Samstag, 6. Februar 2016

Der Sommer der Schmetterlinge - Adriana Lisboa

Ein wunderschöner Schreibstil nimmt gefangen und enthüllt eine tragische Vergangenheit!

Die vielfach ausgezeichnete brasilianische Schriftstellerin Adriana Lisboa schrieb den Roman Der Sommer der Schmetterlinge. Für ihr Debüt "Sinfonia em branco" erhielt sie den José Saramago-Preis. Der Sommer der Schmetterlinge erscheint im Aufbau Verlag.


Die Schwestern Clarice und Maria Inês wachsen in den 50er Jahren  auf einer Fazenda im Hinterland Rio de Janeiros auf. Ihre Kindheit inmitten ländlicher Idylle und üppiger Natur erscheint harmonisch und behütet. Doch in Wahrheit teilen die Mädchen ein dunkles Geheimnis miteinander, das sie für ihr späteres Leben prägt. Mehr als 20 Jahre nach den geheimnisvollen Vorfällen treffen sich die Schwestern auf der Fazenda und ein schreckliches Geheimnis wird enthüllt.

"Der Sommer der Schmetterlinge" ist ein wunderbar poetisch geschriebener Roman, der mit leisen Tönen fasziniert und schicksalsbezogene Emotionen freigibt. 

Aus verschiedenen Perspektiven zeichnet die Autorin mit einer beeindruckenden Sprache eine tragische Geschichte, die im Leben der Protagonisten tiefe Spuren hinterlassen hat. Als Leser wird man unweigerlich in einen Sog gezogen, sieht die verhängnisvollen Folgen in der Familie und erkennt die Ursachen erst zum Ende vollständig, wenn sich alle Puzzlesteinchen zu einem ganzen Bild zusammengefüht haben. Vorher erkennt man nur die augenscheinlichen Entwicklungen der beiden Schwestern, die sich in Suizidversuchen und Drogenkonsum von Clarice und in gedankenlosen Seitensprüngen, Misstrauen und schockierendem Verhalten Maria Inês zeigt.
"An allem, was missfallen, schockieren, erschrecken, Abscheu erregen konnte, fand Maria eine morbide Freude." Zitat S. 39

Dabei habe ich früh schon einen Verdacht geahnt, verdrängte ihn aber genau wie die Figuren im Buch inmitten des Zaubers der geschilderten Jugend und wunderschönen Naturschönheiten. Es ist fast so als wenn die Autorin den Leser ablenken möchte von den tragischen Geschehnissen. Sie baut Zeitsprünge ein, fügt Bilder und Musik hinzu und lässt über allem die Schmetterlinge flattern, die sich gerade am Steinbruch todesmutig in den Abgrund stürzen. Das gibt dem Roman einen leicht mystische Note und lässt alles in einem fröhlicheren Licht erscheinen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

Gerade die Naturschilderungen haben eine geradezu faszinierende Wirkung. Man erlebt die Natur hautnah mit, wenn es heißt:

Die Sansevierien und Monsterae überwucherten den Hang hinter dem Haus, und im Obstgarten spendeten die Jabuticabas Schatten, während die schlanken Papayamäume von Früchten überquollen.  Zitat Seite 116

Die Figuren erleben nicht geklärte Konflikte mit Auswirkungen auf ihre Seele, jede scheint die andere verletzen zu wollen. Erst mit einer Aussprache scheint ein annehmbares Weiterleben für beide Schwester möglich zu werden. Es kommt die Hoffnung auf, das Vergangene ruhen zu lassen.

Dieser Roman hat mich mit der stilvollen Sprache angenehm unterhalten, aber auch Fragen aufgeworfen, mich an die Charaktere herangeführt, sie mir aber nicht genug nahe gebracht. Die Schwestern erscheinen mir selbst nach der Lektüre wie flatterhafte Schmetterlinge. Denn ihre Geschichte zeigt nicht die innere Zerrissenheit, sondern nur die äußerlich gezeigten Reaktionen. 
Die Naturbeschreibungen muss ich besonders lobend erwähnen, hier war man als Leser gefangen inmitten der unglaublichen Natur Brasiliens.   

Ein tiefgründiger Roman, der ein schwieriges Thema aufgreift und die fürs Leben entstellenden Folgen beschreibt. Kein einfach zu lesender Roman, aber einer, der in einer poetischen Sprache Tragik enthüllt. 


