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Mittwoch, 29. Juli 2026

Tschikago - Alexandra Stahl

Ein besonderer Blick aufs Älterwerden! 

Im Claassen Verlag erscheint Alexandra Stahls Roman Tschikago.  

Nach der Trennung ihrer Eltern wohnte die Autorin als Kind in der Nähe ihrer Großeltern in Unterfranken, wo sie viel Zeit verbrachte. Beide waren wie Hund und Katze und stritten regelmäßig über die Macken des anderen Partners. Die Oma fütterte alle streunenden Katzen aus der Nachbarschaft und überall standen Futternäpfe im Weg, die den Großvater ins Stolpern brachten. Er war Elektriker und sammelte alle Arten von Kabeln, Steckdosen und Elektroschrott, was wiederum die Oma störte. Dennoch hielten sie ganze siebenundfünfzig Jahren miteinander aus.


 

Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt und beginnt mit dem Teil "Frankfurt ist schlimmer als Chicago". Mit unterhaltsamen. liebenswerten und manchmal auch skurrilen Beschreibungen tauchen wir in die glückliche Zeit der Autorin mit ihren Großeltern ein. Der eingebundene Dialekt vermittelt heimatliche Gefühle und vermittelt die famliliäre Eingebundenheit, dazu kommt eine Prise Humor, die alles auflockert. Diesen Teil habe ich wegen seiner Lebendigkeit sehr gerne gelesen und konnte mich gut in die Schilderung einfühlen und auch die zunehmende Demenz des Großvaters einschätzen. 

Im zweiten Teil "Waren Sie schon mal im Internet?" erleben wir die Gespräche mit Senioren in einem Berliner Pflegeheim, wo Alexandra Stahl als Ehrenamtlliche eine Biografiegruppe anleitet. In diesen Teil habe ich einiges über die Bewohner erfahren, die sich auf ihre eigene Weise erinnern, miteinander reden oder ihre Gedanken ungefiltert zum Ausdruck bringen. Im Berliner Dialekt wirken die Gesprächsfragmente absolut echt und haben mich an eigene Gespräche mit Senior:innen erinnert. Doch wenn man diese Personen nicht persönlich kennt, führt so eine Schilderung häufig ins Leere. Im dritten Kapitel "Winken bis zum Schluss" bezieht die Autorin Stellung zu verschiedenen Themen und lässt unterschiedliche Aspekte einfließen, bei denen mir der rote Faden gefehlt hat. 

Alexandra Stahl beschreibt Themen wie Jugend, Alter, Erinnerung und Vergessen und den Verlust von geliebten Menschen. Dabei taucht sie in die eigene Familie ein und erzählt aus ihrer ehrenamtlichen Biografiegruppe im Seniorenheim, wo die teilnehmenden Senioren aus ihrer Vergangenheit erzählen und alle an ihrem Leben teilhaben lassen. Die Gedankenwelt der Figuren, die Erlebnisse und ihre Sorgen und Ängste werden aus nächster Nähe aufgezeigt und man kann anhand ihrer Dialoge erkennen, was sie erlebt haben, wie sie sich fühlen und was sie umtreibt. Diese Geschichten machen gelebtes Leben sichtbar und sind Zeugen der Achtung von diesen Menschen und ihren Schicksalen. 

Mein großer Kritikpunkt ist der merkwürdige Erzählstil, der meinen Lesefluss behindert hat und durch den ich das Buch am liebsten abgebrochen hätte. Viele Sätze sind einfach nur abgehackt oder werden in einzelnen Fragmenten aneinandergereiht. Manche kurze Aussagen entsprechen sicherlich dem Ausdrucksvermögen der Senior:innen, die Autorin hätte sich insgesamt aber ruhig in flüssigerer Form ausdrücken können. 

Von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen, der fragmentarische Erzählstil liegt mir überhaupt nicht und die drei Teile verbunden sich leider nicht zu einer echten Einheit. Es war für mich leider eine Enttäuschung!

 

***Herzlichen Dank an den Claassen Verlag und an Vorablesen für dieses Prämienbuch!*** 

 

                                      

Montag, 29. September 2025

Prinzessin Alice - Irene Dische

Was ist Fiktion und was Wahrheit?  

 
Der historische Roman "Prinzessin Alice" von Irene Dische erscheint im Claassen Verlag. 
 

Alice von Battenberg (später umbenannt in Mountbatten) wurde 1885 in Windsor Castle gehörlos geboren, sie gehörte dem Hochadel an, war religios, intelligent und las fünf verschiedene Sprachen von den Lippen ab. Sie war Mutter von fünf Kindern, der einzige Sohn war Philip Mountbatten, der Ehemann von Queen Elisabeth II.  

In ihrer konservativen Familie wurde Alice wegen ihrer fanatischen Beziehung zu Gott und ihrer Lebenslust als verrückt angesehen. Man wies sie gegen ihren Willen in eine Klinik für Psychiatriepatienten am Bodensee ein, wo sie ohne Kontakte zu ihrer Familie leben musste. Finanziell wurde Alice durch ihre Schwägerin Edwina unterstützt und ihr gelang ein Fluchtversuch aus der Klinik. Danach lebte sie einsam in Griechenland. 


