihre eigene skurrile Lebensgeschichte. Sie treffen sich zum Austausch, trinken ihren Tee und erzählen sich Dinge aus ihrem Leben, die nicht ganz rund laufen. Das sorgt für unterhaltsame, kurzweilige Szenen, die sich am Ende zu einem logischen Ganzen verknüpfen.

Zwischendurch hängt der Spannungsbogen etwas durch, die unerwarteten Zufälle, Lebensumstände und Ereignisse brauchen allerdings auch einfach Raum zum Entstehen und es ist immer wieder überraschend, wie geschickt Ingrid Noll hier die speziellen Vorkommnisse mit den entsprechenden Männern miteinander verwebt, sodass die Frauen allesamt am Ende Dreck am Stecken haben und sie sich auch "der Club der Rächerinnen" nennen könnten.  

Eine unterhaltsame Geschichte mit skurrilen und erbarmungslosen Frauenfiguren, die nicht von Grund auf schlecht sind, sondern nur in einen Strudel von verhängnisvollen Vorgängen geraten und so manche List ersinnen, um unbescholten aus der Sache heraus zu kommen.

"Tea Time" ist wieder ein richtig unterhaltsames Krimi-Kunstwerk. Wer schwarzen Humor liebt, ist mit dem Buch bestens bedient!   

 

***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!*** 

 


 
  • Noll, Ingrid - Die Häupter meiner Lieben  
  • Noll, Ingrid - Der Hahn ist tot
  • Noll, Ingrid - Kalt ist der Abendhauch  
  • Noll, Ingrid - Kuckuckskind 
  • Noll, Ingrid - Ladylike
  • Noll, Ingrid - Selige Witwen
  • Noll, Ingrid - Gruß aus der Küche
  • Noll, Ingrid - Über Bord  
  • Noll, Ingrid - Nachteule 
  • Noll, Ingrid - Halali 
  • Noll, Ingrid - Goldschatz
  • Noll, Ingrid - Tea Time 
  • Montag, 29. Juni 2026

    Die Lockvögel - Anna Nicholas

    Ein kurzweiliger Urlaubskrimi!  

    Die Lockvögel ist der zweite Band der Mallorca-Krimireihe von Anna Nicholas aus dem Diogenes Verlag. 

    Im November ist auf Mallorca der Urlaubsansturm vorüber und Isabel Flores hat endlich Ruhe bei ihrer Aufgabe als Vermieterin von Ferienwohnungen. Aber dann erfährt sie, dass in ihrer Heimat Sant Martí Haustiere verschwinden. Wer stiehlt Hunde, Katzen und einen Hahn? Sie geht der Sache nach und erzählt ihrem Freund und ehemaligen Polizei-Kollegen Tolo Cabot davon. Der hat ganz andere Sorgen im Entführungsfall der jungen Floristin Paloma Crespí. Tolo bittet Isabel um Mithilfe bei den Ermittlungen und sie stösst auf mehrere Tatverdächtige und gerät auf ihrer Spurensuche selbst in Gefahr. 


     

    Isabel ist eine hilfsbereite, selbstbewusste Frau, die sehr gern isst und sich ein Frettchen als Haustier hält. Neben ihrer Ferienhausvermietung arbeitet sie als externe Polizistin und wird wegen ihres kriminalistischen Scharfsinns und angeborenem Bauchgefühl immer wieder um Mithilfe gebeten. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie ihre Freundschaft zu Tolo intensiviert, aber anscheinend ist da noch nicht eine engere Beziehung vorgesehen. 

    Die gestohlenen Tiere lenken den Verdacht auf ein Versuchslabor und ich habe mich insgeheim gefragt, ob die Entführungsgeschichte damit zusammen hängt. Doch ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Bei den Befragungen lernt man die Bewohner der ländlichen Gegend, das Alltagsleben sowie die leckere Küche Mallorcas näher kennen. Ich habe die bildhaften Beschreibungen von Landschaft, Schauplätzen und Gebäuden genossen, sie hinterlassen einen schönen Eindruck von Mallorca und ich fühlte mich gedanklich dorthin versetzt.

    Der Fall um Paloma ist sehr undurchsichtig und Anna Nicholas bringt gleiche mehrere Verdächtige in die Handlung ein. Außerdem hat sie mich mit geschickt gesetzten Wendungen an der Nase herum geführt, sodass ich mich bei der Täterfrage überraschen lassen musste. 

    Der zweite Band der Reihe hat mich kurzweilig unterhalten und mir das Leben auf Mallorca näher gebracht.  

     

    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!*** 


     
  • Nicholas, Anna - Das Teufelshorn  
  • Nicholas, Anna - Die Lockvögel 2 
  • Mittwoch, 24. Juni 2026

    Giftige Blüten - Luca Ventura

    Krimivergnügen vom Feinsten

    "Giftige Blüten" aus dem Diogenes Verlag ist der 7. Band der Capri-Krimireihe von Luca Ventura.

    Lina Verde ist angehende Parfümeurin und benötigt für ihren Duft noch die besondere Blütenessenz einer seltenen Orchidee, die sie an den steilen Hängen von Capri sucht. Wenig später wird von Touristenführer Zeno leblos aufgefunden, der behauptet, er wäre mit Lina verlobt. Das ist fragwürdig, denn auf Nachfragen kann er kaum nähere Angaben zu der jungen Frau machen. Zeno ist als Lügner verschrien und für Rizzi und Cirillo sofort verdächtig. 

     



    Auf Capri tauchen wir dieses Mal in die Welt der Düfte ein, wo sich Rizzi und Cirillo einem Fall widmen, der einige Fragen aufwirft. Die erste Aussage der Pathologie geht von einem Genickbruch als Todesursache aus, der auch die Folge eines Unfalls sein könnte. Doch der Instinkt der Ermittler sagt etwas anderes. Agente Rizzi und Cirillo sind ein eingespieltes Ermittlerduo, die ihre Theorien zum aktuellen Fall hartnäckig verfolgen und mit ihren Alleingängen ihren Vorgesetzten Lombardi zur Weißglut bringen.

    Die Geschichte baut sich nach und nach auf und lässt Einblicke in das Leben der Verdächtigen und der Familie der Toten zu. Wir tauchen in die Welt der Parfümeure ein und erfahren, wie die Essenzen aus den Blüten entstehen und wie sehr dieser Markt von großen Erfolgen getrieben ist. 

