Mittwoch, 17. Juni 2026

Wirf einen Schatten - Elena

Stell dich deinem Schatten!
 
Im Diogenes Verlag erscheint Elena Fischers Roman Wirf einen Schatten.  

Nachdem seine Frau Lis ihn mit dem gemeinsamen Sohn im Sommer verlassen hat, beschließt Jaseph an Heiligabend 1963, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er schreibt eine Liste und Abschiedsbriefe und holt sein Gewehr. Doch dann steht Birdie an seiner Tür und braucht Hilfe. Joseph lässt von seinem Vorhaben ab und nimmt Birdie bei sich auf.    

 

Elena Fischers Roman spielt in den 60er Jahren auf dem Land. Protagonist Joseph ist ein schweigsamer Landwirt, der ohne sein Leben in Frage zu stellen, pflichtbewusst seine Arbeit macht und es einfach nicht gewohnt ist, über Gefühle nachzudenken oder darüber zu reden. Als seine Frau Lis mit dem Alltag des eintönigen Landlebens nicht klar kommt und mit dem gemeinsamen Sohn Samuel in die Stadt zieht, lässt sie Joseph verstört zurück. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen und er kann Lis Beweggründe nicht verstehen. Sein einziger Halt ist Ada, die ältere Schwester von Lis, die weiterhin losen Kontakt zu Joseph hält. Dann steht eines Tages die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, sie sieht krank aus und floh vor ihrer Familie. Joseph nimmt Birdie in seinem Haus auf und versorgt sie. Durch sie und Ada findet er einen Weg, sich wieder mit dem Leben zu arrangieren. 

Die in ruhigem Tempo erzählte eingängige Geschichte lässt sich flüssig und interessant lesen. Nach und nach lernen wir Josephs Charakter kennen und erfahren in Rückblenden mehr über diesen schweigsamen Mann und über das Scheitern seiner Ehe. Joseph ist kein Mann vieler Worte, er hatte eine harte Kindheit, leidet unter dem Verlust seines Bruders und kennt nur die Arbeit auf dem Hof, die ihn ausfüllt und die er nie in Frage gestellt hat. Das Schreikind Samuel wird zu einer Herausforderung der Eltern und Lis fehlt einfach Zeit mit ihrem Partner und für sich. Sehr stimmig werden die Jahreszeiten beschrieben und man erkennt, wie sie das Leben und die Aufgaben auf dem Hof bestimmen.  
Als Birdie bei Joseph ankommt, ist sie gerade mal 20, damals noch nicht volljährig und abhängig von dem Willen ihrer Eltern. Ihre persönliche Notlage erkennt Joseph und versucht mit Adas Hilfe, Birdie zu einem selbstbestimmen Leben zu verhelfen. 
 
Die Geschichte ist berührend zu lesen, man kann sich gut in die Figuren hinein versetzen und aus dem schweigsamen Joseph wurde ich erst allmählich schlau. Sein Verhalten erklärt sich aus der Zeit, in der er groß wurde. Da stand die Arbeitspflicht des Hoflebens vor eigenen Interessen und in seinem Elternhaus hat er nicht gelernt, über Gefühle zu reden, geschweige denn, sie sich einzugestehen. Deshalb nahm er ganz selbstverständlich an, dass sich Lis einfach so ins Hofleben einfügt und eigene Wünsche zugunsten der Familie zurückstellt. Für Birdie ist es schwierig, sich von ihren Eltern zu lösen und eigene Wege zu gehen. Ich konnte mich gut einfühlen in die Sorgen und Nöte der Figuren und habe mir für Joseph gewünscht, dass er einen inneren Zugang zu seinen Gefühle findet und den Mut besitzt, sich endlich zu öffnen und nicht in Einsamkeit zu verharren. 
 
Dieser ruhig erzählte Roman hat mir vor Augen geführt, wie äußere Einflüsse und Begegnungen Menschen prägen und dass es sich lohnt, aus Fehlern zu lernen und neue Wege einzuschlagen. Denn für das Glück im Leben sind wir alle selbst verantwortlich!  

***Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

 


 

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