Sonntag, 5. Januar 2020

Violet - Tracy Chevalier

Ein einfühlsamer Roman der leisen Töne über Verlust und Stärke



Tracy Chevaliers historischer Roman "Violet" erscheint im Atlantik Verlag im Hoffmann & Campe Verlag. 

1932 in England. Violet Speedwell verlässt nach dem Verlust ihres Verlobten ihre Heimat und ihre Mutter und beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Sie arbeitet bei einer Versicherung als Schreibkraft. Violet schliesst sich einer Gruppe von Frauen an, die Stickereien für die Kathedrale von Winchester anfertigen. Was als bloße Beschäftigung beginnt, nimmt Violet immer mehr für sich ein. Sie geniesst die Freundschaft unter den Stickerinnen und lernt Arthur kennen, der die Glocken des Kirchturmes läutet.  


Es ist die Geschichte einer Frau, deren Hoffnungen auf einen Ehemann und eine eigene Familie sich durch die Kriegsjahre zerschlagen haben. Violets Bruder und ihr Verlobter fielen beide im Ersten Weltkrieg. Sie lebt bei ihrer verbitterten Mutter, ist mittlerweile 38 und gilt damit als alte Jungfer. Es gibt einen Frauenüberschuss und der macht dieser Generation von Frauen das Leben schwer. Es wird von ihnen erwartet, dass sie sich für ihre Familie opfern, ein eigenständiges Leben oder Kontakte zu Männern werden ihnen übel genommen oder schlicht nicht gestattet. In Winchester beginnt Violet ein neues Leben, fern von ihrer sie gängelnden Mutter. Sie ist von nun an auf sich allein gestellt und entwickelt neuen Lebensmut.

Mir hat es gefallen, wie dieser ruhig erzählte Roman langsam an Fahrt aufnahm. Es geht mit eindringlichen Beschreibungen von Stickereien, Stimmungen und Erlebnissen tief in diese Zeit hinein, die familiäre Situation Violets und die herrschenden Standesdünkel werden spürbar. Dank der etwas distanziert beschriebender Charaktere bekommt man einen deutlichen Eindruck des Denkens und Handelns dieser Zeit. Auch Violets Gefühle und ihr neuer Lebensmut bekommt einen besonderen Stellenwert in dieser Geschichte. Sie entwickelt sich durch die Gemeinschaft und durch Freundschaften in der Stickgruppe weiter, wird selbstbewusster und findet ihren Weg auch als Single-Frau. Schliesslich lernt sie den Glöckner Arthur kennen, wird von seiner Leidenschaft fürs Glockenläuten angesteckt und fühlt sich zu dem verheirateten Mann hingezogen.

Zu Beginn der Geschichte machten die Beschreibungen des englischen Kleinstadtlebens auf mich noch keinen besonderen Eindruck. Aber nach und nach konnte ich mich in die Szenerie hineinversetzen, entdeckte die gängigen Rollenklischees und merkte, wie Violet allmählich einen eigenen Weg einschlug und damit neuen Lebensmut gewann. Der Roman nahm mich immer mehr gefangen und liess mich nicht mehr los.

Interessant finde ich die Tatsache, dass es die Leiterin der Stickgruppe, Louisa Presel, wirklich gegeben hat. Die Beschreibung der Straminstickerei, die verschiedenen Stiche und Knoten werden sehr ausführlich und detailliert beschrieben. Sämtliche Knie- und Sitzkissen in der Kathedrale von Winchester wurden von Hand angefertigt und die Stickerei hat dort eine lange Tradition.

Tracy Chevalier schafft es sehr gelassen und akzentuiert, das Leben und das Schicksal einer alleinstehenden Frau zu schildern und dabei den Zeitgeist nachfühlbar zu machen. Ihre Sprache ist bewegend, eindringlich und warmherzig und man wird unweigerlich in dieses Buch hineingezogen. Seite für Seite oder zum Buch passender gesagt: Stich um Stich hat sich Violet in mein Herz gestickt und dort einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie wurde mir immer vertrauter und ich musste diesen Roman gespannt bis zum Ende verfolgen.


