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Sonntag, 19. April 2026

Mirabellentage - Martina Bogdahn

Eine Neuausrichtung des Lebens!
 
Mirabellentage von Martina Bogdahn erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.   
 
Der Tod des bayrischen Dorfpfarrers Josef bringt das Leben seiner Haushälterin Anna aus dem Gleichgewicht, denn es ist auch ein persönlicher Verlust. Sein Nachfolger Fridtjof ist ein junger Mann aus Friesland, den Anna erst einmal in die örtlichen Gegebenheiten einführt. Doch eine andere Aufgabe bereitet ihr viel mehr Kopfzerbrechen, sie muss Josefs letzten Wunsch erfüllen und seine Asche von Bayern ans Meer bringen. Einen Führerschein hat sie, aber keine Fahrpraxis und Fridtjof hat nur einen Bootsführerschein. Sie nimmt Fahrstunden und geht die Aufgabe an. Dank Josefs letztem Wunsch wird Annas Sicht aufs Leben erweitert und sie findet ihr persönliches Glück.
 
  

    
"Nur wer von zu Hause weggeht, kann heimkommen." Zitat S. 315  

Mit Anfang 50 hat Anna den Tod ihres Chefs und ehemaligen Freundes aus Kindertagen zu verkraften. Als pflichtbewusste Haushälterin hat sie Pfarrer Josef viele Jahrzehnte hilfreich unterstützt und beide verband eine enge Freundschaft, sie man beim Lesen erfährt. 
 
Erst einmal organisiert Anna die Beerdigung und vor lauter Aufgaben kann sie gar nicht richtig Abschied nehmen von Josef. Da kommt auch schon der neue Pfarrer Fridtjof angereist, der sich als Friese überhaupt nicht auskennt mit den ländlichen Gegebenheiten im Dörfchen Blumfeld. Während ihn Anna in seine neue Wahlheimat einführt, erzählt sie ihm Anekdoten von den Menschen und ihren Geschichten und nimmt uns Leserinnen gleichzeitig mit in das Dorfleben mit seinen Figuren und Schicksalen. 
 
Für Anna stellte sich nie die Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft, sie lernte Kochen und stolperte eher zufällig hinein in ihre Aufgabe als Haushälterin des Pfarrers. Beide wuchsen an ihren Aufgaben und liefen in diesen gewohnten Bahnen ohne links und rechts zu sehen und eigene Wünsche im Leben voran zu stellen. Nach Josefs Tod bekommt Anna nun die Chance ihres Lebens durch Josefs letzten Wunsch. 
 
Anna erzählt von dem Menschen im Dorf und von sich selbst und so lernen wir sie mehr und mehr kennen. Es hat mich nicht gewundert, dass sie einmal Pfarrer Josef im Gottesdienst vertrat und auch sonst viele Dinge im Alltag gelenkt hat. Ohne Josef macht sie die Erfahrung, dass es noch mehr gibt im Leben als nur Pflichten und Routine. Ich habe geschmunzelt und war berührt von verschiedenen Erlebnissen und Schicksalen der Dorfbewohner und habe mir für Anna Glück erhofft. 
 
Martina Bogdahn hat eine erzählerische Gabe, mit der sie die Natur, das Leben auf dem Land und ihre Figuren lebensnah und humorvoll in Szene setzt. Sie lässt Streiche von Kindern aufleben, bringt uns den dörflichen Alltag näher und stellt uns einzelne Bewohner mit persönlichen Erlebnissen und Besonderheiten vor. Das ist sehr unterhaltsam, es erzählt aber auch von einer Vergangenheit, die Licht- und Schattenseiten hat und einige Klischees enthält. Dazu zählte für mich der trinkfreudige Männerausflug. Doch viel mehr hatte ich mich auf den Roadtrip ans Meer gefreut, der im ganzen Roman doch recht kurz abgehandelt wird. 
 
Ein kurzweiliger Roman über eine Frau, die bisher nur Pflichtbewusstsein kannte und nun aus ihren gewohnten Bahnen ausbricht und ihrem Leben doch noch mehr abgewinnt als sie es je für möglich gehalten hat.   
 
***Herzlichen Dank an den Kiwi Verlag und Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***
 
 

Samstag, 11. April 2026

Spielverderberin - Marie Menke

Bleibt nicht in meiner Erinnerung haften!

Marie Menkes Debüt Spielverderberin erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.  

Sophie und Lotte wachsen in einem kleinen Bauerndorf auf, sie sind seit Kindertagen beste Freundinnen und gehen in die gleiche Klasse. Als in der Oberstufe die selbstbewusste Romy aus München dazustösst, fasziniert sie die Dorfmädchen mit ihrer freigeistigen Art und es entsteht eine instabile Dreiecksfreundschaft, die die Freundschaft zwischen Sophie und Lotte in Frage stellt. 
Nach dem Abitur studieren Romy und Sophie in Köln, doch Lotte fehlt in ihrem Leben. Warum fühlt sich Sophie schuldig? Was ist zwischen den Freundinnen geschehen, worüber sie nicht sprechen können? 
 

 
 

Marie Menke beschreibt in wechselnden Zeitebenen das Aufwachsen und Erwachsenwerden der drei befreundeten jungen Frauen. Sie zeigt auch die Diskrepanz zwischen Dorfleben und der Annonymität der Großstadt mit verschiedenen Zukunftschancen auf und deutet ein düsteres Geheimnis an, dass die Frauen-Freundschaft in ihren Grundfesten erschüttert hat. 
 

Als reiches Stadtkind erscheint Romy das Leben auf dem Land langweilig, während es für Sophie und Lotte gewohnter Alltag darstellt und sie gar nichts vermissen. Die Vor- und Nachteile zwischen Groß- und Kleinstadt werden im Buch indirekt angerissen und wir erfahren in der Gegenwart von Sophies Lehramtsstudium und der Liebesbeziehung zu Milan, die jedoch ziemlich im Hintergrund bleibt. Viel mehr steht die Dreierfreundschaft der Frauen im Fokus, die sich mal mehr, mal weniger eng verbunden fühlen. Sie haben unterschiedliche Ansprüche an ihre Zukunft und leben sich mit der Zeit auseinander. Als Romy verschwindet, besteht nur noch der Kontakt über Instagram, wo sie von ihren Reisen und Erlebnissen berichtet. 

Was führte zu einem Bruch der Freundschaft und warum hat Lotte Schrauben auf der Stirm? 