 ***Gewinnexemplar von Lovelybooks - Vielen Dank
             an den Aufbau Verlag für die Bereitstellung des Buches!
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Donnerstag, 4. Februar 2016

Der Tote vom Zentralfriedhof - Beate Maxian

Tolle Idee, hier Mystik und Aberglauben einzustreuen, wirkt aber etwas konstruiert!

 Mysteriöser Sargklau


Der Tote vom Zentralfriedhof von Beate Maxian ist der vierte Band um die Journalistin Sarah Pauli. Der Wien-Krimi erschien 2014 im Goldmann Verlag.


Sarah Pauli plant eine Kolumne über das mystische Wien für den "Wiener Boten". Fremdenführerin Erika Holzmann veranstaltet auch Führungen zu geheimnisvollen Orten der Stadt und verspricht Sarah  zu einer neuen geheimnisvollen Entdeckung Informationen. Doch Erika verschwindet noch vor dem geplanten Treffen. Chefinspektor Martin Stein glaubt, dass Erika verreist sei, während Sarah von einer Entführung ausgeht. Kurz darauf wird vom Zentralfriedhof der Sarg eines Millionärs gestohlen, samt Leiche. Sarahs Neugier ist geweckt und sie mischt sich in die Ermittlungen ein, gegen Steins ausdrücklichen Wunsch natürlich.

"Nix ist passiert. Verstanden? Absolut nix. Belassen Sie’s dabei, und spielen Sie um Himmels willen nicht schon wieder Miss Marple. Das steht Ihnen nicht. Kümmern Sie sich lieber um ihre Hexen und Geister, da sind S‘ besser aufgehoben.“ (Zitat Seite 81 Stein an Pauli gerichtet)

Für ihre neue Kolumne "Das mystische Wien" befasst sich Sarah Pauli intensiv mit Aberglauben, Mystik, Symbolen und Geheimzeichen.  Daher nennt man sie in ihrer Redaktion auch die "Hexe vom Dienst". Dazu passt natürlich prima ihre schwarze Katze. Doch Sarah ist jung und hübsch und alles andere als eine Hexe und abergläubisch ist sie auch nicht. Sie fragt gezielt nach und sieht mehr als andere Menschen und beschäftigt sich mit Inhalten zur Numerologie und Symbolik, die von alters her Menschen, Freimaurer und Geheimbünde geprägt haben. Für die altrömischen Götter und sogar Albrecht Dürer waren Zahlensymbolik und deren Deutung Zeichen für Schicksal.

Sarah befasst sich mit der Materie und wirft einige Begriffe auf wie auch das magische Jupiterquadrat. Das ist zwar interessant zu lesen, echten Einblick erhielt ich aber nicht, dafür ist mir das Ganze zu fremd und abstrakt.
 
Die Krimihandlung hat mir gut gefallen, das Konzept mit dem rumänischen Kriminellen, dem gestohlenen Sarg und den schaurigen Schauplätzen des Friedhofs und der Unterwelt Wiens sorgt für reizvolle Gruselstimmung. Die Personen sind auch ohne Kenntnis der Vorgängerbücher gut erkennbar und die privaten Verhältnisse werden deutlich gemacht. Schön sind die vielen ausschmückenden Details, die die Charaktere bildhaft darstellen, allen voran der böse Rumäne mit seiner Angst vor dem "bösen Blick". 

Beate Maxian hat einen tollen Erzählstil, der sich flüssig und gut lesen lässt. Wie sie immer wieder Wiener Sprache einstreut, gibt dem Buch zu den vielen erwähnten Schauplätzen ein angenehmes Wiener Flair.
Mich haben aber die vielen eingearbeiteten Informationen über Symbole oder Kunstwerke von der eigentlichen Krimihandlung abgelenkt. Sicherlich müssen Erklärungen zur Thematik erfolgen, aber hier wurde vielleicht mit zu viel Liebe zum Detail gearbeitet. Denn immer wenn es spannend wurde, kamen recht zähe Erläuterungen, die den Spannungsbogen einschränkten. 

Das Ende brachte einen rasanten Spannungsanstieg mit sich, aber auch hier wirkt der Kampf zwischen einer jungen Frau und einem Auftragskiller, der ausgebildeter Soldat war, nicht ganz glaubhaft. Dennoch fühlte ich mich gut unterhalten und möchte gerne mal nach Wien auf den Zentralfriedhof.