    Während Rizzi und Cirillo zu ihren Befragungen über die Insel streifen und aus berufliche Ausflüge nach Neapel unternehmen, erlebt man die frühlingshafte Natur dieser Gegend Italiens und bekommt Lust auf einen Urlaub auf der wunderschönen Insel. Zur Urlaubsstimmung passt der bildhaft angenehme Schreibstil perfekt und unterhält mit den gut gezeichneten und sehr lebendigen Figuren ohne dass Langeweile aufkommt. Ich habe das Buch in kürzester Zeit durchgelesen und wurde am Ende mit der Auflösung überrascht.  

    Während Zeno den ersten Platz als Verdächtiger erhält, bringen neue Hinweise neue Verdachtsmomente mit sich und neue Spuren führen zu interessanten Wendungen im Fall. Hier gibt es einige Charaktere, die etwas verbergen und nicht mit offenen Karten spielen.  

    Durch die Mischung von spannender Ermittlung, italienischem Flair und eingebautem Privatleben Rizzis und Cirillos ist dieser Band wieder rundum gelungen. Die gezeigten Probleme mit den Vorgesetzten, die  willkürliche Führung von Mitarbeiter:innen im Polizeiapparat und die Alleingänge der beiden Ermittler sorgen für interessante Szenen. Erst im Erfolgsfall ist ein Agente ein gewünschter Mitarbeiter.  

    Rundum gelungener Krimi mit interessantem Fall, vielschichtigen Charakteren und einem schönem Setting. 

    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!*** 

                                        

    Mittwoch, 17. Juni 2026

    Wirf einen Schatten - Elena Fischer

    Stell dich deinem Schatten!
     
    Im Diogenes Verlag erscheint Elena Fischers Roman Wirf einen Schatten.  

    Nachdem seine Frau Lis ihn mit dem gemeinsamen Sohn im Sommer verlassen hat, beschließt Joseph an Heiligabend 1963, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er schreibt eine Liste und Abschiedsbriefe und holt sein Gewehr. Doch dann steht Birdie an seiner Tür und braucht Hilfe. Joseph lässt von seinem Vorhaben ab und nimmt Birdie bei sich auf.    

     


    Elena Fischers Roman spielt in den 60er Jahren auf dem Land. Protagonist Joseph ist ein schweigsamer Landwirt, der ohne sein Leben in Frage zu stellen, pflichtbewusst seine Arbeit macht und es einfach nicht gewohnt ist, über Gefühle nachzudenken oder darüber zu reden. Als seine Frau Lis mit dem Alltag des eintönigen Landlebens nicht klar kommt und mit dem gemeinsamen Sohn Samuel in die Stadt zieht, lässt sie Joseph verstört zurück. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen und er kann Lis Beweggründe nicht verstehen. Sein einziger Halt ist Ada, die ältere Schwester von Lis, die weiterhin losen Kontakt zu Joseph hält. Dann steht eines Tages die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, sie sieht krank aus und floh vor ihrer Familie. Joseph nimmt Birdie in seinem Haus auf und versorgt sie. Durch sie und Ada findet er einen Weg, sich wieder mit dem Leben zu arrangieren. 

    Die in ruhigem Tempo erzählte eingängige Geschichte lässt sich flüssig und interessant lesen. Nach und nach lernen wir Josephs Charakter kennen und erfahren in Rückblenden mehr über diesen schweigsamen Mann und über das Scheitern seiner Ehe. Joseph ist kein Mann vieler Worte, er hatte eine harte Kindheit, leidet unter dem Verlust seines Bruders und kennt nur die Arbeit auf dem Hof, die ihn ausfüllt und die er nie in Frage gestellt hat. Das Schreikind Samuel wird zu einer Herausforderung der Eltern und Lis fehlt einfach Zeit mit ihrem Partner und für sich. Sehr stimmig werden die Jahreszeiten beschrieben und man erkennt, wie sie das Leben und die Aufgaben auf dem Hof bestimmen.  
    Als Birdie bei Joseph ankommt, ist sie gerade mal 20, damals noch nicht volljährig und abhängig von dem Willen ihrer Eltern. Ihre persönliche Notlage erkennt Joseph und versucht mit Adas Hilfe, Birdie zu einem selbstbestimmen Leben zu verhelfen. 
     
    Die Geschichte ist berührend zu lesen, man kann sich gut in die Figuren hinein versetzen und aus dem schweigsamen Joseph wurde ich erst allmählich schlau. Sein Verhalten erklärt sich aus der Zeit, in der er groß wurde. Da stand die Arbeitspflicht des Hoflebens vor eigenen Interessen und in seinem Elternhaus hat er nicht gelernt, über Gefühle zu reden, geschweige denn, sie sich einzugestehen. Deshalb nahm er ganz selbstverständlich an, dass sich Lis einfach so ins Hofleben einfügt und eigene Wünsche zugunsten der Familie zurückstellt. Für Birdie ist es schwierig, sich von ihren Eltern zu lösen und eigene Wege zu gehen. Ich konnte mich gut einfühlen in die Sorgen und Nöte der Figuren und habe mir für Joseph gewünscht, dass er einen inneren Zugang zu seinen Gefühle findet und den Mut besitzt, sich endlich zu öffnen und nicht in Einsamkeit zu verharren. 
     
    Dieser ruhig erzählte Roman hat mir vor Augen geführt, wie äußere Einflüsse und Begegnungen Menschen prägen und dass es sich lohnt, aus Fehlern zu lernen und neue Wege einzuschlagen. Denn für das Glück im Leben sind wir alle selbst verantwortlich!  

    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

     


     

    Mittwoch, 22. April 2026

    Mit anderen Augen - Jane Tara

    Mutmachendes Plädoyer für mehr Sichtbarkeit für Frauen ab 50

     
    Jane Taras Roman Mit anderen Augen erscheint im Diogenes Verlag.
      
    Mit 52 Jahren ist Tilda Finch eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern. Eines Morgens bemerkt sie, dass ihr kleiner Finger verschwunden ist, es gibt keine Verletzung, keine Schmerzen, der Finger ist einfach nicht mehr zu sehen.  
    Ihre Ärztin stellt die Diagnose: Unsichtbarkeit. Eine Krankheit, die bei Frauen häufig auftritt, leider nicht erforscht und auch nicht heilbar ist. Obwohl sich Tilda schon seit Jahren unsichtbar fühlte, ist sie geschockt und kämpft mutig und mit viel Humor gegen ihr Verschwinden an. 
     

