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Mittwoch, 13. September 2023

Mord im Christmas Express - Alexandra Benedict

Ein atmosphärischer, spannender Weihnachtskrimi

 
Alexandra Benedicts Kriminalroman "Mord im Christmas Express" erscheint im Tropen Verlag. 
 
In der Nacht vor Heiligabend versetzt ein Schneesturm Großbritannien ins Chaos, nur der Christmas Express bahnt sich seinen Weg von London durch die schottischen Highlands nach Fort William. In diesem Zug reist die ehemalige Polizistin Roz im Luxusschlafwagen, um zur Geburt ihres Enkelkindes in Schottland anwesend zu sein. Im Christmas Express sind achtzehn Passagiere an Bord, einer davon mit mörderischen Absichten, der genau dann zuschlägt, als besondere Umstände dem Zug zusetzen. Die Aufregung der Fahrgäste und Zugbegleiter ist groß und Roz macht sich sofort an die Ermittlung. Aber kann sie den Täter dingfest machen? 
 


 
Dieser Krimi erinnert mit dem Handlungsort an Agatha Christies berühmten "Mord im Orient Express". Der neugierig machende Prolog deutet Vorgänge eines Verbrechens an, das an Heilig Abend geschieht. Zu diesem Zeitpunkt ahnt man schon, dass hier Gewalt in einer Beziehung vorliegen könnte, aber ein Mord ist noch nicht erkennbar.

Der flüssige Schreibstil versetzt mitten ins Geschehen, mit den unterschiedlichen Charakteren hatte ich anfangs etwas zu kämpfen. Doch im weiteren Verlauf der Handlung habe ich die Personen näher kennengelernt, die die Autorin mit vielfältigen und damit gut wiedererkennbaren Facetten ausgestattet hat. Manche Figuren haben recht skurrile Seiten und es könnten alle als Täter in Frage kommen.
Während der Zugfahrt werden schnell Unstimmigkeiten und Abneigungen innerhalb der Reisenden deutlich. Im Vordergrund steht eine bekannte Influencerin, die mit ihrem unsympathischen Freund reist. Ein blinder Passagier hat sich ebenfalls unter die Reisenden gemischt und als der Zug entgleist, geschieht zeitgleich der Mord. Roz beginnt sofort mit ihren Untersuchungen, unterstützt von einem ehemaligen Staatsanwalt. Dabei hat sie privat auch große Sorgen, denn ihre Tochter hat während der Geburt ihres Kindes große gesundheitliche Probleme. Es scheint so, als wäre die Arbeit etwas, das Roz ablenkt, doch durch Umstände des Mordopfers wird sie an eigenes erlittenes Leid erinnert.  

***Zu diesem Thema möchte ich unbedingt eine Triggerwarnung anbringen, denn das Thema sexuelle Gewalt spielt im Buch eine große Rolle. 

Ich fand die vielen Perspektivwechsel interessant, es gibt Einblicke in die Sicht des Täters und auch das Opfer zeigt, welche Probleme es mit sich herumträgt. Das alles sorgt für einen tollen Spannungslevel, der immer mehr ansteigt und mit der Auflösung zu einem gelungenen Ende führt. 

Dieser Krimi in der winterlichen Atmosphäre der Highlands hat mich spannend und gut unterhalten, wegen kleiner Kritikpunkte vergebe ich vier Sterne!

***Herzlichen Dank an Vorablesen und den Tropen Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

 



Montag, 31. Januar 2022

Manifesto - Bernardine Evaristo

Eine mutmachende Selbstanalyse, die mich nicht durchgängig fesseln konnte  

Im Tropen Verlag erscheint die Biografie "Manifesto - Warum ich niemals aufgebe" von Bernardine Evaristo.

Bernardine Evaristo wächst als eines von 8 Kindern mit einer englischen Mutter und einem nigerianischen Vaters in Großbritannien auf. In dieser Großfamilie musste sie sich früh behaupten, als Farbige ist sie in den sechziger Jahren den Anfeindungen durch Rassismus ausgesetzt und ihre spätere Homosexualität ist ein weiterer Punkt, der ihr Leben nicht gerade leichter machte.  


Als Memoir und Meditation über ihr Leben bezeichnet Bernardine Evaristo ihr biografisches Buch und lässt uns in ihre Familiengeschichte eintauchen, an ihrem weiteren Lebensweg und ihrer Persönlichkeitsbildung teilhaben. Die Auszeichnung mit dem Booker-Preis 2019 als erste Schwarze Frau war für sie die krönende Auszeichnung für ihren Kampfgeist und ihr Durchhaltevermögen in langen Durstperioden des Schreibens. 

Der Erzählstil wirkt auf mich wie eine distanzierte Stilform, die sich Evaristo in ihrer Prosa anerzogen hat. Dabei geht sie auf ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassendiskriminierung ein, berichtet von ihren Liebesbeziehungen und zeigt, welcher Stellenwert für sie die Schriftstellerei besitzt. Sie spürt ihren Vorfahren nach, einem Mix aus mehreren Kontinenten und berichtet aus ihrem Familienleben als eines von 8 Kindern. Von Kindesbeinen an ist sie ständig Anfeindungen gegen ihre Hautfarbe ausgesetzt und lernt, sich dagegen zu behaupten. Man kann schon sagen, dass sie ein sehr ausgeprägtes, starkes Selbstbewusstsein besitzt. Vielleicht eine Folge ihrer Abstammung. Auf ihre Vorfahren ist sie stolz, sie stammen verschiedenen Herkunftsländern und mussten sich alle erst ihren Platz im Leben erkämpfen. Mit den Erfolgen in der Schriftstellerei zahlt sich endlich Bernardines Kampfgeist aus, sie fühlt sich als Vorreiterin für die Bewegung der people of colour.     