Dieser Krimi punktet mit seinem unterhaltsam mystischem Touch und einem packenden Finale, zeigt interessante Einblicke ins Mausoleum und enthält eine Menge Lokalkolorit.


Mittwoch, 3. Februar 2016

Finsterau - Andrea Maria Schenkel

Ein typischer Schenkel Krimi!


A.M. Schenkel bleibt ihrem Stil treu: spannend, lakonisch und bayrisch erzählt sie die Geschichte eines Justizirrtums!

Der Kriminalroman Finsterau von Andrea Maria Schenkel erschien 2012 im Hoffman und Campe Verlag.

1944: Im kleinen Dorf Finsterau im bayrischen Wald lebt die arme Familie Zauner. Die Tochter Afra verlässt ihre Eltern, arbeitet als Bedienung und kehrt einige Zeit später unverheiratet schwanger wieder zurück. Ihr streng katholischer Vater ist gegen diese Sünde und es gibt immer wieder Zank und Streit. Eines Tages liegt Afra erschlagen in der Stube neben ihrem blutüberströmten Sohn …  








Auch in diesem Krimi über einen historisch belegten Kriminalfall bleibt Andrea Maria Schenkel sich ihrem knappen, aber treffenden Schreibstil treu. Sie führt dem Leser stückchenweise Informationen zu, die sich allmählich zu einer tragischen Geschichte entwickeln. Dabei erzählt sie lakonisch einfach, ohne ausschmückende Einzelheiten die nackten Tatsachen einer tragischen Tat und die Verurteilung eines Unschuldigen.

Sie führt dem Leser in wechselnder Erzählperspektive die Geschehnisse vor Augen, die schliesslich zu einer vorschnellen Verurteilung führten. Dabei geht die Chronologie wechselnd von statten.

Die Autorin bedient sich einer knappen Einfachheit der Sprache und bindet alte Begriffe wie Höll, Schofel, Gatschis, Gscheidhaferl u.ä. mit ein. Der Leser taucht stimmig in die damalige Zeit ein. Aber auch die spätere Neu-Untersuchung des Falles hat eindringliche Züge, die die tragischen Geschehnisse unterstreichen. Dabei steuert die Handlung allmählich auf die Ermordung und die spätere Aufklärung der Tat zu. Diese Spannungsentwicklung ist anders als bei Who done it-Krimis.
 
Interessant finde ich auch die Atmosphäre, die durch die verschiedenen Personen geschaffen wird.
Da gibt es arme Häusler, also Kleinstbauern mit eigenem Haus, aber mit wenig Grundbesitz. Aber auch fahrendes Volk, die Jenischen, die als Scherenschleifer ihren Unterhalt verdienten und hie und da auch kriminell wurden. 
Der Vater zeigt zu dieser Zeit schon Anzeichen einer Demenz, die man damals noch nicht als solche gekannt hat. Er wurde für psychisch gestört erklärt. Ob wohl viele solcher Fälle für fremde Taten die Strafe angetreten haben? 



Dieser Krimi hat mich mitgerissen und mir die Tragik der damaligen Umstände deutlich vor Augen geführt. Die lakonische Erzählweise der Autorin ist nach meinem Geschmack, das muss nicht bei jedem Leser so sein. Mir hat sie mit diesem Buch spannende Lesezeit geschenkt.
 

Dienstag, 2. Februar 2016

Aus für Santa Claus - Herbert Dutzler

Dieser amüsante Kurzkrimi ist ein Appetithäppchen mit schönem Schreibstil und macht Lust auf mehr von Dutzler!


"Aus für Santa Claus. Eine Kriminalgeschichte" von "Herbert Dutzler" ist ein E-Book von nur 176 Seiten aus dem "Haymon Verlag".

Robert Scheubmayer ist Journalist eines Provinzblättchens und befindet sich leicht angeschickert durch ein paar Glühweine auf dem Adventsmarkt in Gmunden. Als dort die Leiche von Santa Claus gefunden wird, macht er gleich ein paar Fotos. Robert versucht nähere Informationen durch den anwesenden Inspektor Eisl zu bekommen, um die große Story zu landen. Er erfährt, dass der Tote  mit einem langen Messer erstochen wurde.
Er entdeckt am Tatort seinen früheren ungeliebten Lehrer Federmann. Was hat der dort zu suchen? Und hat die Initiative Pro Christkind etwas gegen den Weihnachtsmann?
Roberts Interesse ist erwacht und er beginnt seine Nachforschungen. 