     
     
    "Sie (Tilda) kämpfte nicht mehr gegen Fältchen und graue Haare an, war aber selbstkritisch geblieben. Jetzt allerdings, als sie sich im Spiegel verschwinden sah, wünschte sie sich nicht sehnlicher, als sich beim Altwerden zuzusehen. Die Vorstellung, das zu verpassen, erschütterte sie bis ins Mark." Zitat Seite 120   
     
    Jane Tara hat mich mit dem Thema ihrer Story gut unterhalten. Sie wirft einen feinfühligen Blick auf 
    Frauen über 50, die durch ihren Alterungsprozess von der Gesellschaft nicht mehr gesehen werden, weil der Fokus auf Jugend, faltenlosem Aussehen und Frische gelegt wird. Die Film- und Werbebranche macht es vor und es läuft auch im Alltag oder in der Berufswelt ähnlich.
    Wir begleiten Tilda Finch dabei, wie verschiedene Körperteile unsichtbar werden und sich Tilda anscheinend auflöst. Dieses "Unsichtbarwerden" steht für die Erkenntnis vieler Frauen im Alterungsprozess, in dem sie immer weniger gesehen, gehört, anerkannt oder geschätzt werden. Eine gesellschaftliche Bewertung, die Erfahrungen, Gelassenheit und gelebtes Leben für nichtig erklärt und damit die Stärke dieser Frauen ausblendet. 
    Tilda will sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden und beginnt, über ihren eigenen Wert nachzudenken und darüber, was Sichtbarkeit überhaupt ausmacht. Sie besucht eine Therapeutin, lernt sich mit anderen Augen zu sehen und startet in einer Selbsthilfegruppe. 
    Im Leben hat Tilda einiges vorzuweisen, sie ist beruflich gut aufgestellt, hat zwei wunderbare Kinder und ist geschieden, ein Umstand, der sie frei und unabhängig macht. Nach ihrer Diagnose besucht sie Meditationskurse und lernt, sich selbst zu sehen und zu lieben. 
    In der Geschichte lernt Tilda einen Mann kennen, der mit Verständnis und Charme ihr Herz gewinnt. Das ist für Tilda natürlich ein Gewinn, ich hätte es aber auch schön gefunden, wenn hier mal die Liebe für die eigenene Weiblichkeit im Fokus stehen würde.  

    Mit anderen Augen ist ein gut erzählter Roman, der mit warmherzigem Blick und feinsinnigem Humor aufzeigt, was Frauen alles leisten, von der Kindererziehung über Beruf und Haushalt. Er zeigt, wie die Akzeptanz für Frauen in der Lebensmitte mit ihren Erfahrungen und ihrem Wert für die Gesellschaft nachlässt und sie einfach übergangen werden. 
     
    Ein nachhallender Roman, der Frauen mahnt, sich nicht aus den Augen zu verlieren und sich des eigenen Wertes bewusst zu sein. Denn gelebtes Leben sind nicht nur Falten und Narben, es ist eine Stärke, denn es bedeutet Erfahrung und Wissen. Ein Schatz, der für die Gesellschaft immens wichtig ist. 

     
    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
     

     
     

    Mittwoch, 8. April 2026

    Stunden wie Tage - Shelly Kupferberg

    Große Leseempfehlung für dieses bewegende Zeitzeugnis! 

     
    Im Diogenes Verlag erscheint der Roman Stunden wie Tage von Shelly Kupferberg. 
     
    Shelly Kupferberg erzählt eine berührende und bewegende Familiengeschichte, die uns anhand von mehreren Schicksalen die Grauen der Nazizeit vor Augen führt.   
     
     

     
    Im Prolog wird uns die alte Martha vorgestellt, die ungepflegt und in abgerissener Kleidung durch ihren Schöneberger Kiez läuft. Einige Bewohner kennen sie vom Sehen, doch welch besondere Vergangenheit hinter ihr liegt, weiß kaum jemand. In der folgenden Handlung erzählt Shelly Kupferberg davon, was die alte Dame in den letzten Jahrzehnten erlebt hat und welche besonderen Schicksale mit ihr verknüpft sind. 
     
    Der Roman startet in Berlin-Schöneberg und erzählt auf unterhaltsame und "harmlose" Weise, wie sich Martha als Hausbesorgerin bei der jüdischen Familie Berkowitz bewirbt und eingestellt wird. Sie unterstützt ihre Mutter, ist katholisch, eine gute Seele, sparsam, ehrlich, fleißig und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen, wenn sie gegen störende Einflüsse im Mietshaus vorgehen muss. Genau die richtige Frau für die Stellung befinden Henry und sein Bruder Ber Berkowitz, beide sind wohlhabend, jüdischer Abstammung und sind froh, dass jemand sich um Mieter und Hausbelange kümmert. 
     
    Einige Zeit später lernt Martha ihren Willy kennen, sie heiraten und ziehen gemeinsam in die Kellerwohnung im großen Haus. Wir lernen mehrere Bewohner aus dem Haus kennen, alle haben Ecken und Kanten und jeder trägt sein persönliches Päckchen durchs Leben. Wir tauchen Kapitel umd Kapitel in das Leben der Familie Berkowitz ein, erfahren mehr von Henrys russischer Frau Katharina und Töchterchen Liane, die einen Narren an Martha gefressen hat und umgekehrt genauso.  
      
    Durch den flüssigen und anschaulichen Schreibstil der Autorin fliegt man flott durch die Seiten und hat die leichtfüßig geschilderten Vorgänge bildhaft genau vor Augen.
    Mit den Jahren verändert sich die politische Situation, die Nazis kommen an die Macht und die Lage für Familie Berkowitz wird brenzlig. Damit kippt die bisherige positive Stimmung und man wird von den bedrückenden Vorkommnissen schier ergriffen und mitgerissen. Widerstand, Flucht, Gefängnis, Deportation, Tod und Verderben sind an der Tagesordnung und es ist grausam und kaum auszuhalten, wie sich die Nationalsozialisten aufspielen und Menschen, Familien und Existenzen vernichten.
     