Sprachlich kann man der Geschichte gut folgen und die Zerrissenheit und spezielle Dynamik der Freundschaft hat mich interessiert. Obwohl die einzelnen Charaktere relativ oberflächlich beschrieben werden, konnte ich sie mir halbwegs vorstellen. Ich spürte die Nähe, aber auch aufgestaute Unzufriedenheit und Wut, sympathisch wurden mir die Figuren insgesamt leider nicht. 
Ich muss sagen, dass mein Hauptinteresse weniger den Erlebnissen der teilweise schädlichen Freundschaft galt, sondern viel mehr dem zwischen den Zeilen schwebenden Geheimnis, das für einen Bruch gesorgt hat und besonders Sophie belastet. Dieses Ereignis löst Marie Menke erst zum Ende des Romans auf und baut damit geschickt einen kontinuierlichen Spannungsbogen auf. Leider blieben für mich trotzdem noch Fragen offen. Im Großen und Ganzen blieb mir der tiefergehende Zugang zu der Geschichte verwehrt. 
 
Freundschaften verändern sich im Laufe des Lebens, so wie sich auch die Lebensphasen verändern. Manchmal halten Freundschaften ewig, manchmal sind sie locker, aber konstant. Aber eine zerbrochene Freundschaft ist keine gute Basis, um daran festzuhalten. Diesen Lerneffekt muss wohl jeder mal machen! 
 
Dieser Coming-of-Age-Roman beschreibt zwischenmenschliche Dynamiken, die das Leben mit sich bringt. Ich habe das Buch gern gelesen, es wird mir aber nicht lange in Erinnerung bleiben. 
 
***Herzlichen Dank an den Kiwi Verlag für dieses Leseexemplar!*** 
 

 

Samstag, 21. Februar 2026

Real Americans - Rachel Khong

Dieser Familien- und Gesellschaftsroman bietet Denkanstöße

Der Bestseller Roman Real Americans von Rachel Khong erscheint im Kiepenheuer & Witsch Verlag. 

Lily Chen wurde als Tochter chinesischer Einwanderer in Amerika geboren und hat es an die Universität geschafft. Sie arbeitet als Praktikantin in einem Medienunternhemen und lernt auf einer Feier Matthew kennen, der ihr einen Fernseher schenkt und ihr einen  luxusriösen Ausflug spendiert. Er ist der Erbe eines Pharmaimperiums, Lily kann sich mit diesem Reichtum nicht gut arrangieren. Aber Matthew ist ein charmanter und herzensguter Mensch und umsorgt Lily auf liebevolle Weise. So kommt es, dass sie sich verlieben, heiraten und ein Kind bekommen. 21 Jahre später lebt Lilys mit ihrem Sohn Nick auf einer abgelegenen Insel. Nick möchte mehr über seinen Vater wissen und als er nach ihm sucht, entdeckt er Geheimnisse, die alles verändern.



 

Rachel Khong erzählt von einer Liebe zwischen zwei Nationen und von einem Sohn, der seinen Vater nicht kennt und mehr über ihn erfahren möchte. 

Real Americans ist in drei Teile aufgesplittet, die jeweils aus der Perspektive von Lily, ihrem Sohn Nick und ihrer Mutter Mei erzählen. Der Roman dreht sich darum, was die Nationalität eines Menschen bedeutet und mit ihm macht. Wie hängt unsere Freiheit und unser Leben von der Familie und den Genen ab und wie steht es um Rassismus und Ausgrenzung im modernen Amerika? Und dann spielt noch die Wissenschaftsethik eine entscheidende Rolle. 

Jeder Teil lässt uns in die Geschichte der einzelnen Protagonisten eintauchen und mehr über ihr Leben in China und in den USA erfahren. Es ist Rachel Khong gut gelungen, die Teile eigenständig zu erzählen und das Ganze am Ende perfekt miteinander zu verknüpfen und das Geheimnis zu lüften. Bestimmte Entscheidungen Meis kann man erst dann verstehen, wenn man ihre erschütternde Geschichte erfährt. 

Mei wächst im kommunistischen China Maos auf und erlebt mit, wie Regime-Kritiker verhaftet werden. Sie möchte Wissenschaftlerin sein, flieht vor derKulturrevolution und wandert nach Amerika aus. Dort wird ihre Tochter Lily geboren und schafft es an die Universität. Chinesisch spricht Lily nicht, ihr Sohn Nick ist Halbamerikaner und seine chinesischen Wurzeln sieht man ihm nicht an. Alle drei haben den Wunsch frei zu leben, sind aber den Umständen entsprechend eingeschränkt. 

Rachel Khong erzählt vom Traum der Einwanderer, die alles dafür tun, um als Amerikaner zu gelten und dazu zu gehören. Ihre Charaktere lernen wir gut kennen und doch bleiben sie für mich auf eine bestimmte Weise unnahbar und distanziert. Die etwas nüchterne Erzählweise hat mir gut gefallen, insgesamt wird es aber streckenweise doch etwas langatmig und ich habe echte Emotionen vermisst. Am interessantesten erschien mir Meis Geschichte, während Nick am lebendigsten geschildert wurde.   

Der Roman bietet viele Denkanstöße zu Fragen der Herkunft, der Identität und der Zugehörigkeit in einer modernen Gesellschaft. Aber noch mehr spielt die Frage nach den Grenzen der Wissenschaft für mich eine entscheidende Rolle. Wer sich mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzen möchte, ist mit dem Roman gut bedient. 

Ein Familien- und Gesellschaftsroman über Herkunft, Identität und Wissenschaftsethik, der viele Denkanstöße liefert.  

***Herzlichen Dank an Kiwi für das Bloggerpaket!***

 


 

 

Freitag, 5. September 2025

Das glückliche Leben - David Foenkinos

Bleibt mir nicht lange in Erinnerung 

Im Kiwi Verlag erscheint David Foenkinos Roman Das glückliche Leben.


Eric ist sehr erfolgreich in seinem Beruf, er übt eine Stelle im Staatsdienst aus, muss viel reisen und alles in seinem Leben ordnet sich diesem Job unter. Er reist mit Amélie zu einem extrem wichtigen Termin nach Südkorea und ist ausgebrannt, sehr gestresst und überlastet. Zur Entspannung macht er einen Spaziergang und entdeckt einen Laden, in dem als Selbsthilfe-Ritual ein Schein-Begräbnis angeboten wird. Er nimmt daran teil und macht er sich Gedanken über die Endlichkeit und den Sinn des Lebens und verändert sein Leben.



Dieses Buch ist mein erstes von David Foenkinos, ich habe den angenehmen Erzählstil gern gelesen, fand seine Lebenshilfe interessant, aber auch etwas ausufernd und konnte mich nicht mit der Idee der Fake-Beerdigung anfreunden. 

In Südkorea scheinen solche Selbsthilfe-Rituale üblich zu sein. Sie sollen den Menschen dazu bewegen, sich mit seiner eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. Das mag eine Form von Therapie sein, die manche Menschen zum Nachdenken über den Sinn des Lebens anregt und zu einer Änderung der Lebensweise bzw. zu einem Neustart bewegt, wie in diesem Fall auch bei Éric. Sein Handeln habe ich interessiert verfolgt, auch wenn mir so ein Ritual nicht zusagt, weil ich kein esoterischer Mensch bin. 