 

Irene Dische setzt als Erzählerin Alice von Battenberg persönlich ein und lässt sie aus ihrem bewegenden Leben berichten. Dische schreibt eine intensive Geschichte, die mich mit der geschilderten Offenheit und Dramatik sehr bewegt, aber auch verstört hat. Alice von Battenberg hatte kein einfaches Leben, sie musste mit ihrer Taubheit leben und wurde in eine Psychiatrie eingewisen. Man kann davon ausgehen, dass sie sehr an der Ausgrenzung ihrer Familie gelitten hat. In dem Buch kommt man Alice sehr nahe, ihr persönliches, menschliches Schicksal kann man aber kaum wirklich nachvollziehen.  
Die adelige Prinzessin wurde von ihrer Familie als verrückt erklärt, liest man jedoch ihre geschilderten Erlebnisse, so kann sich Alice durchaus in einer Wirklichkeitsflucht befunden haben, die sie zu ihrem Handeln bewegte. 
Dieses Buch ist keine Biografie, es ist ein Einblick in das interessante, aber auch tragische Leben von Alice von Battenberg, der ein selbstbestimmtes Leben verwehrt wurde. Ich fand die Lektüre sehr berührend und auch spannend und hatte beim Lesen sehr viel Mitleid mit dieser Frau. Was aber von der Erzählung Wahrheit oder Fiktion ist, hat sich mir nicht genau erschlossen. Man erfährt einiges über die familiären Verknüpfungen der Adelsfamilie, in der Erbkrankheiten kursierten. Das gibt Anlass, über Monarchien nachzudenken. 
 

Irene Dische hat es geschafft, ein intensives und lebendiges Bild von Alice von Battenberg zu zeichnen, die in einer abgeschotteten Welt lebte, ihrer eigenen inneren der Öffentlichkeit abgewandten Welt. Vielleicht waren die Religiösität und ihre Gespräche mit Gott ihre Art, sich selbst zu heilen und aufbewahrt zu fühlen. Auf jeden Fall muss ihr Leben ein Kampf gegen die traditionellen Ansichten gewesen sein und sie hatte nur wenige Menschen, die ihr zur Seite standen.  

Das Buch lässt mich zwiegespalten zurück, es ist bewegend erzählt, doch mir fehlten wichtige Eckpunkte vom Leben der Prinzessin und durch die Selbstdarstellung bleiben viele Fragen offen. 
Es ist eine interessante, aber verwirrende Geschichte, weil die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit nicht deutlich werden. 
 
 
***Herzlichen Dank an den Ullstein Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
 

 

Dienstag, 14. Januar 2025

Das Fest - Lucy Fricke

Der 50. Geburtstag 

 
Im claassen Verlag erscheint Lucy Frickes Roman Das Fest.

Jakob steht kurz vor seinem 50. Geburtstag, seine Karriere als gefeierter Filmregisseur scheint vorbei zu sein, er hat keine Beziehung, die letzte liegt über zehn Jahre zurück und er fühlt sich alt, schwach und hat keine neuen Ideen oder Pläne. Seine düsteren Gedanken ziehen ihn runter und er sieht keinen Grund, diesen runden Geburtstag zu feiern. Aber seine beste Freundin Ellen sieht das anders und lässt ihn den Tag auf ganz besondere Weise erleben. Sie schickt ihn los und es wird eine Reise in Jakobs Vergangenheit, die ihn scheinbar zufällig mit vielen alten Freunden und Bekannten zusammen führt.  


Lucy Frickes Geschichte über Jakob in der Midlife-Crisis liest sich gut, man merkt, wie sehr er mit depressiven Phasen zu kämpfen hat. Doch diese negativen Züge bekämpft sie mit einer Geschichte, in der es um schöne Erinnerungen, alte Liebe, Freundschaft und Verluste geht und um Verzeihen, Neubeginn und neue Lebensfreude.   



An seinem 50. Geburtstag trifft Jakob durch Ellens Planung alte Freunde und Bekannte wieder, durch die man ihn und seine unbekannte Vergangenheit näher bringen. Jakob erlebt einen Roadtrip in seine eigene Vergangenheit. Dabei passieren ihm mehrfach kleine Missgeschicke, die er wegen der Menschen, der Gespräche und Erinnerungen nicht groß thematisiert. Das sorgt für Schmunzeleffekte beim Lesen und dank der Sicht auf die Freunde lernt man auch Jakob immer besser kennen, bzw. das Kind oder den Mann, der er mal war. Auf dieser Reise gewinnt Jakob wieder neuen Lebensmut und er freut sich, alte Weggefährten wieder zu sehen und in die Erinnerungen einzutauchen, egal ob sie lustig, tragisch oder einfach nur schön sind. Und diese Stimmung geht auch auf mich als Leserin über.
 
Lucy Fricke lenkt den Blick auf das Zwischenmenschliche und lässt alte Geschichten aufleben, zeigt die Liebe und besondere menschliche Begegnungen, die für Jakob das Leben schön, lebenswert und froh gemacht haben. Dieser Roastrip der Erinnerungen bringt ihm neuen Lebensmut und zeigt uns, ohne die Lebensgefährten wären wir alle nicht die, die wir jetzt sind. Warum sich in den schlechten Dingen suhlen, wenn man doch die Freude über Erlebtes auch wieder aufleben und weiterleben lassen kann.  
 
Dieses Buch zeigt, wie wichtig Zufriedenheit über das Erreichte ist und das Wissen um bestimmte Wegbegleiter auf unserem Lebensweg! 

***Herzlichen Dank an den Ullstein Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***