Einzelne Teile des Buches fand ich etwas sperrig zu lesen, manche aber sehr interessant, dazu gehört auch die interessante und lebendig erzählte Geschichte ihrer Kindheit und ihres Erwachsenwerdens. Danach geht es um ihre Liebschaften, um ihre Zeit als Schauspielerin und in alle Lebensbereiche, die sie ausprobiert hat. Ihre Erzählung dreht sich zwangsläufig um ihre Schreiberfahrungen und ihre Bücher, immer wieder um die Liebe, um Anfeindungen, zahlreiche Umzüge, Niederlagen und den späten Erfolg als Autorin. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie sei etwas zu ichbezogen und selbstsüchtig. Wahrscheinlich wird man so, wenn man sich gegen Anfeindungen behaupten will. Aber die Selbstdarstellung ist immer eine trügerische Form in autobiografischen Büchern, weil nur die einzelne Autorin selbst Zeugnis über sich ablegt. 

Durch das gesamte Buch zieht sich die Botschaft Evaristos, indem sie dazu rät, sich niemals aufzugeben und für seine persönliche Entfaltung zu kämpfen. Konkrete Beispiele macht sie speziell an ihren persönlichen Lebenserfahrungen fest. Das ist zwar ein mutmachender Ansatz, hilft aber in Einzelfällen nicht praktisch weiter und jeder Lebensweg ist anders. Aber sie macht mit ihrem persönlichen Werdegang allen (farbigen) Frauen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen und sich zu selbstbewussten  Persönlichkeiten zu entwickeln.

Es ist ein mutmachender Gedanken- und Werdegang einer starken und selbstbewussten Frau und zeigt persönliche Lebensereignisse, Misserfolge und Wendungen in ihrem Leben. Evaristo möchte ihre Leserinnen dazu ermuntern, ihren ganz eigenen Lebensweg zu gehen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

 

***Vielen Dank an den Tropen Verlag und an Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***
 
 

Sonntag, 23. Februar 2020

Milchmann - Anna Burns

Ein eigenwilliges und ungewöhnliches Buch, sprachlich zwar brillant, aber schwer zu lesen.


Mit ihrem Roman "Milchmann" hat die irische Autorin Anna Burns den Man Booker Prize 2018 gewonnen. Das Buch erscheint im Tropen Verlag.

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein. (Klappentext)



Vor dem Hintergrund Nordirlands zeigen sich die Probleme und der gewalttätige Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Autobomben und Gewalt sind an der Tagesordnung. Auch die Erzählerin ist davon betroffen, dieser Konflikt bestimmt den Alltag der Menschen und beeinflusst sie in ihrem Tun. Die bedrohliche Situation, herrschende Moralvorstellungen und das Gerede der Mitmenschen betreffen auch die Erzählerin, ihr wird eine Beziehung zum Milchmann vorgeworfen, dabei verabscheut sie ihn aufs tiefste. Der feministische Ansatz ist hier noch der entscheidende Inhalt, der mir beim Lesen interessant vorgekommen ist. 

Die Erzählerin ist gerade mal 18 Jahre alt, hat ihren Vater und Brüder verloren und wenn es nach ihrer Mutter ginge, wäre sie bereits verheiratet. Ihr stellt ein älterer Mann nach, der Milchmann, dem sie lieber aus dem Weg geht. Sie fühlt sich aber auch vom allgemeinen Misstrauen und der täglichen Gewalt bedrängt. Gerne hätte ich mit der Erzählerin ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken mehr geteilt. Doch sie springt von einem Thema zum nächsten, was konfus wirkt und sehr erschwerend zu lesen ist. Die Ablehnung gegen den Milchmann ist aber noch das offensichtlichste, was man mitbekommt. Sie versucht, ihr Leben selbst zu bestimmen und sich vor männlichen Andeutungen und Übergriffen zu schützen, das wird deutlich. Aber insgesamt ist der Inhalt zu wirr und konfus und lässt einfach zu wünschen übrig. Deshalb konnte mich die Geschichte mit ihren monoton und endlos aufgezählten Belanglosigkeiten über die volle Länge des Buches einfach nicht mitnehmen. Ich war mehr als einmal versucht, das Buch abzubrechen. 

Der besondere Schreibstil hat schon etwas, er ist mit den grübelnden Betrachtungen teilweise brillant, dann aber durch die langen und verschachtelten Sätze auch sehr schwer zu lesen. Oft fehlt einfach der Bezug zu den aktuellen Vorgängen, die Erzählerin schweift ab, hinterfragt die Rollen von Männern und Frauen und deutet immer wieder die Unterdrückung und das machohafte Verhalten von Männern an.

Anfangs noch interessant, aber über die Länge des Buches hat mich die Betitelung der Charaktere immer mehr gestört. Sehr vage und distanziert nennt die junge Frau keine wirklichen Namen, nennt sie Tablettenmädchen, Schwester 1 oder Schwager 2, also unbestimmte Personen, die an mir vorbeischwimmen und mich nicht erreichen. Ich konnte mir von den Personen kein Bild machen, zu undeutlich verschwimmen die Figuren durch die Namenlosigkeit. 


Dieses ungewöhnliche Buch findet sicherlich Leserinnen, die es wertschätzen. Man muss lange Sätze mögen und sich ziemlich hindurchkämpfen, deshalb lässt es mich leider enttäuscht zurück.


***Danke an den Tropen Verlag und Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***