Éric erfährt während des Rituals absolute Stille und Dunkelheit, die ihm bewusst machen, was ihm in seinem Leben wichtig ist und was ihm fehlt. Er reist zurück nach Paris, kündigt seinen Job, kümmert sich um seinen Sohn und nimmt wieder Kontakt zur Ex-Frau auf. Die Idee der Fake-Beerdigung greift er auf und eröffnet selbst ein Therapiezentrum, in dem Menschen geholfen wird, um Ängste zu überwinden und selbstständig ihr Leben gestalten zu können. 

Zu Anfang verpasst Éric in Südkorea einen beruflichen Termin mit Amélie. Im letzten Abschnitt gibt es einen Rückblick und wir erfahren, was sich in Amélies Leben ereignet hat. Diese Nebenhandlung nimmt reichlich Raum ein, ist aber auch lesenswert. 

Foenkinos Erzählstil ist eingängig und er geht ausführlich auf die Befindlichkeiten und Vorgänge seiner Figuren ein. Seine Charakterdarstellung erfolgt mit feiner Zeichnung, er lässt Arbeitseifer, Karrieredenken und Lebenszweifel sichtbar werden und zeigt, wie sich Éric vom gestressten Workaholic zu jemandem verändert, der nach dem persönlichen Glück sucht. Auch Amélie wagt ein Ritual-Angebot bei Éric und kommt zu dem Punkt eines Neuanfangs. Das Ende habe ich genossen, denn es ist schön zu sehen, wie zwischen beiden Gefühle entstehen und sich eine Beziehung anbahnt.

In diesem Buch geht es um Verlust, eigene Identität und den Sinn des Lebens, das macht nachdenklich.  Ob die eigene Beerdigung als sinnstiftende Neuausrichtung des Lebens hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln.       

Unser Leben haben wir selbst in der Hand, wir können Dinge ändern und dem Leben wieder eine neue Richtung geben. Ob man dafür eine Schein-Beerdigung braucht, ist jedem selbst überlassen. 

Für mich ist dieser Roman keiner, der mir lange in Erinnerung bleiben wird. 

 

***Herzlichen Dank an Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar!***

 


 

Mittwoch, 21. Mai 2025

Die Garnett Girls - Georgina Moore

 Alles andere als ein leichter Sommerroman!

Der Roman Die Garnett Girls ist das Debüt von Georgina Moore aus dem Kiepenheuer & Witsch Verlag

Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, leben die Garnetts Girls, das sind Mutter Margo und ihre drei Töchter Rachel, Imogen und Sasha in Sandcove auf der Isle of Wight. Inzwischen sind die Töchter erwachsen und führen recht unterschiedliche Leben mit ihren Partnern, doch ihr Zusammenhaltsgefühl zieht sie immer wieder zurück zur Familie. 



Zu Beginn ging es darum, die unterschiedlichen Charaktere kennenzulernen und einordnen zu können. Erzählt wird wechselweise zwischen Margo und den drei Schwestern, dadurch kommt man ihren Gefühlen, Problemen und Gedanken näher. 

Mutter Margo ist eine dominante Frau, die Partys und junge Männer liebt, Probleme mit dem Älterwerden hat und zwar ihre Töchter gern um sich hat, sich aber auch in ihr Leben einmischt. Nachdem ihre große Liebe, ihr alkoholkranker Mann Richard sie verlassen hat, hat sie wechselnde Männerbekanntschaften, aber keine feste Bindung.

Unter der Trennung der Eltern leiden die Töchter leiden bis heute, doch es durfte nie darüber gesprochen werden, Margo hat den Mädchen verboten, über Richard zu sprechen, was traumatische Folgen gehabt hat. Außerdem durften sie seitdem ihren Vater nicht mehr wiedersehen.

Die älteste Tocher Rachel ist der Zusammenhalt der Frauen, sie hat sich um ihre Schwestern, aber auch um ihre Mutter gekümmert, als diese wegen der Trennung zu nichts fähig war. Imogen schreibt Theaterstücke, sie ist verlobt mit einem guten Mann, kann sich aber nicht entscheiden ihn zu heiraten. Die Jüngste ist Sasha, eine Rebellin, die in ihrer Ehe um ihre Freiheit ringt. Alle drei Frauen haben wie ihre Mutter Probleme mit Bindungen und sind auf ihre Weise unglücklich.

Die Frauen wurden mir bis auf Rachel nicht sympathisch, obwohl ich mit ihnen gelitten habe. Dafür habe ich Margos Schwester Alice als sehr umsichtig und verständnisvoll empfunden, sie war für mich der stärkste Charakter im ganzen Buch. 

Sehr schön ist die beschriebene Kulisse der Isle of Wight, doch vor den ganzem Drama konnte sie mich leider nicht erreichen. 

Von diesem Buch hatte ich mir eine abwechslungsreiche Familiengeschichte mit urlaubsmäßigen Sommergefühlen erhofft, geworden ist es leider ein problematisches Familiengefüge mit ernsten Themen. Dazu gehören eine zerbrochene Liebe, der Verlust einer Vaterfigur, mangelnde Kommunikation und Familiengeheimnisse, die die Frauen auf unterschiedliche Weise geprägt haben. Was mich sehr gewunder hat, ist der Umgang mit Alkohol. Als  schlechtes Beispiel und Grund des Scheiterns ihrer Ehe, nennt Margo häufig Richards Alkoholsucht. Dabei fließt auch bei den Garnett Girls regelmäßig der Alkohol in Strömen und anscheinend wird das als völlig normal angesehen. Wer ein Alkoholproblem hat, sollte diesen Roman unbedingt meiden!!!

Die Einblicke in die verschiedenen Charaktere lassen ständig neue Probleme aufkommen, die zwar tiefgründig sind, aber eher oberflächlich erwähnt werden. Von Aufarbeitung oder Auseinandersetzung mit den ernsthaften Problemen ist keine Spur. Den wahren Trennungsgrund zwischen Margo und Richard erfährt man erst spät, zu dem Zeitpunkt fand ich es nicht mehr entscheidend, weil Richard inzwischen andere Probleme hat, die für die Töchter viel bedeutungsvoller sind. 

In der Ankündigung wurde mir ein süchtigmachendes Familiendrama versprochen, bekommen habe ich leider nur ein Suchtdrama innerhalb einer problembelasteten Familie! 

Ein Debüt, das es auf die Sunday-Times-Bestsellerliste geschafft hat, das allein hätte mich schon stutzig machen sollen. Denn bisher konnte mich von dieser Liste kein Buch begeistern. Und leider ist es auch mit diesem Buch so gekommen. Es ist wie eine Soap-Serie, problembeladen, trotzdem irgendwie trivial und wenig sympathische Figuren

Der Roman konnte mich leider nicht überzeugen, das lag hauptsächlich an der an eine Soap erinnernde Handlung und die meisten Figuren kamen mir einfach nicht nahe. Unter perfektem Sommerroman verstehe ich etwas anderes!