    Trotz persönlicher Verluste geht das Leben für Martha weiter. 
    Nüchtern, aber auf fesselnde Weise schlägt Shelly Kupferberg erzählerisch einen runden Bogen um alle handelnden Personen und endet wieder bei Martha, inzwischen betagt und immer noch bescheiden lebend. 
    Was mir an diesem Roman besonders gut gefallen hat sind die Berliner Sprüche, die für Lebendigkeit sorgen. Aber viel mehr noch ist es die authentische und nüchterne Abbildung von Zeitgeschehen am Beispiel der einzelnen menschlichen Schicksale. Der Roman kommt ohne Kitsch und rührselige Emotionen aus und legt dennoch Gefühle, Ängste und Stimmungen offen und berührt damit ganz intensiv. 
     
    Dieses Buch ist ein eindringliches und mahnendes Zeitzeugnis gegen das Grauen der Naziherrschaft!  
     
     
    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Leseexemplar!*** 
     

     

    Montag, 26. Januar 2026

    Goldschatz - Ingrid Noll

    Konsumzwang oder Konsumverzicht!   

    Im Diogenes Verlag erscheint der Roman Goldschatz von Ingrid Noll. 

    Als Studentin Trixi das alte Bauernhaus ihrer Tante Emma erbt, will sie dort eine Studenten-WG gründen. Vorher muss allerdings renoviert werden, die neuen Mitbewohner sind gegen Wegwerfgesellschaft und allesamt Konsumgegner. Sie wollen das Haus erhalten und bei der Arbeit mit anpacken, aber für das nötige Material fehlen noch die finanziellen Mittel. Als in Emmas Trödel ein Säckchen mit Gold gefunden wird, scheint das die Lösung der Geldsorgen zu sein. Ein Fund dieser Größenordnung weckt allerdings Begehrlichkeiten und bringt manche Prinzipien ins Wanken. 


     

    Wie stets bei den Romanen von Ingrid Noll bin ich schnell in die Handlung eingetaucht und habe gespannt mitverfolgt, wie das Zusammenleben der WG-Bewoher funktioniert und welche Vor- und Nachteile so ein Schatz mit sich bringt. 

    Eine Prise Ironie, ein wenig schwarzer Humor und die Zuschaustellung von Konsumgegnern, die dann doch dem Glanz von Gütern der Kaufhäuser nicht widerstehen können. So gesehen war der Roman an Unterhaltung kaum zu überbieten. Es gehört einfach zu Ingrid Nolls Büchern, dass schon mal Todesfälle zu verzeichnen sind, bei denen es nicht ganz mit rechten Dingen zu geht.  
     
    In dieser Geschichte geht es um Studenten, junge Leute, die Second Hand lieben und denen es wichtig ist, keine Lebensmittel zu verschwenden. 
    Die individuelle Charakterzeichnung der Figuren ist Ingrid Noll gut gelungen, sie bringt hier unterschiedliche Personen zusammen, da ist es selbstverständlich, dass nicht alles friedlich und harmonisch verläuft. Besonders der schrullige Nachbar ist für mich "die" Figur des Buches. 
    Die verwendete Sprache in den Dialogen wirkt auf mich nicht ganz wie von jungen Leuten, manche Phrasen erscheinen mir für diese Altersgruppe sogar recht gestelzt. Dafür hält die Entwicklung der Personen aber noch so manche Überraschung bereit, die man so nicht erwartet hat.   
     
    Dieser Roman ist eine perfekt aufgebaute Geschichte, die gut unterhält und zeigt, wie schnell beim Auftauchen eines Goldschatzes so manche Prinzipien von Konsumverweigerung über Bord geworfen werden. 
     
     

     
     
     

    Donnerstag, 1. Januar 2026

    Sing, wilder Vogel, sing - Jacqueline O´Mahony

    Honoras Odyssee: Tragisch, bitter und auch poetisch schön! 

    Im Diogenes Verlag erscheint Jacqueline O´Mahonys Roman Sing, wilder Vogel, sing.   

    1849: In Irland herrscht die Zeit der großen Hungersnot. Auch im kleinen Dorf Dooloogh spielen sich schreckliche Tragödien menschlicher Schicksale ab, es gibt zahlreiche Tote und keine Aussicht auf Überleben. Dort lebt die junge Honora, die das Grauen und den Hungermarsch überlebt und ohne Unterstützung auf sich allein gestellt ist. Sie schmuggelt sich auf ein Schiff nach Amerika. Auch dort liegt das Glück nicht auf der Straße und sie muss weiterhin Not leiden. Doch sie gibt nicht auf und hofft und kämpft weiter für ihre Freiheit.   

     


     

    Was für eindringlich geschriebner, berührender und tragischer Roman, der einfach nur unter die Haut geht. An Honoras Seite erleben wir ihre verletzten Gefühle in ihrer Ehe, den Verlust ihres Kindes, die entsetzliche Hungersnot in Irland, schliesslich ihren Überlebenskampf als Einzige aus ihrem Dorf und ihren Kampf um Freiheit und ein wenig Glück auf Leben. Sehr eindringlich beschreibt die Autorin das schwierige Leben in dieser Zeit und zeigt damit auch, dass Honora nur eine Chance hat, die Flucht in ein besseres Leben in Amerika. Doch ihr Weg enthält viele Hürden und Stolperfallen, die ich bewegt und tief berührt mitverfolgt habe. Honoras gibt nicht auf, auch wenn sie in Amerika nicht das verheißene Glück erlebt, sondern Zwangsarbeit und Prostitution. Wie sie dennoch ihren Traum nach wahrer Freiheit weiter verfolgt, ist bewundernswert, bewegend und sehr spannend zu lesen.

    O’Mahony zeigt in ihrer Geschichte die Parallelen zwischen ausgewanderten Iren und den vertriebenen indigenen Cayuse auf. Beide sind auf der Suche nach einer neuen Bleibe, einer Heimat, wo sie Wurzeln treiben können.

    Neben den menschlichen Tragödien gibt es immer wieder poetisch wirkende bildhafte Landschaftsbeschreibungen und Eindrück aus der Prärie. In der Schönheit der Natur findet Honora Frieden und Kraft und auch ich hatte beim Lesen das Gefühl, diese Kraftorte zu brauchen, um das Gelesene verkraften zu können.  

    Mit diesem großartigen Roman beginnt mein neues Lesejahr. Ein echtes Highlight, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

     
    ***Herzlichen Dank für dieses Leseexemplar an den Diogenes Verlag!***
     

     

    Dienstag, 4. November 2025

    Halali - Ingrid Noll

    Wenn der Jäger zum Gejagten wird! 