Ein wundervoller Roman der leisen Töne, empathisch beschreibend, eindringlich und warmherzig bewegend. Er zeigt die Schicksale einer Frauengeneration auf, die durch Krieg und Verlust ihre Hoffnungen begraben mussten und für sich neue Lebenswege finden mussten. Violet hat diesen persönlichen Glücksweg gefunden, bei dem sie sich über Konventionen hinwegsetzte und eine starke Persönlichkeit wurde.
 

***Herzlichen Dank an den Atlantik Verlag und an Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar!***



 Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Kommentare:

  1. Liebe Barbara,
    ich habe von ihr "Der Ruf der Bäume" gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Sie schreibt so eindringölich, aber die Bücher nehmen erst mit der Zeit fahrt auf und sind eher ruhig gehalten. Oftmals kommt der Nachhall erst später. Ich kann mich noch heute sehr gut an den Roman damals erinnern, obwohl ich so viel lese und mir nicht alles im Kopf bleibt, aber beim Ruf der Bäume habe ich noch sehr viel im Kopf. Ich denke, falls ich an ihren neuen Roman komme, werde ich ihn definitiv auch lesen. Ich habe aber auch noch zwei alte Bücher von ihr auf dem SuB und "Das Mädchen mit Perlohrring" kenne ich selbstverständlich auch - als Film.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina,

      "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" war eines meiner Lieblingsbücher ever. Leider habe ich dazu keinen Post auf meinem Blog. Das Buch ist ein Traum, und der Film bringt durch die Farbwahl natürlich einen besonderen Effekt, der fantastisch die Malerei nachahmt.

      Der Schreibstil ist wunderbar, ich werde mir deinen Tipp mal merken. Nun geht der Lese-Stress des Jahres wieder los. *Lach

      Liebe Grüße
      Barbara

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  2. Liebe Barbara,
    das klingt ganz danach, als könnte es mir gefallen. Ich habe "Der Ruf der Bäume" von der Autorin auf dem SuB und hoffe, dass ich bald mal dazu kommen werde, das Buch zu lesen. Es wäre wirklich sinnvoll, wenn ich mich 2020 etwas mehr um einen SuB kümmern würde *seufz*, denn den habe ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt.
    Liebe Grüße
    Susanne

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    1. Liebe Susanne,

      mir geht das auch dauernd so, mehr lesen zu wollen als zu können.
      Mein SuB ist noch erträglich und ich habe auch einige Bücher davon entfernt, bei denen ich mir sicher war, dass ich sie nicht lesen werde.

      Liebe Grüße
      Barbara

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  3. Liebe Barbara,
    deine Lesemeinung hat mich angesprochen. Danke dafür. So werde ich es mir erst einmal merken, denn für 2020 habe ich mir vorgenommen, die zig eingestaubten Bücher mal in die Hand zu nehmen. Entweder lesen oder aussortieren. Mal schauen.
    Liebe Grüße Hanne

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    1. Liebe Hanne,

      das freut mich, ich war übrigens sehr lange am Überlegen, ob ich sogar 5 Sterne vergeben soll. Doch dafür waren die Beschreibungen manchmal zu ausführlich.

      Aussortieren ist ein gutes Stichwort. Ich habe auch einige Bücher einfach mal in den Bücherschrank gebracht. Was so lange keinen Lesesog auswirkt, wird wohl auch nicht mehr gelesen.

      Liebe Grüße
      Barbara

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  4. Guten Abend liebe Barbara,
    ein sehr interessantes Buch, welches zwar nicht ganz mein Genre ist, aber auf jeden Fall sehr ansprechend ist.
    Dein Fazit macht auf jeden Fall Lust direkt darin zu stöbern.
    Herzliche Grüße und einen schönen Abend
    Andrea ♥

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    1. Liebe Andrea,

      man muss sich in Ruhe auf diesen Roman und die Zeit einlassen, dann wirkt der Zauber ganz allmählich.

      Wer gerne Handarbeiten anfertigt wie du, wird vielleicht noch eher den Zugang finden.

      lg Barbara

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