Kein leichter Sommerroman, sondern die Beschreibung einer dysfunktionalen Familie! Konnte mich nicht abholen, zuviel Lärm, Drama und Alkohol! 

***Herzlichen Dank an den Kiwi Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

 

                                          

Montag, 24. März 2025

Flusslinien - Katharina Hagena

Ein tiefgründiger Roman über Wendungen des Lebens!

Katharina Hagenas Generationenroman Flusslinien erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. 

Margrit war früher Atemtherapeutin und Stimmbildnerin, sie ist 102 Jahre alt und lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Täglich bringt sie ihr Fahrer Arthur in den Römischen Garten, wo sie beim Anblick der Elbe ihre Gedanken in die Vergangenheit schweifen lässt. Sie hat viel erlebt und denkt an ihre Jugend zurück, an die Kriegsjahre und an die Beziehung ihrer Mutter Johanne zu einer anderen Frau. In dieser Zeit sucht Arthur mit einem Metalldetektor das Flussufer ab. Margrits Enkelin Luzie hat kurz vor dem Abi die Schule abgebrochen, sie möchte Tätowiererin werden. Alle drei Figuren haben ihre persönlichen Geheimnisse und Traumata, die ihnen zusetzen.  


 

In "Flusslinien" begleiten wir Margrit, Arthur und Luzie über einen Zeitraum von zwölf Tagen und tauchen in ihre Gedanken und tiefsten Geheimnisse ein. Katharina Hagena hat eine erzählerische Kraft, die mich besonders mit den zwölf Beschreibungen der Atmosphäre des Elbstrandes fasziniert hat. Die Elbe ist die Lebensader der Geschichte, die die Lebensgeschichten der Figuren miteinander verbindet. 
 
Für mich war Margrit die interessanteste Figur im Roman, sie besitzt trotz ihres Alters noch erstaunlich viel Lebenskraft. Als frühere Atemtherapeutin bestimmt die Atmung ihr Innerstes und während ihrer Erzählperspektive konnte ich gut mit ihr fühlen. Bei ihren täglichen Besuchen des Römischen Gartens erinnert sich sie an Else Hoffa, die Schöpferin des Gartens und gleichzeitig Geliebte ihrer Mutter. Doch sie denkt auch an die Kriegstage in Hamburg, an Menschen, die verschwanden und nie wieder kehrten. Und sie sorgt sich um ihre Enkelin Luzie, weil die aktuellen gesellschaftlichen Probleme sie auch an früher erinnern.

Durch die Erzählweise, die zwischen Margrits, Luzies und Arthurs Perspektive wechselt, tauchen wir in die unterschiedlichen Geschichten ein, die das Leben am Fluss geprägt haben. Nicht nur die Vergangenheit hatte dunkle Schatten, auch die Jugend erfährt schlimme und prägende Erlebnisse, die wie bei Luzie und Arthur schon traumatische Auswirkungen haben. Nach und nach taucht man in die verschiedenen Geheimnisse ein, so wird der Roman zu einer nebulösen Geschichte, aus der die Vorgänge allmählich sichtbar werden und aus dem Nebel aufsteigen. 

Aufgrund der sich langsam öffnendem Sichtweise hat mir "Flusslinien" sehr gut gefallen, trotzdem führten mich einige Szenen zu weit über die eigentliche Handlung hinaus und ich hätte auf diese Längen verzichten können. Ich konnte auch nicht nachvollziehen, dass sich Margrit von Luzie eine Tätowierung in Form von Flusslinien stechen lässt und bis auf die Verbindung zur Elbe fand ich es etwas unglaubwürdig. 

 
Die unterschiedlichen Perspektiven lassen tiefe Einsichten in die drei Schicksale zu und verleihen dem Roman eine tiefgründige Aussage, die zum Nachdenken anregt. Für mich war besonders die gegenseitige Beziehung der Protagonisten ein schöner Aspekt, der das Buch zu einer warmherzigen Geschichte gemacht hat. 

Ein tiefgründiger Roman mit vielen Facetten, auf den man sich einlassen muss, damit er seine volle Wirkung entfalten kann! 

***Herzlichen Dank an Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar!***
 

 
 

Sonntag, 16. Februar 2025

Von hier aus weiter - Susann Pásztor

Das Leben geht weiter!
 
Der Roman "Von hier aus weiter" von Autorin Susann Pásztor erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.
 

Nach 30 Jahren Ehe stirbt der vom Krebs gezeichnete Rolf durch einen Suizid, seine Witwe Marlene bleibt erschüttert zurück. Denn sie wollte gemeinsam mit Rolf aus dem Leben scheiden, nun bleibt sie mit ihrer Trauer und ihrer dunklen Stimmung allein zurück. Nach der Trauerfeier zieht sie sich zurück,  Beruhigungsmittel helfen ihr den Alltag zu überstehen und ihren Gedanken zu entfliehen. In dieser Situation kommt Klempner Jack, um eine defekte Dusche zu reparieren. Und auch Dorfärztin Ida und Freundin Wally lassen nicht locker und versuchen, Marlene aus ihrer Lethargie zu reißen. Wird es ihnen gelingen und hat Marlene wieder Freude am Leben?  

                                 


 

Dieser Roman hat mich von Anfang an dermaßen gepackt, dass ich ihn innerhalb eines Tages durchgelesen habe. Die Geschichte startet außergewöhnlich mit dem Kapitel "Limbo", wohinter sich die eigenwillige Auslegung einer Trauerfeier verbirgt, die humoristische Momente aufweist. In diesem Abschnitt wird schnell deutlich, dass Marlene nicht mehr leben will, nachdem ihr Mann Rolf ohne sie aus dem Leben geschieden ist. Sie schleppt sich mit Medikamenten durch ihren tristen Alltag und kann die Trauer einfach nicht verarbeiten. Dann geschieht das Unglaubliche! Wegen eines Defekts ihrer Dusche erscheint der gerufenen Klempner Jack, der den Fehler repariert und Marlene bittet, bei ihr Duschen und übernachten zu dürfen. Jack lebt in seinem Auto, nachdem private Gründe ihn obdachlos gemacht haben. Marlene willigt ein und Jack bedankt sich, indem er für Marlene kocht. 

Es folgen Besuche der Stiefsöhne mit ihren Familien und man bekommt immer mehr Einblicke in Marlenes und Rolfs bisheriges Leben. Manche Szenen wirken nicht wie aus einem Guß, etwas aneinandergereiht und doch konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen, es siegte meine Neugier auf den Fortgang der Geschichte.

Der Erzählstil ist etwas poetisch, sehr bildhaft, erzählerisch rund und lässt sich wunderbar lesen. Sehr schön sind auch die atmosphärischen Naturschilderungen, die so sehr im Kontrast stehen zu Marlenes Wut und Lebenskrise. Das Thema Trauer bildet Susann Pásztor mit allen Stimmungen ab, die dazu gehören. Sie stellt Marlenes Einsamkeit in den Vordergrund und zeigt sie abweisend und distanziert. Wie kann man Hoffnung schöpfen und weiter machen, wenn die Trauer einem alle Sinne vernebeln? 