     
    Im Diogenes Verlag erschien im Jahr 2017 Ingrid Nolls Roman Halali.  
     
    Die 80-jährige Holda erzählt ihrer Enkelin Laura eine Geschichte aus der Nachkriegszeit als sie Stenotypistin im Bonner Innenministerium in Bonn war. Darin geht es um das Alltagsleben als Untermieterin, um Wünsche junger Frauen, um die Liebe und um Geheimnisse, die Spannung in das graue Alltags-Leben bringen.
     

     
     
    "Das Alter ist eine unerhörte Kränkung... Die Augen schwächeln, die Gelenke knacken und knirschen, die Ohren wollen nicht mehr zuhören...die Vergesslichkeit nimmt zu. Am übelsten wird der armen Haut mitgespielt." Zitat S. 80
     

    Die schwarz-humorigen Geschichten von Ingrid Noll drehen sich häufig um Frauen, die auf scheinbar harmlose Weise für den Tod ihrer männlichen Mitmenschen verantwortlich sind. Ich hoffe, ich verrate nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass das in dieser Geschichte mehr aus spontaner Aggression heraus geschieht. 

    Die 80-jährige Holda erzählt ihrer Enkelin Laura eine Geschichte, die in den Gründungstagen der Bundesrepublik spielt. Damals war Holda Stenotypistin im Innenministerium und wie sich heraus stellt, hat sie mehr erlebt, als ihre Enkelin je vermutet hätte. Holda erzählt recht flott und spannt mit ihrer unglaublichen Story nicht nur die Enkelin auf die Folter, sondern auch mich als Leserin. Neben kriminellen Handlungen wird der Zeitgeist der 50er Jahre lebendig und die politische Ebene des kalten Krieges spielt ebenfalls eine Rolle. 

    Auch in diesem Buch hält Ingrid Noll eine abwechslungsreiche Geschichte parat, in der die böse Seite der Figuren zum Zuge kommt, in diesem Fall sind das Holda und Karin. Beide arbeiten im Innenministerium,  wohnen in möblierten Zimmern und suchen den Mann ihrer Träume, Karin träumt von einer Ehe als Diplomatengattin. Beide stoßen auf ein brisantes Geheimnis, das sie mit ihrem Vorgesetzten Burkhard Jäger in Verbindung bringen. Neugierig und unerschrocken verfolgen sie Jäger und verwickeln sich damit selbst in einen brisanten Spionagefall, der bis ins Ministerium reicht. 

    Holdas Erzählung habe ich gespannt mitverfolgt, erkannte die damaligen Moralvorstellungen aus Erzählungen meiner Eltern wieder und mochte Holdas Blick auf die heutige Zeit, die sie durch ihre Enkelin täglich vor Augen hat. 

    Die Lektüre entwickelt sich zu einem Rückblick in die Gesellschaft der 50er Jahre und lässt sich durch den Spionagefall kurzweilig lesen. Amüsanter und fesselnder Einblick in die Sitten der 50er Jahren!

     

    Samstag, 25. Oktober 2025

    Dius - Stefan Hertmans


    Kintsugi des Herzens 

     
    Im Diogenes Verlag erscheint der Roman Dius vom Stefan Hertmans. 

    Egidius de Blaeser, genannt Dius, ist ein unkonventioneller Kunststudent, der eines Tages bei seinem Dozenten Anton auftaucht und ihn um seine Freundschaft bittet. Anton ist überrascht und neugierig und kann sich dem Charme von Dius nicht entziehen. Getragen von ihrer gemeinsamen Liebe für die Kunst entsteht zwischen ihnen eine Freundschaft, sie verleben gemeinsam Zeit in einem alten Dorfhaus inmitten der Natur an der flämischen Küste und ahnen nicht, wie sehr diese Freundschaft ihrer beider Leben verändern wird. 


     

    "Und obwohl für mich zwischen dem, was ich von der Liebe und dem, was ich von der Freundschaft erwartete, ein himmelweiter Unterschied bestand, trafen sich Liebe und Freundschaft in einem Punkt. Dieser Punkt aber war flüchtig, sprunghaft und unmöglich klar ins Visier zu nehmen. " Zitat S. 266

    Die in zwei Zeitebenen spielende Geschichte ist eine fiktive, ist aber von eigenen Freundschaften des Autors inspiriert. Hertmans lässt Anton als Erzähler von den Erinnerungen an die Zeit mit Dius erzählen. 

    Der Roman erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft, die sich in eine gewisse Abhängigkeit entwickelt. Anton ist beeindruckt von Dius künstlerischem Schaffen und verbringt viel Zeit in der ländlichen Ruhe des Dorfhaus, wo die Polder-Landschaft inspirierende, eindrucksvolle Farben und Lichtspiele präsentiert. Antons lebt in der Stadt in einer Beziehung mit Nouka, doch an den Wochenenden zieht er mit den Unterlagen für seine Doktorarbeit aufs Land und genießt die Ruhe und die Natur.  

    Wie es zu einem Kunstdozenten passt, begleiten die Figuren unterschiedliche Einblicke in die künstlerische Welt der Malerei und viele Erlebnisse werden von klassischer Musik begleitet. Das war für mich eine Anregung, mich über die entsprechenden Komponisten zu informieren und mir die entsprechende Musik anzuhören. Wer also musikalische Interessen hegt, wird mit diesem Roman intensiv versorgt. 

    Die Ausarbeitung der Charaktere erfolgt mit vielen Gefühlen, die sich in alle emotionalen Richtungen bewegen. Von Bewunderung, Zuneigung über Achtung und Erotik wandelt sich die Ansicht in Wut und Empörung, die aus schmerzhaften Erlebnissen heraus entsteht. Die Zeit heilt aber die Wunden und Anton als ein sehr verständnisvoller Mensch. 

    Ich muss zugeben, am meisten hat mich die erzählerische Ausdrucksfähigkeit und literarische Stärke Stefan Hertmans beeindruckt, an dessen Wirkung sicher die Übersetzerin Ira Wilhelm einen entscheidenden Anteil hat. Mit eindrucksvollen Sätzen und detailverliebten Beschreibungen begleitet man die beiden Protagonisten und wird von Dius eigenwilligen Handlungen überrascht. Der wunderbare Schreibstil hat mich zum Weiterlesen verführt und die Entwicklung der Figuren und ihrer speziellen Verbindung hat mich sehr gefesselt. Ich wollte wissen, wie die Bezeihung der Protagonisten endet. 