Dieser Kurzkrimi umfasst nur eine kurze Geschichte von 176 Seiten und ist daher vom Verlag sicherlich nur als Appetithappen gedacht.

Der amüsante schöne Schreibstil gefällt mir gut und die adventliche Stimmung mit Kälte, Lichterglanz und Glühwein sind in dieser Geschichte schön eingefangen. Dazu kommt noch ein wenig Dialekt des oberösterreichischen Alpenvorlandes und ein paar regionale Delikatessen und man befindet sich direkt in Österreich.

In die Charaktere findet man sich schnell ein und man muss über ihre Eigenarten schon ein wenig schmunzeln. Besonders Protagonist Robert und wie er die Damenwelt sieht. Doch kaum hat man sich an die Figuren gewöhnt, ist das überraschende Ende der Geschichte auch schon erreicht. Das bekümmert ein wenig, weckt aber das Interesse für weitere Krimis aus der Feder des Autors.

Die Handlung hält einige Verdächtige bereit und man kann munter mitraten.

Für einen kostenlosen Download kann man die Kürze des Krimis entschuldigen. Ich habe den schönen Schreibstil und die humorvolle Krimigeschichte sehr genossen. 


The Importance of Being Earnest - Oscar Wilde

Witzige paradoxe Verwechslungs-Komödie, etwas klischeebehaftet, typisch englisch!


"The Importance of Being Earnest" ist ein englischer Klassiker von "Oscar Wilde", der Thema in meiner Abizeit war. Das ist lange her und als mir das Büchlein wieder in die Hände fiel, habe ich es erneut gelesen. Auf Englisch! Nun sind nicht mehr alle Vokabeln so parat wie vor 30 Jahren, aber es ging doch recht gut.

Die Gentlemen John "Jack" Worthing und Algernon Moncrieff sind Freunde und Lebemänner und um ihr Freizeitleben gesellschaftsfähig zu machen, erfinden sie beide Personen, um die sie sich kümmern müssen. Algernon denkt sich den ewig kranken Bunbury auf dem Land aus und Jack sorgt sich um seinen imaginären missratenen Bruder Earnest in der Stadt. Diese erfundenen Personen ermöglichen ihnen ganz nach Belieben dem öden Landleben zu entfliehen oder aber dort in Ruhe abzutauchen.  


Jack hat das Anliegen, Zeit mit Algernons Cousine Gwendolen verbringen zu können, während Algernon sich in Jacks Mündel Cecily verliebt.
Es wird problematisch, denn beide stellen sich ihrer jeweiligen Angebeteten unter einem falschem Namen - Earnest - vor. Während die jungen Damen den Namen Earnest für eine sehr wichtige Voraussetzung halten, um einen Mann lieben zu können.


Diese humorvolle, manchmal regelrecht alberne  Verwechslungskomödie hat inhaltlich keinen großen Tiefgang. Die Idee dahinter ist recht verrückt und mit Klischees und Konflikten nur so gespickt. Dennoch ist es ein unterhaltsames und humorvolles Stück, das gerade durch die sprachliche Umsetzung äußerst gelungen ist. Das liegt hauptsächlich an Wildes sprachlicher Fähigkeit und den kurzweiligen und geistreichen Dialogen und vielen Pointen. Es ist amüsant zu sehen, wie sich die Gentlemen aus ihrem Lügengebilde herauswinden.
Wenn man die bissigen Dialoge genauer betrachtet, zeigen sie unterschwellig eine Sozialkritik gegen die viktorianische Gesellschaft auf. 


Ein unterhaltsames Theaterstück, dass am besten auf Englisch gelesen werden sollte. So kommen die herrlichen Dialoge und witzigen Pointen am schönsten zur Geltung. 


 

Monatsrückblick Januar 2016

Hallo liebe Lesefreunde!

In diesem Monat habe ich an vielen Leserunden teil genommen, einige Rezensionsexemplare gewonnen und versucht, meinen SuB abzubauen.

Es sind insgesamt 24 gelesene Bücher geworden und das ist für mich schon ein echter Rekord. 
Bei meinem Zählen habe ich noch bemerkt, dass ich euch einige Rezensionen noch gar nicht vorgestellt habe. Es waren wohl einfach zu viele Bücher in diesem Monat.