Doch die Geschichte ist keine tragische, die nur mahnend die Trauer aufzeigt. Susann Pásztor baut neben all dem Schmerz und dem Verlust mit einem Augenzwinkern Momente des Lebens ein, die von Situationskomik erfüllt sind. Das Leben endet nicht wenn jemand stirbt, auch wenn Marlene vor ihrer Trauer mit Alkohol und Valium zu flüchten versucht. Man muss sich an neue Situationen anpassen und weiter leben, so wie es sich Rolf anscheinend auch für Marlene gewünscht hatte.  

Die Charaktere werden mit vielen Facetten ausgestattet, die erkennbar dargestellt werden. An manchen Stellen konnte ich Marlenes übersinnliche Erscheinungen nicht nachvollziehen, den Grund dafür ahne ich in den Beruhigungsmitteln.   

Der Roman endet mit einer veränderten Lebenseinstellung Marlenes, das macht Hoffnung und zeigt, dass Trauerbewältigung immer seine Zeit braucht, sowie Menschen, die einem hilfreich zur Seite stehen.  

Obwohl mir manche Vorgänge ein wenig aneinander gereiht vorkamen, konnte mich das Buch bis zum Ende fesseln und in eine Lebenslage hinein versetzen, die das Leben auf den Kopf stellt. Es hat mich einfach gefesselt wie feinfühlig und mit einer Prise Humor hier ein schweres Thema dargestellt wird.

Ein intensiv erzähltes, lebensbejahendes Lesevergnügen um das sensible Thema Trauer. 
Es zeigt: Das Leben geht weiter!
 

***Herzlichen Dank an den KiWi Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

 



Dienstag, 4. Februar 2025

Bretonischer Ruhm - Jean-Luc Bannalec

Honeymoon mit Wein, Weib und Mordermittlung!

 
Im Kiwi Verlag schickt Autor Jean-Luc Bannalec seinen Kommissar Dupin mit Bretonischer Ruhm  zum 12. Mal ins Rennen. 

Kommissar Dupin reist mit seiner Claire an die Loire, um dort ihre Flitterwochen zu verleben. Ihre Tour führt zu verschiedenen Weingütern, sie möchten die Landschaft und den lukullischen Genuss von Speisen und erlesenen Weinen genießen. Nach der ersten Weinprobe, erfahren sie vom Tod eines bekannten Winzers, dem Ex-Mann von Claires Freundin Cécile. Diese hofft auf Dupins Einsatz in dem Fall und schon wird aus dem romantischen Honeymoon eine aufregende Mordermittlung.
 
 

 
Die Krimireihe schätze ich für die schönen Beschreibungen von Land und Leuten und für die kulinarischen Einblicke in die französische Lebensart. In diesem Fall geht es in die Welt der Winzer, wo Geschäftsleute sich mit Weinliebhabern und eigensinnigen Gutsbesitzern ein Stelldichein geben. 
Dupin genießt die freien Tage mit seiner frisch angetrauten Claire, sie wollen sich mit den wunderbaren  Weinen vertraut machen, die an der Loire gekeltert werden. Wie man es schon erwartet hat, wird die romantische Idylle durch einen Mordfall gestört und dieses Mal ist es nicht Dupin, der unbedingt ermitteln möchte, Claire und ihre Freundin Cécile überreden ihn zur Mitarbeit. Die Zuständigkeit liegt nicht bei Dupin, so muss er undercover nachforschen. Das scheint jemandem nicht zu gefallen, denn Dupin wird bedroht. Und es gibt auch Verdachtsmomente gegen Cécile, spielt sie ein falsches Spiel?
 
Die Krimihandlung ist gut durchdacht, es gibt mehrere Personen, die als Verdächtige in Frage kommen könnten, der Konkurrenzdruck im Winzergewerbe ist ein hartes Geschäft. Nach dem ersten Mord sorgen weitere kriminelle Handlungen dafür, das die Lage noch undurchsichtiger wird. Trotzdem nimmt die Spannung nur gemächlich Fahrt auf und endet wenigstens mit einem gefährlichen Showdown.   

Dafür sorgen die genussvollen Ausflüge in die Welt der Weine mit köstlichen Speisen einfach für eine gut Atmophäre und machen Appetit und Lust auf eine Reise in diese schöne Gegend Frankreichs. 
 
Leider kommen die Kollegen aus Dupins Polizeistelle Nollwenn, Riwal und Kadeg dieses Mal einfach zu kurz, ihr gemeinschaftliches Miteinander macht häufig den Reiz des Krimis aus. 

In diesem Krimi erleben wir die französische Kultur und Lebensart, sowie die unterschiedlichen Interessen innerhalb der Geschäftswelt der Winzer. Es wird viel Wissenswertes über die Weine der Loire berichtet, wer spezielle Weinkunde betreiben möchte, sollte diesen Krimi lesen. Ich wurde gut und genussvoll unterhalten und runde die 3,5 Sterne gerne auf!

 
 
 ***Herzlichen Dank an den Kiwi Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***


 
  • Bannalec, Jean-Luc - Bretonische Verhältnisse
  • Bannalec, Jean-Luc - Bretonisches Leuchten 6   
  • Bannalec, Jean-Luc - Bretonisches Vermächtnis 8
  • Bannalec, Jean-Luc - Bretonischer Ruhm 12  
  • Bannalec, Jean-Luc - Bretonische Versuchungen 14 

  • Mittwoch, 22. Januar 2025

    Kleine Probleme - Nele Pollatschek

    Ich habe Tränen gelacht: Machen statt Reden und Denken 
     
    Im Ki Wi Verlag erscheint der Roman Kleine Probleme von Nele Pollatschek.  

    Der 49-jährige Lars ist Denker und angehender Schriftsteller, ein Mensch, der wenig praktisch veranlagt ist und mehr über die anliegenden Aufgaben nachdenkt, als sie schlussendlich mal anzupacken und abzuarbeiten. Seine Frau Johann verreist in der Woche vor Silvester, mit der Ansage, bitte zu Silvester einen Nudelsalat (Rezept hängt am Kühlschrank) zuzubereiten und zur Feier beim gemeinsamen Sohn mitzubringen. In dieser Woche nimmt Lars die nötigen Aufgaben in den Blick, es gilt die Wohnung zu putzen, die Steuererklärung zu machen und das Bett seiner Tochter zusammen zu schrauben. Das neue Jahr will er mit einem aufgeräumten Leben ohne ausstehende Aufgaben beginnen. Doch schneller als gedacht ist die Woche ohne große Aktivitäten vergangen, Lars verbleibt nur noch Silvester und er macht sich an seinen Plan, den er Punkt für Punkt angeht. Natürlich mit seiner ihm eigenen, etwas verpeilten Art.
     