    Stefan Hertmans intensiv erzählter Roman hat mich beeindruckt mit der ungewöhnlichen Freundschaft, die sich auf die Bereiche der Kunst, Philosophie und Musik ausweitet. Diese empfehlenswerte Geschichte regt zum Nachdenken an, welche Spuren wir hinterlassen, wenn wir sterben?    

    ***Vielen Dank an den Diogenes Verlag und Vorablesen, wo ich mir das Buch für meine Prämienpunkte eingetauscht habe!*** 

     


     

    Donnerstag, 9. Oktober 2025

    Kuckuckskind - Ingrid Noll

    Patchworkfamilie der besonderen Art

    Ingrid Nolls Roman Kuckuckskind erschien 2008 im Diogenes Verlag. 

    Anja ist Ende 30, verheiratet, Lehrerin, etwas bieder und ihr Traum von einer glücklichen Ehe, einem Haus mit Garten und zwei Kindern hat sich nicht erfüllt. Als eines Tages ihre Chorprobe überraschend ausfällt und sie wieder zu Hause eintrifft, erwischt sie ihren Ehemann Gernot in flagranti. Ihre Reaktion auf diesen Schock ist eine brühwarme Rache, es folgt die Scheidung von Gernot und sie baut sich ein neues Leben auf. 

    Als sie neidisch von der Schwangerschaft ihrer beliebten Kollegin Birgit erfährt, hat sie den Verdacht, dass Gernot der Vater sein könnte. Dieser Gedanke lässt sie nicht mehr los und so streut sie bei Birgits Mann Steffen Zweifel und Zwietracht und hofft, dass ein Vaterschaftstest den Verdacht erhärten kann. Eines Tages bringt Steffen genervt das Baby zu Anja, um sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Frau zu machen. Endlich erhält Anja die Chance auf eine Mutterrolle und ihr neuer Freund Patrick unterstützt sie dabei.   


     

    Die Charakterbeschreibung erfolgt mit besonderer Zeichnung, spezielle Eigenheiten sorgen für die Besonderheit der Figuren, die herrlich offen über ihre Gefühle und Sinne reden. So kommt man den Figuren herrlich nahe und kann bei der spannenden Frage nach dem wahren Vater gut mitraten. Mein Verdacht hat sich bestätigt und ich fand es cool, wie die Betroffenen damit umgegangen sind. 

    Wie immer hat mir der feinsinnige, schwarze Humor gefallen, dafür fehlt es an der sonst so typischen psychologischen Spannung. Durch Anjas Verdächtigung des wahren Vaters wird eine interessante und fesselnde Geschichte in Gang gebracht, bei der es leider auch menschliche Opfer gibt. 

    Eine hintergründige, unterhaltsame und mitreißende Geschichte, die durch den typischen Ingrid-Noll-Erzählstil zu einem Lesevergnügen wird.  

    "Kuckuckskind" ist eine unterhaltsame Story, die das Leben der kinderlosen Anja spiegelt und uns in eine unerwartete Spirale von Verdächtigungen und kriminellen Vorgängen mit tragischen Folgen wirft.   

       


     

  • Noll, Ingrid - Die Häupter meiner Lieben  
  • Noll, Ingrid - Der Hahn ist tot
  • Noll, Ingrid - Kalt ist der Abendhauch  
  • Noll, Ingrid - Kuckuckskind 
  • Noll, Ingrid - Ladylike
  • Noll, Ingrid - Selige Witwen
  • Noll, Ingrid - Gruß aus der Küche
  • Noll, Ingrid - Über Bord  
  • Noll, Ingrid - Nachteule 
  • Noll, Ingrid - Halali 
  • Dienstag, 2. September 2025

    Nachteule - Ingrid Noll

    Wieder ein Highlight von Ingrid Noll!

    Der neue Roman der Erfolgsautorin Ingrid Noll heißt Nachteule und erscheint im Diogenes Verlag.

    Die 15-jährige Luisa wächst in einem behüteten Elternhaus auf, wurde als Baby adoptiert und hat peruanische Wurzeln. Dank ihrer Gabe, im Dunkeln sehen zu können, beobachtet sie die nachtaktiven Tiere und entdeckt dabei den jungen Obdachlosen Tim, den sie versorgt und ihn im Haus versteckt. Der junge Mann nutzt die Chance, denn er hat guten Grund, unsichtbar zu bleiben. Luisa entwickelt Gefühle für Tim, verstrickt sich immer mehr in ihre Lügen und bemerkt um sich herum einige Verbrechen, die sie nicht richtig einordnen kann.  

     


     

    "Alles lief bisher in geordneten Bahnen. Aber jetzt brodelte es plötzlich im Untergrund, obwohl wir nicht in der Vulkaneifel lebten. Irgendwann würden wir mit Lava übergossen und vernichtet werden." Zitat Seite 90 

    Ingrid Noll schlüpft in Nachteule in die Rolle eines Teenagers und erzählt eine turbulente Handlung, die aus einer speziellen Mischung von Coming-of-age, Krimi und Beziehungsdrama besteht. Dabei hat mir besonders gut gefallen, dass sie, wie man es von ihren älteren Romanen gewohnt ist, in Nachteule ihre feine menschliche Beobachtungsgabe ausspielt. Sie verleiht ihren Charakteren eine emotionale und fühlbare Tiefe und macht die verschiedenen Ängste, Sorgen und Glücksgefühle mit spielerischer Leichtigkeit sichtbar. Ihr klarer und atmosphärischer Erzählstil führt direkt ins Geschehen und lässt uns in einen Strudel von Lügen und menschliche Verwicklungen eintauchen, der sich immer fesselnder entwickelt je länger man liest.   

    Luisa ist ein Einzelkind aus bürgerlichem Hause, etwas altklug, sie hat keine Freunde und gilt in ihrer Klasse als Streberin. Sie ist eine Einzelgängerin und trifft auf den Obdachlosen Tim, den sie mit Essen versorgt. Aus Führsorge oder vielleicht möchte sie einfach mal etwas anderes erleben als den üblichen Alltag mit Schule und biederem Elternhaus. Durch ihre Versorgerrolle gerät sie in einen Teufelskreis, Nettigkeiten von Tim misst sie viel Bedeutung zu und während sie ihre Handlungen verbergen muss, entwickelt sich bei ihren Eltern eine Beziehungskrise. Luisa gibt Tims Forderungen immer weiter nach, wird zur Komplizin und bringt sich selbst in Schwierigkeiten. 

