Ein besonderer Blick aufs Älterwerden!
Im Claassen Verlag erscheint Alexandra Stahls Roman Tschikago.
Nach der Trennung ihrer Eltern wohnte die Autorin als Kind in der Nähe ihrer Großeltern in Unterfranken, wo sie viel Zeit verbrachte. Beide waren wie Hund und Katze und stritten regelmäßig über die Macken des anderen Partners. Die Oma fütterte alle streunenden Katzen aus der Nachbarschaft und überall standen Futternäpfe im Weg, die den Großvater ins Stolpern brachten. Er war Elektriker und sammelte alle Arten von Kabeln, Steckdosen und Elektroschrott, was wiederum die Oma störte. Dennoch hielten sie ganze siebenundfünfzig Jahren miteinander aus.
Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt und beginnt mit dem Teil "Frankfurt ist schlimmer als Chicago". Mit unterhaltsamen. liebenswerten und manchmal auch skurrilen Beschreibungen tauchen wir in die glückliche Zeit der Autorin mit ihren Großeltern ein. Der eingebundene Dialekt vermittelt heimatliche Gefühle und vermittelt die famliliäre Eingebundenheit, dazu kommt eine Prise Humor, die alles auflockert. Diesen Teil habe ich wegen seiner Lebendigkeit sehr gerne gelesen und konnte mich gut in die Schilderung einfühlen und auch die zunehmende Demenz des Großvaters einschätzen.
Im zweiten Teil "Waren Sie schon mal im Internet?" erleben wir die Gespräche mit Senioren in einem Berliner Pflegeheim, wo Alexandra Stahl als Ehrenamtlliche eine Biografiegruppe anleitet. In diesen Teil habe ich einiges über die Bewohner erfahren, die sich auf ihre eigene Weise erinnern, miteinander reden oder ihre Gedanken ungefiltert zum Ausdruck bringen. Im Berliner Dialekt wirken die Gesprächsfragmente absolut echt und haben mich an eigene Gespräche mit Senior:innen erinnert. Doch wenn man diese Personen nicht persönlich kennt, führt so eine Schilderung häufig ins Leere. Im dritten Kapitel "Winken bis zum Schluss" bezieht die Autorin Stellung zu verschiedenen Themen und lässt unterschiedliche Aspekte einfließen, bei denen mir der rote Faden gefehlt hat.
Alexandra Stahl beschreibt Themen wie Jugend, Alter, Erinnerung und Vergessen und den Verlust von geliebten Menschen. Dabei taucht sie in die eigene Familie ein und erzählt aus ihrer ehrenamtlichen Biografiegruppe im Seniorenheim, wo die teilnehmenden Senioren aus ihrer Vergangenheit erzählen und alle an ihrem Leben teilhaben lassen. Die Gedankenwelt der Figuren, die Erlebnisse und ihre Sorgen und Ängste werden aus nächster Nähe aufgezeigt und man kann anhand ihrer Dialoge erkennen, was sie erlebt haben, wie sie sich fühlen und was sie umtreibt. Diese Geschichten machen gelebtes Leben sichtbar und sind Zeugen der Achtung von diesen Menschen und ihren Schicksalen.
Mein großer Kritikpunkt ist der merkwürdige Erzählstil, der meinen Lesefluss behindert hat und durch den ich das Buch am liebsten abgebrochen hätte. Viele Sätze sind einfach nur abgehackt oder werden in einzelnen Fragmenten aneinandergereiht. Manche kurze Aussagen entsprechen sicherlich dem Ausdrucksvermögen der Senior:innen, die Autorin hätte sich insgesamt aber ruhig in flüssigerer Form ausdrücken können.
Von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen, der fragmentarische Erzählstil liegt mir überhaupt nicht und die drei Teile verbunden sich leider nicht zu einer echten Einheit. Es war für mich leider eine Enttäuschung!
***Herzlichen Dank an den Claassen Verlag und an Vorablesen für dieses Prämienbuch!***


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