Meine 5-Sterne-Highlights waren folgende Titel:
 
- Das Haus des Windes - Louise Erdrich
- Der Pfau - Isabel Bogdan
- Die Schneelöwin - Camilla Läckberg
- Mordsrausch - Barbara Edelmann
- Das zweite Königreich - Rebecca Gablé 

Ich wünsche euch allen eine schöne Woche und esse mal zum zweiten Frühstück noch ein Stück von meinem Zitronenkuchen!

Liebe Grüße, Eure Sommerlese!

Montag, 1. Februar 2016

Das Mädchen mit dem Fingerhut - Michael Köhlmeier

Fremd und ohne Perspektive

Einfach geschrieben, aber dennoch mit tiefer Aussage über traurige Schicksale in unserer Gesellschaft! 

Von Michael Köhlmeier stammt das Buch Das Mädchen mit dem Fingerhut, es erscheint im Carl Hanser Verlag.

Yiza ist heimatlos und lebt allein auf der Strasse. Vielleicht ist sie als Flüchtling auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westeuropa gekommen, auf jeden Fall sucht sie eine neue Heimat. Mitleidige Menschen versorgen sie mit Essen und Trinken und sie schliesst sich bald zwei Jungen an, die ein gleiches Schicksal haben. Allerdings können sich nicht alle in einer ihnen bekannten Sprache unterhalten, nur der älteste Junge Schamhan versteht die beiden kleineren Kinder Yiza und Arian. 


Arian ist der Kapitän. Er geleitet das Schiff zu den Freunden und in den Sommer. Die Freunde, das sind eine Horde von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung." Zitat S. 140

 
In diesem Buch greift Michael Köhlmeier die aktuelle Thematik der allein reisenden Flüchtlingskinder auf, die uns in Westeuropa zur Zeit der Flüchtlingsströme intensiv beschäftigt. Er zeichnet ein Bild unserer derzeitigen Gesellschaft auf, das betroffen macht und ratlos zurück lässt.

Man erlebt ein Mädchen irgendwo in Westeuropa, das Tag für Tag darauf angewiesen ist, Nahrung von hilfsbereiten Menschen zu bekommen, deren fremde Sprache sie nicht versteht. Sie schliesst sich zwei Jungen an, die ebenfalls allein und ohne Obdach leben. Woher die Kinder kommen wird nicht klar, sie stehen für die vielen ungenannten Flüchtlingskinder abseits der Hilfsprogramme.
In der kleinen Gemeinschaft übernimmt Shamhan, ein 14-jähriger Junge die Rolle des Anführers und sorgt bedingungslos für die Jüngeren. Trotz Sprachbarrieren untereinander kommen sie wie in einer Familie miteinander klar und stehen füreinander ein. Es ist Winter und gemeinsam versuchen sie ihre Grundbedürfnisse nach Nahrung und einer warmen Zuflucht in der Nacht zu erfüllen. Allerdings scheren sie sich nicht um Recht und Anstand, sondern sie stehlen, betteln und brechen in fremde Häuser ein. Doch woher sollen sie Regeln und Gesetze kennen und achten, wenn sie um ihr Überleben kämpfen und keine Erwachsenen sie anleiten und ihnen Werte vorleben.

Die Sprache ist nüchtern, knapp und sehr einfach gehalten. Kurze Sätze versinnbildlichen die Sprachlosigkeit und Fremdheit der Kinder in dieser fremden Welt. Man glaubt Yiza sprechen zu hören. 

Michael Köhlmeier schafft mit seinem Buch eine berührende Geschichte, die mich traurig macht, fassungslos, wütend und gleichzeitig ratlos zurück lässt. Die Schicksale der Kinder machen betroffen, aber gleichzeitig auch Angst, wenn man die aktuelle Situation begreift. Denn auch die Polizei, Sozialarbeiter in Jugendheimen und hilfsbereite Menschen können an der Überlebensmentalität der Kinder in der Geschichte scheinbar nichts ändern. Eine Kriminalisierung scheint vorprogrammiert zu sein.

Ein gesundes Miteinander oder Integration kann man nicht verordnen, so wie es zur Zeit die Politiker gerne darstellen. Die Einbindung muss auch gewollt werden. Bei diesen Jugendlichen  scheint es nicht zu klappen, obwohl helfende Hände sich ihnen entgegenstrecken.

Ein nachdenklich machendes Buch über die derzeitige Flüchtlingsproblematik Minderjähriger. Es macht die schwierige Situation beider Seiten eindringlich bewusst.  


 ***Leserundenexemplar von Vorablesen - Vielen Dank
             an den Hanser Verlag für die Bereitstellung des Buches!
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