    Die heile Welt der Familie bekommt Risse, einige Nebenhandlungen und ein Todesfall sorgen für Spannung und schliesslich tritt ein weiterer Bekannter in Luisas Leben. Ich war neugierig, wie sie diesen Spagat aus Lügen, Hilfestellung und kindlicher Naivität bewältigen kann. 


    "Nachteule" beginnt etwas verhalten, man muss sich erst in die Gedanken- und Lebenswelt von Luisa hineinfühlen, danach entwickelt die Geschichte eine Sogwirkung der perfekten Unterhaltung, deren Ausgang ich mit Spannung erwartet habe. Ich kann dieses Buch guten Gewissens als Page Turner bezeichnen und möchte mich bei Ingrid Noll für ihren schriftstellerischen Einsatz bedanken, den sie auch in hohem Alter noch meisterhaft absolviert. 
     

    Nachteule ist ein weiteres Meisterwerk von Autorin Ingrid Noll, das an frühere Erfolge anknüpft! Vielen herzlichen Dank für diesen Roman!

    ***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!*** 


  • Noll, Ingrid - Die Häupter meiner Lieben  
  • Noll, Ingrid - Der Hahn ist tot
  • Noll, Ingrid - Kalt ist der Abendhauch  
  • Noll, Ingrid - Kuckuckskind 
  • Noll, Ingrid - Ladylike
  • Noll, Ingrid - Selige Witwen
  • Noll, Ingrid - Gruß aus der Küche
  • Noll, Ingrid - Über Bord  
  • Noll, Ingrid - Nachteule 
  • Noll, Ingrid - Halali 

  • Donnerstag, 21. August 2025

    Das Teufelshorn - Anna Nicholas

    Ein guter Urlaubskrimi mit Mallorca-Flair und einer tollen Ermittlerin  

    Bei Diogenes erscheint der Mallorca-Krimi "Das Teufelshorn", es ist der erste Fall für Isabel Flores von Autorin Anna Nicholas.   

    Isabel Flores setzte ihren scharfen Verstand früher bei der Polizei ein und war erfolgreiche Ermittlerin, doch nun hat sie den Dienst quittiert und betreibt eine Ferienwohnungsagentur auf Mallorca. Als ein kleines Mädchen spurlos am Strand verschwindet, bittet sie ihr alter Freund Hauptkommissar Tolo Cabot um Mithilfe. Dazu ist Isabel schnell bereit und schon bald gesellt sich ein weiterer Fall hinzu, als ein älterer Mann brutal ermordet wird. 


     

    Dieser Krimi zeigt uns das Leben auf Mallorca abseits der großen Touristenpfade und lässt dennoch stimmungsvolles Urlaubsflair einfließen. 

    Der lebendige und detaillierte Erzählstil lässt sich gut lesen und die sympathische Isabel sowie ihre Ermittlungen haben mich schnell gefesselt. Sie ist eine liebenswürdige Person, denn sie kümmert sich um andere Menschen, sie redet mit ihrem Auto Pequeñito und hat ein zahmes Frettchen, mit dem sie jeden Morgen im Meer schwimmt. Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum sie ihren Job aufgegeben hat, ihr vor Jahren verschwundener Onkel ist einer der Gründe. Um diese Figur ranken sich noch ungeklärte Geheimnisse, die sicherlich in einem Folgeband eine Rolle spielen.

    Die Entführung der kleinen Miranda fordert Isabels speziellem Spürsinn einiges ab. Sie kennt viele Leute auf der Insel und hört auf ihr Bauchgefühl, der Fall entwickelt sich dank einiger unerwarteter Wendungen zu einer spannenden Angelegenheit, wobei Isabel sogar in Gefahr gerät, den Fall aber am Ende aufklärt. 

    Der zweite Fall um den toten Mann aus Kolumbien läuft parallel und verweist auf den Titel, denn das Teufelshorn spielt in diesem Fall eine entscheidende Rolle. Es ist eine Grotte im Meer, die von Drogendealern als Umschlagplatz auserkoren wurde. Auch dieser Fall ist recht raffiniert konstruiert und sorgt für einige Ungereimtheiten, die Isabel auflösen kann. 

    Die Spannung verläuft im mittleren Level, dafür nehmen mich die vielen Eindrücke vom Strand, von leckeren Speisen und passenden Getränken gefangen und gaukeln mir angenehme Urlaubsgefühle vor. Ich freue mich auf weitere Fälle mit Isabel Flores, Pep und Tolo. 

    Dieser Krimi punktet mit seiner sympathischen Ermittlerin, zeigt mallorquinisches Flair und liest sich wie eine Urlaubslektüre. 
     
    ***Herzlichen Dank für dieses Rezensionsexemplar an den Diogenes Verlag!*** 
     

     

    Samstag, 16. August 2025

    Wut und Liebe - Martin Suter

    Liebe, Betrug und Mordabsicht! 

     
    Im Diogenes Verlag erscheint Martin Suters Buch "Wut und Liebe".   
     
    Camilla und Noah sind ein Paar. Noah ist Anfang dreißig und freischaffender, aber erfolgloser Künstler, seinen Lebensunterhalt finanziert Camilla, die als Buchhalterin arbeitet. Doch damit ist jetzt Schluss, denn so hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Obwohl sie Noah liebt, träumt sie von einem sorgenfreien Leben und verlässt ihn, um sich einen reichen Mann zu angeln. Noah will es einfach nicht wahrhaben, er möchte Camilla nicht verlieren und sucht nach Möglichkeiten. Aus lauter Frust geht er in eine Bar und lernt die ältere Witwe Betty kennen. Auch sie hat Kummer, aber auch Rachepläne gegen den Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes und macht Noah ein unseriöses Angebot. Ist das die Chance für Noah, um Camilla zurückzugewinnen?  
     

     
     
    Dies ist mein erstes Buch von Martin Suter, das ich durch den direkten Erzählstil gerne gelesen habe. Ich kam schnell in die fesselnde Geschichte hinein, zahlreiche Wendungen haben für Spannung gesorgt und es werden einige Klischees bedient, die für Unterhaltung sorgen. In diesem Fall findet ein armer Künstler eine reiche, ältere Dame bzw. eine junge Frau den älteren, reichen Mann. 
     