                                             
     
    Nele Pollatschek hat einen wortgewandten, bildhaften Erzählstil, der Lars Probleme des Alltagslebens auf wunderbar humorvolle, aber auch liebevolle und manchmal sogar philosophisch ausufernde Weise beschreibt. Zu Anfang musste ich mich erst einmal an die ellenlangen Kettensätze gewöhnen, die wie ich später bemerkte, aber ganz wunderbar der Art des passiven Dauer-Denkers Lars entsprechen. Es ist eine Geschichte, die tragisch und komisch zugleich daherkommt. Wer sich vor unerledigten Dingen drückt, den erwischt das schlechte Gewissen spätestens zum Jahreswechsel. 
     
    Eine Woche ohne Frau und Kinder vor Silvester ist die Chance für Lars, endlich mal die liegen gebliebenen Aufgaben zu schaffen, die seit langer Zeit liegen geblieben sind und die er bisher nur vor sich hergeschoben hat. Doch diese freie Woche verstreicht ohne große Aktivitäten und zu Silvester packt Lars die große Panik. Ihm bleibt noch ein Tag, um seiner Familie zu beweisen, was er so schaffen kann. Sie kennen seine Untätigkeit und diese Wunde nagt an ihm. Es hilft alles nichts, er muss den Wochenplan abarbeiten. So reinigt er im Winter bei Schneetreiben die Regenrinne, weiß aber selbst, wie viel besser das im Herbst gegangen wäre. Das neue Bettgestell von IKEA für seine Tochter befindet sich seit Monaten noch in den Originalkartons, sie schläft auf einer Matratze auf dem Fußboden. Er erfindet Namen für alle tausend Bauteile und Schräubchen und ergeht sich fast selbst verliebt in seinen Wortschöpfungen. Und die überaus nötige Putzaktion artet in eine wahre Chaosorgie aus, bei der ich Tränen gelacht habe. 
    Während seiner gerade ausgeführten Aufgabe macht sich Lars ausufernde Gedanken, die meistens mit der Aufgabe kaum etwas zu tun haben. Mit diesen Denk-Ergüssen stellt er seiner Leserschaft seine Familie und seine eigenen Unzulänglichkeiten vor. Man kann sich während des Lesens nur wundern, dass Johanna nicht schon längst die Reißleine gezogen hat und dass ihn seine Kinder nicht für völlig unfähig halten.   

    Lars möchte seinem Leben neuen Schub geben und seiner Familie beweisen, dass er auch ein Macher ist. Deshalb will er sich ändern und endlich mal etwas bewegen. Doch mit jeder kleinen Aktion erkennt man seine schräge Verpeiltheit, lacht über merkwürdige Vorgänge und hofft inständig, dass ihm seine Aufgabe gelingt. Am meisten habe ich darüber gelacht, wie sich Lars bei jeder noch so kleinen erledigten oder nicht erledigten Sache feiert.
     
    Eine literarische Perle, die uns die Unzulänglichkeiten der Trägheit vor Augen hält, die uns von vielen Aufgaben des Lebens abhält. Doch wenn die Liebe in Gefahr ist, muss man etwas bewegen!


    ***Herzlichen Dank an den Ki Wi Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***

     

    Montag, 5. August 2024

    Pi mal Daumen - Alina Bronsky

    Menschliche Symbiose

     
    Alina Bronskys Roman "Pi mal Daumen", das Buch erscheint im Kiepenheuer & Wisch Verlag.
     
    Oscar Maria Wilhelm Graf von Ebersdorff ist 16 Jahre, hochbegabt und startet ein Mathematik Studium, bei dem er die auffällige Kommilitonin Moni kennenlernt. Sie ist 53 Jahre alt, mehrfache Großmutter und hat mehrere Jobs. Aber auch ihr liegt die Mathematik am Herzen und sie möchte sich noch spät beweisen.
     


     
    Der Roman wird aus Oscars Sichtweise erzählt, der zunächst glaubt, Moni wäre keine Mitstudierende, sondern Kantinenpersonal und so belächelt er sich auch, als sie in den Vorlesungen auftaucht. Doch mit der Zeit erkennt er Monis liebenswerte und hilfreiche Art und staunt nicht schlecht, welche familiären Aufgaben und Jobs sie auch noch übernimmt. So unterschiedlich Oscar und Moni auch sind, sie bilden eine Arbeitsgruppe, von der beide profitieren und es entwickelt sich daraus sogar eine tiefere Freundschaft.

    Mein Eindruck vom privilegierten Oscar hat sich im Laufe der Geschichte mit seiner persönlichen Entwicklung gewandelt. Anfangs ist er der typische Hochbegabte, der Mathe-Nerd, dessen Intellekt ihn anderen überlegen macht und der nur bestrebt ist, eine berühmte Mathekoryphähe kennen zu lernen. Zum Teil lassen sich bei ihm autistische Züge erkennen, denn im Umgang mit anderen Menschen geht er auf Distanz. Doch die auffällige, beliebte, lebensnahe und arbeitssame Moni zeigt ihm, wie das wahre Leben läuft. Sie lebt ihm andere Ebene vor und zeigt, dass auch Frauen im gehobenen Alter Fähigkeiten und Träume haben, für die sie bereit sind, alles zu geben. Im wahren Leben ist Moni diejenige, die ihm haushoch überlegen ist.  
    Mir war schnell klar, dass in diesem Buch Moni meine Lieblingsfigur ist, weil sie zwischenmenschliche Kontakte fest in ihr Leben einplant und auch für diese Menschen da ist. Das merkt Oscar am eigenen Leib und entwickelt gewisse Zugehörigkeitsgefühle, die manchmal auch Eifersucht aufzeigen.

    Da sich Oscars Leben ja an der Uni abspielt, beeinhaltet der Roman auch mathematische Themen und so wird mit Formeln jongliert und Gedankengänge über vierdimensionale Politope erörtert oder über die Taylor-Formel diskutiert. Das habe ich persönlich inhaltlich eher ausgeblendet, Mathefreaks können sich hier aber sicher gedanklich inspirieren lassen. Mich haben diese Themen aber nicht von der Botschaft des Romans abgelent, der darauf abzielt, zu zeigen, wie sich Menschen auch trotz großer Unterschiede näher kommen, sich unterstützen und gegenseitig akzeptieren und schliesslich zu einem Wir-Gefühl kommen.
     
    Es gibt viele Szenen, die sich interessant lesen lassen und dir mit Humor und Leichtigkeit die Entwicklung und Tiefe von menschlichen Kontakten aus verschiedenen Lebensmodellen sichtbar machen. Das ist es doch, was uns Menschen ausmacht! 
     
    Ein sehr unterhaltsamer Roman, der das zwischenmenschliche Leben in der Vordergrund rückt.
     
    ***Dieses Buch habe ich mir über Prämienpunkte bei Vorablesen ertauscht! Herzlichen Dank dafür!***
     

     

    Freitag, 16. Februar 2024

    Mühlensommer - Martina Bogdahn

    Unverklärte Ansichten über das Landleben
     
    Der Roman "Mühlensommer" von Martina Bogdahn erscheint im KiWi Verlag.
     
    Maria ist erfogreiche Werbegrafikerin, alleinerziehende Mutter zweier Teenager-Töchter und lebt in der Stadt. Als sie gerade einen Ausflug in die Berge unternimmt, erreicht sie der Notruf ihrer Mutter, die nach einem Unfall ihres Vaters Marias Hilfe auf dem Mühlenhof anfordert. Maria fährt zurück ins Dorf, die demente Großmutter und die Tiere müssen versorgt werden.  
     

     
    "Es wird still, wenn ein Leben geht. Ich schaue in den Himmel, ... und ich spüre, wie irgendetwas verschwindet und uns zurücklässt... staunend, wie wenig Zeit da doch zwischen lebendig und tot war." Zitat Seite 229

    Als Maria auf dem Bauernhof eintrifft, hat sie sofort alte Erinnerungen an ihre Kindheit im Kopf. Ihr kommen die schönen Erlebnisse an unbeschwerte Tage in den Sinn, doch auch die negativen Seiten, die die Tierhaltung, die ständige Bereitschaft für die Tiere und die harte Arbeir mit sich bringen. 

    Martina Bogdahn versetzt ihre Leser mitten hinein in den Alltag auf einem Bauernhof und setzt mit den Geschichten viele Emotionen in Gang. Denn hier werden nicht nur schöne Kindheitserinnerungen an das Leben mit Tieren oder an das Toben im Heu wach, es gibt auch eine mit allen blutigen Details erzählte Schweineschlachtung, bei der wir die betroffenen Gefühle und Gedanken Marias hautnah miterleben und mit ihr leiden.

    Marias Kindheit auf dem Mühlenhof war kein Urlaub auf dem Bauernhof mit angenehmen Dingen wie Tiere streicheln oder im Heu toben. Sie wurde genau wie ihr Bruder Thomas zum Arbeiten im Schweinestall oder bei der Hopfenernte eingebunden. Inzwischen sind Jahre vergangen und Maria arbeitet erfolgreich in ihrer Werbeagentur, die Rückkehr auf dem Mühlenhof setzt alte Erinnerungen frei, die nicht immer schön sind. 

    Diese lebendige und feinfühlige Erzählung versetzt mich in die Zeit meiner Jugend, als es ganz selten  Hitzefrei gab und die Bauernhofkinder im Sommer nicht in den Urlaub fuhren, sondern bei der Ernte als Hilfskräfte eingesetzt wurden. In diesem Buch kommen auch die beschwerlichen und arbeitsintensiven Seiten des Landlebens offen und unverblümt zur Sprache. Und hier gibt es auch die kleinen Freiheiten, den gelebten Familienzusammenhalt und ein Leben in der Natur, die hier für positive Stimmungen sorgen.
    Der Erzählstil ist eher einfach, aber dennoch sehr bildhaft und stimmungsbeschreibend. Nach und nach kommt man den Figuren näher und erkennt die Entbehrungen der Familie und kann die harten Arbeitstage auf dem Hof, aber auch den Geruch von frisch gebackenem Brot und einer glücklichen Kindheit miterleben. 
     
    Dieser Roman zeigt das Landleben von seiner ungeschönten Seite, hier liegen Tod und Leben nah beieinander und die tägliche Arbeit ist vorrangig vor allen anderen Dingen des Familienlebens. 
     
    Ein ehrlicher, unverklärter und lebensnah erzählter Roman über das Landleben, der authentisch Erlebnisse, Bauernhofalltag und viele Kindheitserinnerungen aufzeigt.
     
     
     ***Herzlichen Dank für diese Buchprämie an den KiWi Verlag und an Vorablesen!***
     
     
     

    Freitag, 29. April 2022

    Verheizte Herzen - Sarah Crossan

    Wenn Trauer nicht offen ausgelebt werden kann
     
    Ein einnehmender Roman in Versform, der die Tragik menschlicher Gefühle enthüllt


    Im KiWi Verlag erscheint Sarah Crossans Roman "Verheizte Herzen".

    Ana ist Anwältin, verheiratet mit Paul und Mutter zweier Kinder. Sie hat eine heimliche Affäre mit ihrem Kienten Connor, die sie gern öffentlich machen möchte. Doch Connor bleibt bei seiner Frau Rebecca. Eines Tages erfährt Ana ausgerechnet von Rebecca vom Tode Connors. Anas Welt bricht zusammen und sie hat niemanden mit dem sie darüber reden kann. Als Testamentsvollstreckerin hat sie nun häufiger Kontakt zu Rebecca und sucht förmlich deren Nähe. Kann das gut gehen? Und was wird sie über Connors Gefühle erfahren? 
     


    Dieser Roman ist etwas speziell, denn Sarah Crossan schreibt in einer Versform, die ich stylistisch nicht einordnen kann. Das hat mich überrascht und mich auch etwas verwirrt. Insgesamt wurde die Story aber eine runde Sache und es wurden nach und nach Details enthüllt, die die Affäre näher beleuchten und besondere Hintergründe aufdecken. 

    Die Erzählerin Ana wirkt auf mich recht egoistisch und nicht sympathisch, denn sie fühlt sich vom Tod ihres Geliebten regelrecht verraten. Durch sie erfahren wir fast bruchstückhaft verschiedene Fragmente, die uns über die Affäre, die Gespräche mit Connor und Ehemann Paul und über ihre Zerrissenheit in Kenntnis setzen. Ana erzählt uns ihre Handeln, ihre Gedanken, die verletzten Gefühle und nicht erfüllten Hoffnungen und ihre Erinnerungen und springt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Das ist manchmal verwirrend, aber es bildet sich trotzdem ein umfassendes Bild der Liaison.

    Im Verlauf der Handlung werden Dinge verlautbar, die Anas Zweifel zeigen, ihren persönlichen Verlust, ihre verletzten Gefühle und die große Leere. Aber was macht eine heimliche Affäre mit den anderen Partnern und ihren Familien? Egal, wie man sich entscheidet, es gibt immer Leidtragende. In diesem Fall ist Ana durch den Tod ihres Geliebten vor Trauer erfüllt und sucht ausgerechnet die Nähe von Connors Ehefrau. Denn auch sie trauert ja um den gleichen Mann. Dadurch fühlt sich Ana ihr ganz nah und lernt sie näher kennen. 

    Für besondere Spannung sorgt der Umgang beider Frauen, der mit der rechtlichen Abwicklung der Erbschaft beginnt. Ich habe mich gefragt, ob Rebecca Kenntnis von Connors Liebschaft mit Ana hatte. 
     
    "Verheizte Herzen" hat mich gebannt in einen Lesesog versetzt und bis zum Schluß gefesselt. Durch die lockere Versform lässt sich der Roman schnell weglesen und überrascht mit einer unerwarteten Offenbarung am Ende. 
     