    Doch vor allem hat mich die Art, wie dieses Buch konstruiert ist, von Grund auf begeistert und ich habe es gefesselt gelesen. Denn (Achtung Spoiler!) ganz so harmlos wie Betty auf den ersten Blick hin scheint, ist sie gar nicht. 
     
    Die Figuren wirkten auf mich recht unnahbar und wurden mir bis auf Nebenfiguren nicht sympathisch. Sie blieben mir fremd, weil ich ihr Verhalten ihrer Rolle entsprechend konstruiert empfinde. Noah will für Betty ein Verbrechen ausüben, in dem sie ihre Rachegelüste ausleben will. Mit dem verdienten Geld plant er Camilla zu halten, ohne über Konsequenzen seiner Tat nachzudenken. Ich habe mich über seine Versuche, sich die Lage vor Ort anzusehen und dann immer wieder Hindernisse zu entdecken, richtig amüsiert. Und die Sache entwickelt sich dann auch noch ganz anders als gedacht. 
     
    Als Camillas Wunsch von einem sorgenfreien Leben an der Seite eines reichen Partners klappt und sie eine finanzielle Geschäftsbeteiligung rausschlagen kann, nimmt sie das ohne sich abzusichern ziemlich ahnungslos hin. Danach kommt sie immer wieder auf Noah zurück und versucht Licht ins Dunkel bestimmter Geschäfte zu bringen. Denn hier läuft einiges nicht mit rechten Dingen ab und es ist fraglich, wer lügt, wer betrügt und mit falschen Karten spielt. Diese falschen Rollen waren für mich der Clou der Geschichte und haben mich am meisten fasziniert. 
     
    Die Geschichte lässt sich flüssig und dank Suters direktem Erzählstil auch sehr leicht lesen. Das Geschehen spielt zum Teil in der Kunstszene und es gibt immer mal Häppchen und Champagner, was die Szenerie authentisch wirken lässt.  

    "Wut und Liebe" ist für mich eine gelungene Mischung aus Gesellschaftsroman und Krimi, in dem Suter mit unerwarteten Wendungen zu überraschen weiß. Die Klischees fand ich etwas überzogen, aber manchmal braucht es solche Voraussetzungen für einen Storyplot!   

     

    ***Herzlichen Dank an Susanne Bühler vom Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***  

     

     

    Freitag, 27. Juni 2025

    Die Häupter meiner Lieben - Ingrid Noll

    Einfach nur großartig, eines der besten Bücher Ingrid Nolls! 

    Im Diogenes Verlag erschien 1994 Ingrid Nolls Roman Die Häupter meiner Lieben. 

    Das Glück in Majas Kindheit endet als ihr Vater die Familie verlässt. Von ihrer lieblosen Mutter und ihrem älteren Bruder wird sie schikaniert, sie haben Geldsorgen und Maja läuft als graue Maus durchs Leben. Sie wird von ihren Mitschülern als Elefantin betitelt, ihr graues Cape ist ihr Markenzeichen. Das ändert sich als sie mit sechzehn Jahren Cora kennenlernt, gewiefte Tochter aus gutem Hause. Sie werden unzertrennlich, verbringen ihre Zeit miteinander und Maja nimmt Cora mit auf ihre Beutezüge, bei denen sie sich das beschafft/klaut, was ihr ihre Mutter nicht ermöglichen kann. 


     

    Als großer Fan von Ingrid Noll habe ich mir vorgenommen, alle ihre Bücher zu lesen und nach der Lektüre von "Die Häupter meiner Lieben", einem ihrer frühen Werke kann ich sagen, es ist einer ihrer besten Romane!                                                  

    Die Freundinnen machen die ersten Männerbekanntschaften, müssen nach manchen Erfahrungen die Verehrer mit viel Einfallsreichtum in die Flucht schlagen und lange Zeit steht ihre Frauenfreundschaft über allem und jedem. Irgendwann nehmen die Probleme zu und sie müssen zu härteren Mitteln greifen. Die gemeinsamen Erlebnisse schweißen die Frauen zusammen. Als Maja eine Familie gründet, lebt Cora in Florenz bei einem reichen älteren Mann in seiner Villa. Maja hat schnell genug hat vom Einerlei mit Mann und Kind und reist Cora hinterher. Nun wird das Leben für beide wieder schön, es gibt aber noch einige Störenfriede wie der reiche Mann und Majas alkoholkranken Vater, der an ihrem Wohlstand teilhaben will. 

    Schon auf der ersten Seite musste ich laut lachen! Und dann entwickelt die Geschichte einen fesselnden Sog, dem ich mich vor lauter krimineller Energie nicht entziehen konnte, denn was die beiden jungen Frauen miteinander erleben und wie sie handeln, ist alles andere als harmlos.  

    Neben den atmosphärischen Beschreibungen des Lebens in der toskanischen Villa sorgen herrlich schräge Aktionen der Protagonistinnen für Abwechslung und Schreckmomente und durch den schwarzen Humor unterhält die Geschichte perfekt bis zur letzten Seite. Woher Ingrid Noll diese ganzen bösartigen Ideen nimmt, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Stets sind ihre Täterinnen vermeintlich harmlose Frauen, die sich ihrer kriminellen Schuld scheinbar gar nicht bewusst sind und ihre männlichen Opfer gehen reihenweise dem weiblichen Charme auf den Leim. Was aber am meisten verwundert, ist die kluge Art und Weise, wie hier Frauen morden und nicht einmal von der Polizei verdächtigt werden. Das perfekte Verbrechen ist für Ingrid Noll kein Problem!   
     
    Ein großartiges und herrlich amüsantes Lesevergnügen durch den bitterbösen Humor und für mich eines der besten Bücher der Autorin!
      
     
  • Noll, Ingrid - Die Häupter meiner Lieben  
  • Noll, Ingrid - Der Hahn ist tot
  • Noll, Ingrid - Kalt ist der Abendhauch  
  • Noll, Ingrid - Kuckuckskind 
  • Noll, Ingrid - Ladylike
  • Noll, Ingrid - Selige Witwen
  • Noll, Ingrid - Gruß aus der Küche
  • Noll, Ingrid - Über Bord  
  • Noll, Ingrid - Nachteule