    "Verheizte Herzen" ist ein besonderer Roman, der mit Intrigen, Liebe, Heimlichkeit und Betrug das menschliche Verlangen beschreibt und zu überraschen vermag. 
     
     
    ***Herzlichen Dank an Vorablesen und den KiWi Verlag für dieses Rezensionsexemplar!***
     
     
     


    Montag, 11. April 2022

    Sommerschwestern - Monika Peetz

    Unterhaltsamer Roman über Spannungen im Urlaubsparadies 

    Alte Familienbande werden neu geschmiedet
     
    Der Roman "Sommerschwestern" von Monika Peetz erscheint im KiWi Verlag

    Jahrelang verlebten die vier grundverschiedenen Schwestern Doro,Yella, Helen und Amelie unbeschwerte Sommerferien in ihrem Feriendomizil in Bergen an der holländischen Küste, bis sie als Teenager dort ihren Vater durch einen Unfalltod verloren. Ganze 20 Jahre später lädt ihre eigenwillige Mutter sie zu einer gemeinsamen Reise nach Bergen ein. Die vier Frauen ahnen, dass ein besonderer Grund vorliegen muss und sie folgen der Einladung neugierig, aber zum Teil auch eher unwillig.  
     


    Im Mittelpunkt der Erzählung steht Yella, die zweitälteste Schwester. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Söhnen. Aus Yellas Sicht nehmen wir am Familientreffen teil und sehen welche Entwicklungen sich dort ergeben und erfahren in Rückblenden von Kindheits-Erlebnissen im Sommerurlaub, von den Erinnerungen an den Vater und von den Konflikten, die zwischen Mutter und Töchtern damals wie heute bestehen. Die Familie hat sich auseinander gelebt und die Schwestern stehen sich nicht mehr sehr nahe. Doch dieses Treffen bietet die Möglichkeit, zu reden und sich wieder anzunähern. 

    Besonders Yella erfahrt bei dieser Reise eine Rückbesinnung auf alte Zeiten und lernt, damit umzugehen und daraus eigene Erkenntnisse für ihr Leben zu gewinnen. 

    Durch den mitreißenden, flüssigen und sehr eingängigen Schreibstil liest sich das Buch wie von selbst. Man wird schnell warm mit der Familie und erlebt in bildhaften Beschreibungen die Orte, Naturschilderungen und Stimmungen einfühlsam mit und taucht als heimliche Beobachterin in die Handlung ein. Es war, als wäre ich selbst mit in dieser Gegend unterwegs gewesen und konnte die Kindheitsgefühle wunderbar mitleben. Das eingebaute Niederländisch sorgt für die nötige Stimmung, obwohl ich nicht alles verstanden habe.  

    Die sich langsam herauskristallisierenden Familiengeheimnisse sorgen für kleine Spannungsmomente, mehr interessiert haben mich aber die Konflikte innerhalb der Familienmitglieder und wie sie lernen, miteinander umzugehen. Die Charaktere fand ich gut herausgearbeitet, wobei Mutter Henriette mich mit ihrer kritischen Art nicht überzeugen konnte. Ständig erteilt sie Yella, die ihr im Verhalten recht ähnlich ist, Ratschläge, lässt aber ihr eigenes Handeln nicht hinterfragen. Der Roman lässt Lebensträume aufblitzen, zeigt aber auch die realen Probleme, sowie die schönen Momente innerhalb einer Familie.

     
    An dieser gut zu lesenden Familiengeschichte schätze ich die besondere Charakterausarbeitung und den eingängigen Erzählstil, der für unterhaltsame Lesezeit gesorgt hat.
     

     

    ***Herzlichen Dank an den KiWi Verlag und an Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***

     


     

    Sonntag, 6. März 2022

    Gezeitenmord - Dennis Jürgensen

    Ein guter Auftakt mit reichlich Luft nach oben

    Im Kiwi Verlag erscheint der Krimi "Gezeitenmord" von Dennis Jürgensen.

    Der Lehrer Lasse und sein Schüler Villads sind bei einer Wattwanderung in eine Nebelbank geraten und irren herum, dabei finden sie einen Toten. Lykke Teit übernimmt erstmalig die Ermittlungen in diesem Mordfall im Deutsch-Dänischen Grenzgebiet. Sie kannte den Toten, um aber den Fall nicht entzogen zu bekommen, verschweigt sie das. Von deutscher Seite bekommt sie Unterstützung von Rudi Lehmann von der Flensburger Mordkommission und sie konzentrieren ihre Ermittlungen auf die Bewohner des kleinen Dorfes Melum. Es gilt aber nicht nur den Mord aufzuklären, denn Lasse wurde niedergeschlagen und Villads ist seitdem wie vom Erdboden verschwunden. Und es gab schon einmal ein vermisstes Kind im Dorf Melum.

    Bei diesem Krimi habe ich mich auf ein neues Ermittlerteam gefreut und wurde nicht enttäuscht. Lykke und Rudi waren mir schnell sympathisch, auch wenn sie grundverschieden sind, kommen sie gut miteinander aus und ergänzen sich perfekt. Beide tragen dunkle Erlebnisse aus der Vergangenheit mit sich, die jedoch nur informationshalber in die Handlung einfließen. Bei der Zusammenarbeit mit der recht unfähigen Provinzpolizei wird es durch ihre übergeordnete Befugnis schwierig, denn die ortsansässigen Beamten fühlen sich der Aufgabe durchaus gewachsen. Die Einbindung solcher Klischees sorgt immer für einen besonderen Unterhaltungskick, den ich in Krimis gerne miterlebe. 

    Das erste Kapitel (Ist das dann ein Prolog?) wirkte auf mich sehr nebulös, etwas unheimlich und im Ganzen ziemlich fragwürdig. Mit den beschriebenen Vorgängen konnte ich erst viel später etwas anfangen. 

    Dennis Jürgensen hat einen sehr flüssigen Schreibstil und führt mit recht bildhaften Beschreibungen angenehm durch die Handlung. Man erhält die nötigen Informationen über den Fall und die Personen und wird nicht mit unnötigen Nebensächlichkeiten zugetextet. 

    Der Tote steht in Verbindung mit verschwundenen Kindern und durch die Nachforschungen durchdenken Lykke und Rudi ständig den Wendungen angepasste neue Theorien, die man gespannt verfolgt. Doch gerade mit diesen häufig durchdachten und dann wieder verworfenen Theorien habe ich mich schwer getan. Das wirkt auf Dauer nicht mehr spannend, weil man kaum noch eigene Ideen zu den Tatvorgängen entwickeln kann und dann das Interesse irgendwann nachlässt. 

    Ein guter Auftakt einer Krimireihe mit sympathischen Ermittlern und einem interessanten Fall im Deutsch-Dänischen Grenzgebiet. Auf die nächsten Fälle bin ich schon gespannt.

     

    ***Herzlichen Dank an den Kiwi Verlag und an Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***